Ein Hauch von documenta in Kassel

Seit Mai des letzten Jahres arbeite ich im Bereich Backoffice und Kommunikation im Mercedes-Benz Werk Kassel, Europas größtem Produktionswerk für Nutzfahrzeugachsen und Achskomponenten in der Daimler AG. Sagen wir mal so: Unsere Achsen bewegen die Welt.

Center of Competence: Ohne uns würde keine G-Klasse, kein Sprinter, kein Bus bzw. Antos oder Actros über die Straßen rollen, denn wir produzieren genau für diese Fahrzeuge die Vorder- und Hinterachsen. Das ist aber noch nicht alles. Selbst mit Achsen bliebe noch so manches Fahrzeug bewegungslos, denn auch Gelenkwellen und Achsgetriebe sind in unserem Produktportfolio zu finden. Gerade im Bereich der Achsgetriebe sind wir Center of Competence, soll heißen Technologieführer in Sachen mechanischer Bearbeitung. So verlassen jährlich zirka eine halbe Million Achsen und fast genauso viele Achskomponenten unser Werk, um an den unterschiedlichsten Standorten in Deutschland, Europa und der ganzen Welt in den Fahrzeugen verbaut zu werden.

Gemeinsam mit meinen Kolleginnen in der Kommunikation habe ich schon so manch spannendes Projekt hier im Werk Kassel realisieren können. Die Vielfalt spielt dabei eine große Rolle, beginnend mit der Direktkommunikation an unsere knapp 3000 Mitarbeiter über die Ausplanung werksinterner Veranstaltungen wie Vorstandsbesuche, Betriebsversammlungen oder Meistertage bis hin zum Eventmanagement (Familientage, Produktanläufe oder externe Events für Führungskräfte). Bei dieser Gelegenheit treffe ich regelmäßig auf interessante Persönlichkeiten aus dem Konzern und aus der regionalen Wirtschaft, Kultur- und Kunstszene.

Und Letztere liefert mir auch das Stichwort für unser aktuelles Projekt im Werk Kassel, mit dem wir uns auf neue Wege begeben. Zum ersten Mal werden wir Bestandteil eines Kunstprojektes mit dem Titel WERK/KUNST/WERK sein, und unser „Informationscenter-Achse“,  der Besucher- und Tagungsraum im Werk, in ein Kunstatelier verwandeln. Damit zieht ein Hauch von documenta in unser Werk ein.

Kurz erklärt – die documenta ist die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet und jeweils 100 Tage dauert. Die erste documenta wurde 1955 veranstaltet und geht auf die Initiative von Arnold Bode zurück. Aktuell laufen die Planungen für die documenta 14 im Jahr 2017 auf Hochtouren.

Zurück zum Projekt: Anfang November des letzten Jahres bekamen wir eine Anfrage vom Verband der Metall- und Elektro-Unternehmen Hessen,  in dem wir als Werk Mitglied sind, ob wir im Rahmen ihres 125-jährigen Bestehens in 2015 uns an einem Kunstprojekt beteiligen möchten. Geplant sei, mit der Unterstützung von etwa vierzehn Mitgliedsunternehmen, eine Ausstellung mit firmenspezifischen Kunstwerken auf die Beine zu stellen. Die Künstler sollten dazu durch den Kasseler Kunstverein vorgeschlagen und gemeinsam mit dem jeweiligen Unternehmen ausgewählt werden. Der Künstler reist dazu für einen Zeitraum von ca. zwei Wochen an und erstellt das Kunstwerk in den Räumlichkeiten des Unternehmens.

Nach anfänglichem Zögern und mehreren Diskussionen über das Wie und Wo gaben wir schließlich dem Verband eine positive Rückmeldung. Mitte November 2014 trafen wir uns mit dem AGV und dem Kunstverein, stellten unser Werk, die Produkte und unsere Werte vor, um einen passenden Künstler für das Projekt auswählen zu können.

Der Künstler kommt: Die Wahl fiel auf einen amerikanischen WordArt Künstler namens Michael Winkler, der auch sehr spontan noch im Dezember für zwei Tage nach Kassel kam, um sich selbst ein Bild von unserem Achsenwerk zu machen. Mit vielen Bildern, Informationen, und Prospekten im Gepäck trat er die Heimreise an, um sich auf seinen knapp zweiwöchigen Aufenthalt ab 5. März 2015 vorzubereiten.

Es geht los: Nun ist Winkler  in Kassel angekommen und widmet sich voll und ganz seinem Projekt. Wir möchten auch unsere Mitarbeiter in den Entstehungsprozess einbinden und bieten an drei Tagen pro Woche Öffnungszeiten des Kunstateliers an. Als Dankeschön für den Besuch bekommt jeder Mitarbeiter von Michael Winkler einen limitierten und signierten Kunstdruck mit dem Namen „Rolle“, der auf künstlerische Weise die Produkte aus dem Werk Kassel darstellt.


 Wer ist eigentlich dieser Michael Winkler?

Er ist 1952 in Lima, Ohio geboren und wohnt und arbeitet heute in New York. Er beschäftigt sich mit visueller Kunst, der zwei wichtige Bausteine zugrunde liegen, die unwiderruflich miteinander verbunden sind. Auf der einen Seite die Sprache, besser gesagt das lateinische Alphabet, und auf der anderen Seite abstrakte Formen wie Punkte, Linien, Kreise und Rechtecke. Beide kombiniert er miteinander und lässt aus Worten abstrakte Formen entstehen.

Wie genau das funktioniert, beschreibt er wie folgt:

Um abstrakte Formen mit Hilfe der Schreibweise von Wörtern zu erzeugen, werden die 26 Buchstaben des lateinischen Alphabets als kreisförmige Anordnung von 26 Punkten dargestellt. Jeder Punkt repräsentiert den Platz für einen bestimmten Buchstaben. Werden nun Linien von Punkt zu Punkt gezogen, in der Reihenfolge der Schreibweise des jeweiligen Wortes, entsteht automatisch eine abstrakte Form.

Ok, soviel wissen wir nun. Und noch etwas. Bei seinem ersten Besuch hier im Werk habe ich ihm alle möglichen Achsen, Komponenten und Einzelteile gezeigt, die wir hier verbauen. Michael Winkler hat dabei schon recht schnell ein wichtiges Bauteil für sein Projekt entdeckt, welches – und das freut auch uns besonders – auch für das Werk Kassel eine wichtige Rolle spielt, nämlich das Tellerrad unserer schweren Lkw-Hinterachsen. Ich hab schon erwähnt, dass wir gerade bei diesem Bauteil, welches eine Komponente des kompletten Radsatzes (Achsgetriebe) der Hinterachse ist, eine hohe Fertigungskompetenz aufweisen können. Für den Künstler, der das Tellerrad natürlich aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, ist es nicht nur einfach ein rundes, bearbeitetes Bauteil. Nein, für ihn steckt noch mehr dahinter.

Was genau er noch in unserem Tellerrad sieht hat er mir anhand einer kurzen Science-Fiction Geschichte erklärt:

Stell Dir vor eine andere hochentwickelte Zivilisation besucht die Erde und findet das Zahnrad. Was würde es über uns verraten? Komplexe maschinell hergestellte Objekte werden immer von mehr als einer Person erschaffen. Das bedeutet, das Zahnrad würde ihnen verraten, dass wir zusammengearbeitet haben, um es zu produzieren. Und der Grad der Zusammenarbeit würde ihnen verraten, dass wir sehr gute Sprachkompetenzen und eine hoch entwickelte Kultur haben. Sie würden verstehen, welche Aufgabe das Zahnrad in einer Maschine hat, da es sich dabei um ein fundamentales mechanisches Gerät handelt.

Die hohe Funktionstauglichkeit des Zahnrads und seine ultra-effiziente Konstruktion würde ihnen sagen, dass unsere Gesellschaft Wert auf innovative Verfeinerungen legt, was ein Zeichen dafür wäre, dass wir an ständiger Verbesserung interessiert sind. Sie würden unserer Zivilisation Respekt zollen.

Er sagt weiter: Deshalb ist für mich als visuellem Künstler / Konzeptkünstler das große Zahnrad nicht einfach ein Teil einer mechanischen Konstruktion oder ein optisch schönes Objekt, sondern ein Zeichen, das Informationen trägt. Es ist wie das Zeichen einer Sprache, außer dass es universell verständlich ist, weil seine Form ein mechanisches Konzept zum Ausdruck bringt, das den physikalischen Naturgesetzen entspringt.

So hab ich das noch nicht betrachtet, ich wäre wahrscheinlich auch nie auf die Idee gekommen, es so zu sehen. Aber dafür gibt es ja die Kunst.

Ich bin gespannt, wie Michael Winkler unser Tellerrad, das lateinische Alphabet und die abstrakten Formen auf die Leinwand bringt. Denn, das hat er mir schon verraten, er wird auch mit Pinsel und Farbe agieren.


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
Bisher keine Bewertungen.
Bitte warten...

Tags: , , , , , , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er arbeitet im Bereich Backoffice und Kommunikation im Mercedes-Benz Werk Kassel. Sein Aufgabenfeld reicht von der Direktkommunikation bis hin zum Eventmanagement.

Lernen Sie weitere Autoren kennen oder lesen hier mehr über das Blog.

Die letzten 5 Kommentare

  1. Flüssiges Gold: Besuch bei den Daimler-Bienen

    franz einfeld: Super artikel und ich würde auch gerne bei ihnen honig kaufen aber leider geht es...

  2. Kamera für den KTL-Ofen: Durchblick bei 180 Grad

    Meissner: „Wir werden die Reisen fortsetzen, die wir begonnen haben und mutig zu all den...

  3. Erstklassiger Bus für ein erstklassiges Team!

    Jennifer Armbruster: Hallo Tim, super Beitrag – sehr authentisch geschrieben, gefällt mir...

  4. Gastbeitrag: Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus?

    Ingrid Ullmann-Bammer: Nicola TESLA, dieser grosse Geist!!!! ELEKTRO-AUTOS Endlich sind wir...

  5. Wer geht denn schon zur Hauptversammlung?

    Thorsten Zanker: Hallo Herr Tuncyürek, die wichtigsten Fragen & Antworten zur...