Der Dicke – und wie es dazu kam

Wenn man sich an sein erstes Auto zurückerinnert, dann werden die meisten Leute von einem kleinen, PS-schwachen Fahrzeug in schlechtem Zustand berichten. Der Motor ölt und dröhnt, die Karosserie ist rostig, die Sitze sind durchgesessen und und und …

Aber zuerst kurz zu meiner Person: aktuell arbeite ich im Projektmanagement in Untertürkheim an der Entwicklung einer neuen Motorengeneration. Dabei unterstütze ich die Strategische Projektleitung in der Terminplanung, im Änderungsmanagement, bei der Koordination von Prüfaufträgen und so weiter. Dabei entwickeln wir aktuell auch einen Motor, der seinen Weg in die neue S-Klasse finden wird. Was erzählerisch wieder die Brücke zu meinem ersten Fahrzeug schlagen kann. Wo war ich?

Wie gesagt, es gibt Ausnahmen beim ersten Fahrzeug – mich zum Beispiel. Bei mir begann die Autokarriere mit einem Anruf eines Freundes der einen Interessenten für ein Fahrzeug eines kürzlich verstorbenen Unternehmers suchte und bestimmt nicht damit gerechnet hatte, dass er in mir genau seinen Kandidaten gefunden hatte.

Viel Auto für wenig Geld

Der Dialog verlief etwa wie folgt, und man beachte die Gesprächsanteile: „Sag mal, kennst du jemanden der einen alten 140er sucht? S300, Reihensechsmotor, Baujahr 1991, Bornit, Schalter, Stoffsitze, keine Klima, 230.000 km, kein Rost. Hat ein älterer Herr gefahren und der steht da nun so rum, muss weg. Knapp unter 3000 Euro. Müssen wir noch verhandeln.“ „Ja, kenn‘ ich.“ „Wer denn?!“ „Na, ich natürlich!“ Mein Freund war entsprechend überrascht und ich natürlich auch: Wobei, eigentlich war ich nicht wirklich überrascht, denn für das Geld so viel Auto, da konnte doch nichts schief gehen. Vorerst…

„Oh Backe ist der breit“

Als ich zum Parkplatz kam, auf dem das Auto stand, war ich echt beeindruckt von der Breite, der Länge und überhaupt der ganzen Erscheinung des Wagens. Das merkt man dann auch, wenn man das erste Mal durch eine Autobahn-Baustelle fährt und voller Übermut und Ahnungslosigkeit den ersten LKW überholen möchte. Ok, manche würden das Ganze dann als Elefantenrennen titulieren, aber lassen wir das. Aber seitdem hat er natürlich seinen Ruf weg „Oh Backe ist der breit“. Seitdem nenne ich ihn einfach nur noch „Der Dicke“ und jeder weiß Bescheid.

Oase der Stille

Nach einer kurzen Phase der Eingewöhnung wurden dann Kilometer um Kilometer in einer Oase der Stille heruntergespult und nur gelegentlich von einem zarten Knurren des Reihensechsers begleitet. Die Doppelverglasung und die überragende Fahrzeug-Dämmung, sowohl Geräusch- als auch Fahrwerkseitig, sind einfach phänomenal!

Doch man wird auch sehr anspruchsvoll, denn plötzlich geschah das was einen in einer leisen Umgebung verrückt werden lässt – ein Klackern, unregelmäßig und lauter werdend. Woher das wohl kommt oder was das nur sein kann?! Wie sich herausstellte waren es „nur“ die Traggelenke, Spurstangen, Koppelstangen, Querlenker, etc…. Aber man wächst ja schließlich mit seinen Aufgaben und deshalb habe ich die Teile in Eigenleistung in der Werkstatt eines Freundes unter Anleitung ausgetauscht und anschließend weitere knapp 100.000 km abgespult. Aktuell steht der 300er in der Garage und wartet auf kleinere kosmetische Retuschen an der Karosserie und an den Sitzen.

300er oder 500er … oder beide?

Eigentlich würde meine Erzählung hier enden, jedoch kommt es oft unerwartet und auch diesmal begann es mit einem Telefonat: „Du ich kenne da jemanden, der hat genauso einen Wagen wie du, nur als 500er, mit allen möglichen Extras und gar net sooo teuer, wäre das nix für dich?“ Sie ahnen es, nach einer kurzen Inspektion, einer noch kürzeren Bedenkpause war ich Eigentümer eines zweiten W140. Jetzt wurde die Sache langsam verrückt. Aber gut wenn man Freunde mit einer Garage voll mit alten S-Klassen hat. Dort steht nun der Dicke mit dem alles begann.

Europa schrumpft zum Bundesland

Auch mit dem 500er wurden dann etliche Kilometer auf den Autobahnen heruntergespult und dank einer Gasanlage der Marke Prins waren diese annähernd so günstig wie mit einem Mittelklassewagen. Europa schrumpft zu einem Bundesland und man fährt mal eben nach Mailand und zurück nach Stuttgart in einem Rutsch.

Oder von Stuttgart nach Müritz, zurück und wieder nach Lübeck und zurück, innerhalb einer Woche. Warum? Weil man am Ende der Reise entspannter aus dem Auto aussteigt als man vorher eingestiegen ist. Denn das Schöne an einem W140, und ich behaupte egal mit welchem Motor oder Ausstattung, ist einfach die Souveränität mit der man seine Reisen zurücklegen kann.

Wenig blinkt und noch weniger piept

Man ist nicht unbedingt der schnellste, man hat bestimmt auch nicht annährend so viele Gimmicks wie in einem W222 und über die Proportionen kann man sich streiten, aber irgendwie beruhigt die Klarheit der Linienführung, die wenigen Knöpfe und Anzeigen. Wenig blinkt und noch weniger piept – einfach nur das Geräusch des Motors und zwei Tonnen Leergewicht, die sich unaufgeregt durch den Verkehr schieben. Und genau das ist es was mich immer wieder begeistert und weshalb ich jedem nur empfehlen kann einmal im Leben einen 140er gefahren zu haben – oder zwei :)


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er arbeitet im Projektmanagement der Motorenentwicklung im Werk Untertuerkheim. In seiner Freizeit hegt und pflegt er am liebsten seine beiden W140er S-Klassen.

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