Weder „Giga“ noch „Monster“ – einfach „Lang-Lkw“

Zum Thema Lang-Lkw haben ja viele eine Meinung und oft auch ein Bild vor Augen: Mächtige Langhauber ziehen wie australische Road-Trains riesige Anhänger mit gewaltigen Lasten über Deutschlands Straßen, am besten noch durch enge Altstadt-Gassen.

Kann man ja überall lesen, über „Gigaliner“ oder, noch krasser, „Monster-Trucks“. Und für die Kritiker eh‘ klar: Die Dinger sind gefährlich, zerstören Umwelt und Straßen und gehören nicht in den Verkehr. Oder wie es ein Hörfunk-Redakteur am Telefon etwas spitz ausdrückt: „Möchten Sie vielleicht, dass am Stauende so ein Ungetüm ungebremst auf Sie auffährt?“

Kein Mehrgewicht, nur länger

Ob am Stauende jemand auf mich auffährt, hat zunächst einmal nichts mit dem Gewicht oder der Länge zu tun. Würde ich gerne antworten. Mache ich aber nicht, sondern versuche es sachlich. Meinen Hinweis, dass Lang-Lkw nicht mehr Gewicht transportieren dürfen als normale Trucks, sorgt für Verwunderung. Kurze Pause in der Leitung, dann: Ob denn die Monster-Trucks nicht 60 Tonnen oder mehr….nein, dürfen sie nicht, sage ich.

Feldversuch

Zeit, die Fakten sprechen zu lassen: Ich verweise auf Zwischenergebnisse eines Feldversuchs der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), in dem man seit 2012 detailliert untersucht, welche Auswirkungen der Einsatz von Lang-Lkw auf Umwelt, Infrastruktur und Transport-Systeme hat. Dabei kommen ausschließlich Fahrzeuge mit einer Länge von bis zu 25,25m und einem Gesamtgewicht von max. 40t zum Einsatz (bzw. max. 44t im kombinierten Verkehr mit der Bahn).

Bisheriges Fazit: durchweg positiv

Von den rund 42 Unternehmen, größtenteils Speditionen, wurden in 37.000 Fahrtstunden bislang mehr als 13.500 Fahrten mit über 2.5 Mio km ohne größere Zwischenfälle zurückgelegt. Bisheriges Fazit: Durchweg positiv. Und die wichtigste Erkenntnis: Spediteure berichten, dass sich mit dem Lang-Lkw der Verbrauch und die CO2-Emissionen nachweißlich um bis zu 25% senken lassen.

Denn besonders bei sperrigen oder voluminösen Ladungen transportieren zwei Lang-Lkw (25,25 m, 150 cbm) die Fracht von drei herkömmlichen Sattelzügen (18,65 m, 100 cbm). Das gilt besonders für regelmäßige Zuliefertouren, etwa für die Automobil-oder Papierindustrie. Aber auch für Haushaltswaren oder Lebensmittel.

Lang-Lkw spart Sprit

Letztlich erspart der Lang-Lkw dem Kunden Fahrten und damit Sprit. So einfach ist das. Experten haben übrigens errechnet, dass sich nur 2 bis 9 Prozent aller Straßengütertransporte überhaupt für den Lang-Lkw-Einsatz eignen würden.

Keine Verlagerung von Schiene auf Straße

Die von den Kritikern befürchtete Verlagerung von der Schiene auf die Straße fand im Rahmen des Feldversuchs übrigens nicht statt, denn der Lang-Lkw wird von den Spediteuren v.a. bei regelmäßigen und oftmals zeitkritischen „Systemverkehren“ eingesetzt, also direkten Fahrten von der „Quelle“ (dem Aufladepunkt) zur „Senke“ (dem Entladepunkt). Solche Fahrten lassen sich auf der Schiene schlicht nicht effizient darstellen, es sei denn jeder Zulieferer bekäme seinen eigenen Bahnsteig und Lokführerstreiks würden abgeschafft.

Bisher nur wenige Einsätze möglich

Ob Daimler denn auch schon solche „Lang-Lkw“ im Zulieferbetrieb nutze? Würden wir gerne, dürfen wir aber in fast allen deutschen Werken nicht. Nur das Werk Bremen dürfen wir mit Lang-Lkw anfahren. In Baden-Württemberg ist dies aber noch nicht möglich. Weil die Landesregierung Baden-Württemberg nach Maßgabe ihres eigenen Koalitionsvertrages nicht am Feldversuch teilnimmt, kann z.B. unser Werk Sindelfingen nicht mit den Fahrzeugen angefahren werden.

Beantragung von 19 Strecken in Baden-Württemberg

Da Daimler jetzt bei der Landesregierung die Nutzung von 19 ausgewählten Strecken („Relationen“ sagen unsere Transportlogistiker dazu) beantragt hat, interessieren sich die Medien wieder stärker für das Thema. Zum Job als Pressesprecher im Bereich Kommunikation Nutzfahrzeuge gehört es nicht nur, mich mit Journalisten über den Lang-Lkw auszutauschen und sie mit Fakten zu versorgen, sondern auch die Möglichkeit zu geben, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, für die der Lang-Lkw zum täglichen Geschäft gehört. – z.B. Speditionen, die im Rahmen des Feldversuchs Lang-Lkw im Einsatz haben.

Medien zeigen Interesse

Also ging es – begleitet von Kollegen aus der Transport-Logistik – zunächst mit einem Redakteur der Stuttgarter Nachrichten (StN), dann mit einem Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach Bamberg, zur Spedition Elflein. Während der Kollege der der StN selbst zum Termin anreist, bilde ich mit dem FAZ-Mann eine Fahrgemeinschaft am Stuttgarter Hauptbahnhof.

Auf der Fahrt kommt man mit dem Kollegen natürlich ins Gespräch – interessanterweise vor allem über Themen, die zunächst mal nix mit „dem Daimler“ zu tun haben. Schnell ist man beim Medienwandel, der Nutzung von sozialen Netzwerken oder auch dem stets spannenden Verhältnis zwischen Pressesprechern und Journalisten.

Lang-Lkw keine vorübergehende Erscheinung

In Bamberg angekommen, halte ich dann erstmal den Mund. Stattdessen spricht der Spediteur mit dem Journalisten. Rüdiger Elflein, Chef der Spedition mit rund 300 Lkw, betreibt mit derzeit 17 Fahrzeugen die größte Lang-Lkw-Flotte im Regelbetrieb, bis zum Mai sollen es 22 sein. Für Elflein ist der Lang-Lkw keine vorübergehende Erscheinung, sondern schlicht eine Notwendigkeit, um das steigende Transportvolumen effizient bewältigen zu können.

Mehr als ein Drittel an Fahrten habe er bislang durch Lang-Lkw einsparen können, sein Spritverbrauch sank dabei – je nach Relation – um bis zu 25 Prozent. Elflein fährt für BMW und Daimler, hat in Bayern keine Probleme mit der Nutzung der Fahrzeuge und wird von BMW ermuntert, verstärkt auf Lang-Lkw zu setzen. Richtig in Rage gerät der fränkische Unternehmer, wenn er auf das Lang-Lkw-Verbot in Baden-Württemberg angesprochen wird. Elflein Trucks fahren Kunststoffteile ins Daimler-Werk nach Sindelfingen.

2.900 Tonnen CO2 weniger

„Wir müssen hier täglich bis zu 1,5 Stunden auf normale Sattelzüge umkoppeln, weil wir mit unseren Lang-Lkw aus Sachsen oder Bayern nicht ins Ländle rollen dürfen!“. Allein auf den 19 Strecken, die Daimler für Baden-Württemberg beantragt hat, ließen sich pro Jahr über 3,5 Millionen Kilometer Fahrtstrecke und rund 2.900 Tonnen CO2 einsparen.

Er wünsche sich eine sachliche Diskussion zu dem Thema, gerade mit Politikern, die noch ideologische Vorbehalte haben. Was er denn mit den Fahrzeugen mache, wenn der Feldversuch Ende 2016 auslaufe, will der Journalist noch vom Spediteur Elflein wissen. Die könne man, bis auf die lenkbaren Spezial–Achsen, wieder auf normale Trucks zurückrüsten.

Vernunftlösung

„Aber ich glaube an die Vernunft aller Beteiligten. Der Lang-Lkw im Regelbetrieb wird kommen! Und wenn’s so weit ist, lenke ich die erste Fuhre höchstpersönlich ins Werk Sindelfingen,“ zeigt sich Elflein überzeugt.

Der Journalist klappt seinen Block zu, macht ein paar Bilder vom Umkoppel-Vorgang und fährt anschließend auf dem Lang-Lkw noch eine Proberunde mit, um zu sehen, wie es sich durch Kreisverkehre fährt. Völlig problemlos. Dann geht’s zurück nach Stuttgart. Mal sehen, wie die Geschichte mit dem Lang-Lkw in Baden-Württemberg endet.

Links auf die entsprechenden Artikel in den StN & FAZ sowie weitere Beiträge speziell zur Situation hier in Baden-Württemberg:

Stuttgarter Nachrichten: Keine Angst vor langen Lkw
Stuttgarter Nachrichten: Autobauer drängen bei Grün-Rot auf Gigaliner
Stuttgarter Nachrichten: SPD erhöht Druck auf Grüne
Stuttgarter Nachrichten: Verkehrsminister gesprächsbereit
Frankfurter Allgemeine: SPD will Test mit Lang-Lkw eine Chance geben


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Er ist als Pressesprecher im Bereich der Nutzfahrzeug-Kommunikation tätig. Kümmert sich dort um internationale Wirtschaftsthemen und politische und regulatorische Fragestellungen.

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