Ein Instandhaltungselektroniker auf 8.188 m

In meiner Freizeit spielt Sport eine große Rolle und dabei zieht es mich seit frühster Kindheit in die Alpen. Anfangs noch zum Wandern, interessierte mich im Laufe der Zeit etwas schwierigere Unternehmungen in den Bergen anzugehen. Der Spielraum als Betätigungsfeld befand sich im Allgäu und zumeist in Österreich.

Mit meiner Arbeit als Instandhaltungselektroniker kann ich dies relativ gut vereinbaren. Da ich in unserem Arbeitsbereich sporadisch Schichtarbeit habe – also außer der Tagesschicht, Spät- und Nachtschicht – kann ich meinen Trainingsplan so gestalten, dass ich das Ausdauer- und Klettertraining dementsprechend gestalte und organisiere.

Bergdisziplinen waren und sind vor allem das Bergsteigen und Klettern

So konnte ich Erfahrungen u.a. im Fels- und Eisklettern, sowie im Bergsteigen wie z.B. den Mont Blanc (4810 m) – dem höchsten Berg der Alpen – über die Jahre sammeln. Schließlich zog es mich an einen Achttausender im Himalaja. Nämlich auf den Cho Oyu (8188 m), der zum sechsthöchsten Achttausender auf der Welt zählt. Es gibt insgesamt 14 auf der Erde – und alle befinden sich in Asien. Der Berg wird auch „Göttin des Türkis“ bezeichnet, wobei sich der Name auf das gleichfarbige, nachmittägliche Leuchten des Gipfels bezieht, das von Tibet aus sichtbar ist.

Um mir dies zu ermöglichen, mussten natürlich nicht nur die Erfahrung, die Technik und das Training stimmen, sondern auch der Arbeitgeber mitspielen. Für die Expedition benötigte ich insgesamt sieben Wochen; Sicherheitszeitreserve war miteingeplant. Dies war nur möglich, da der Zeitraum sich größtenteils außerhalb der Ferienzeit befand und ich meine eingeplanten Schichten in dieser Zeit mit meinen Kollegen tauschen oder abgeben konnte.

Der Aufbruch in das Abenteuer rückte somit immer näher

Nach einem relativ angenehmen Flug von Frankfurt über Abu Dhabi nach Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, verbrachte ich zuerst ein paar Tage dort, um mich mit den anderen Expeditionsteilnehmern und meinem Climbing Sherpa zu treffen. Mit meinem Guide mit dem Namen Ang Dawa Sherpa, den ich schon seit 2011 kenne, war es schon meine dritte Expedition in Nepal/Tibet. Daraus ist in den Jahren aus dem Gast-Führer-Verhältnis eine Freundschaft entstanden. Durch diesen persönlichen Kontakt zu einem nepalesischen Einheimischen, der in der Hauptstadt Kathmandus seinen Wohnsitz hat und lebt, konnte ich auch einen näheren Bezug zu Land und Leuten mit deren Kultur finden.

Expeditionsvorbereitungen

Zusätzliche mussten auch noch weitere Vorbereitungen getroffen werden

Wie die Besorgungen aus einem größeren Supermarkt vor Ort; um uns die Hochlagernahrung für den Aufenthalt in den Zelten am Berg, umgangssprachlich auch „Astronautennahrung“ genannt, zu beschaffen.

Für die Bergbesteigung benötigte jeder ein sogenanntes Permit, eine Besteigungsgenehmigung, dass die Regierung in China bewilligen muss. Diese Formalitäten hatten wir bereits im Vorfeld der Expedition getroffen, und bekamen nun ohne Probleme diese ausgehändigt.

Des Weiteren nutzte ich die Tage, um erst einmal „anzukommen“, und zum Sightseeing, obwohl dies schon meine dritte Reise nach Nepal war und ich trotzdem noch nicht alles gesehen hatte. Zahlreiche Kulturdenkmäler des Hinduismus und Buddhismus waren vertreten.

Um mir noch einen letzten Schliff in Form des Trainings zu verpassen, erkundete ich die Gegend zu Beginn außerhalb dieser Millionenmetropole joggend, um mich noch einmal fit zu machen.

Während einer Akklimatisierungstour

NoO2 Expedition

Den Namen der Expedition durfte ich bestimmen – „NoO2 Expedition“, also keinen künstlichen Sauerstoff während der Besteigung zu benutzen, da dies ein sportlicherer Stil ist, „by fair means“. Mit Flaschensauerstoff wird bspw. ein Achttausender auf einen Sechstausender degradiert, da es für den menschlichen Körper um ein Vielfaches einfacher ist mit Hilfssauerstoff unterwegs zu sein.

Ich hatte nur für den Notfall welchen dabei, um z.B. bei einer beginnen Höhenkrankheit eine Schlechtwetterlage auszusitzen, und den Abstieg so verzögern zu können.

Dafür war extra ein Mitarbeiter namens Jeevan Shrestha in unser „Hotel Vaishali“ gekommen, der u.a. für die 93-jährige Himalaja-Chronistin Elizabeth Hawley sämtliche Besteigungen dokumentiert.

Vor dem endgültigen Start in die Berge besuchten wir einen Lama in Kathmandu, um uns noch den Segen für die Expedition zu holen. Zuerst ging es nun per Bus nach Kodari (720 m); von dort dann drei Stunden zu Fuß, da vor ca. einem Monat eine riesige Geröll- und Schlammlawine niederging, die 150 Menschen das Leben kostete – Dabei wurde ein Fluss so aufgestaut, dass sich daraus ein See gebildet und viele Häuser unter sich begraben hatte. Wir mussten somit die Stelle auf der anderen nun Seeseite umgehen.

Nun ging es über die Grenze von Nepal nach Tibet (politisch gehörig zu China), bis wir die Grenzstadt Zhangmu (2100 m) erreichten.

Nach einer weiteren Nacht fuhren wir mit einem Kleinbus nach Naylam (3700 m). Den restlichen Tag nutzten wir für eine kleine Wanderung auf einen nahegelegenen Hügel auf ca. 3800 m, um erste Akklimatisierungstouren, sprich Höhenanpassung, zu unternehmen. Deshalb planten wir zwei Nächte für den Aufenthalt ein. Am darauffolgenden Tag ging es diesmal auf der anderen Talseite bis zu einem namenlosen Gipfel auf ca. 4200 m. Wir merkten dabei recht schnell, dass die Landschaftsform nach und nach karger wurde, und die Vegetation nur noch vereinzelt zu sehen war.

Anschließend fuhren wir über den höchstgelegenen, befahrbaren Pass der Welt: Lam Thong Lha Pass (5126 m) nach Tingri (4410 m). Dann tags darauf machten wir eine Wanderung außerhalb Tingris auf einen Hügel auf ca. 4700 m, und genossen die wunderschöne, wenn auch karge Hochebene Tibets, die zig Fußballfelder misst.

Blick über die Tibetische Hochebene

Das weitere Expeditionsprotokoll liest sich wie folgt

Am 9.9.2014. ging es von Tingri per Jeep zum CBC (Chinese Base Camp) auf ca. 4930 m. Am nächsten Tag liefen wir zum akklimatisieren taleinwärts rechter Hand auf einen Hügel bis ca. 5430 m. Dort konnten wir unzähliges Edelweiß bestaunen.

Am 11.9.2014 ging es vom CBC zum sogenannten MBC (MiddleBase Camp) (5330 m). Endgültig ging es einen Tag später zum ABC (Advanced Base Camp), vorgeschobenen Basislager (5640 m), wo uns bereits eine Zeltstadt erwartete.

Wir hausten dort auf der linken Seitenmoräne eines großen Gletschers, und mussten für unsere Kuppelzelte erst einmal die Zeltplätze im Geröll etwas ebnen. Außer unseren persönlichen Zelten gab es noch Toiletten- und ein Duschzelt; sowie ein Küchenzelt, da bis zu diesem Fleckchen Erde in unserer Expedition zwei Köche sowie Küchenhelfer dabei waren und für unser leibliches Wohl sorgten. Und natürlich unser sogenanntes Messzelt oder Gemeinschaftszelt zum Essen, Trinken…

Die vielen Essensvorräte fanden auch noch in einem „Storezelt“ platz, wo sie untergebracht und zwischengelagert wurden.

Zum Verständnis muss man erwähnen, dass diese mobilen Unterkünfte wie der Name schon verrät, nur saisonbedingt in der Besteigungszeit aufgestellt und immer wieder von tibetischen Trägern und Yaks (Hochlandrinder), abtransportiert werden müssen.

Blick vom Lager 1 auf die Route

Tag 13.9.2014 war ein Ruhetag eingeplant. Am 14.9.2014 fand eine sogenannte Puja im ABC statt, eine Art milde stimmen der Berggötter für die Besteigung des Berges, sowie um Glück zu erhalten: Dabei tragen die angebrachten Gebetstexte auf den Gebetsfahnen per Wind diese zum Berg.

Die Tage ab 15.9.2014 bis 20.9.2014 stand die Akklimatisierungsphase bevor, um uns an die Höhe anzupassen. Bspw. hat es auf 8000 Metern nur noch ein Drittel des Sauerstoffpartialdrucks wie auf Meereshöhe: Wir stiegen auf und schliefen in unterschiedliche Höhenlagern, so in Lager 1 auf ca. 6430 m und in Camp 2 auf ca. 7050 m.

Die Höhentaktik soll den Körper einerseits an den geringeren Sauerstoffpartialdruck bedingt anpassen; dazu wird immer wieder auf- und abgestiegen und treppenartig der Höhenaufenthalt gestaltet. Andererseits soll gleichzeitig der Körper zwischendurch wieder in niedrigeren Gefilden regenerieren und für den weiteren Anstieg ein Stück weit erholt sein.

Grandiose Aussicht auf die umliegenden Berge & Unterhalb eines Séracs (Hängegletscher) zwischen Lager 1 und 2

Der Gipfelgang

Dann endlich nach ein paar Ruhetagen und ein Warten auf Schönwetter ging es am 25.9.2014 los, dem sogenannten Gipfelgang. Zuerst schliefen wir wieder im Lager 1, wo wir jedoch statt einer geplanten Nacht zwei überstehen mussten, da der Wind für den weiteren Anstieg zu stark war. Einen Tag später war zum Glück eine deutliche Wetterbesserung zu erkennen, und wir konnten  nun weiter nach oben steigen.

Wir erreichten dann am 27.9.2014 Lager 2, von wo aus wir am 28.9.2014 um 1 Uhr in der Nacht zum Gipfel aufbrachen. Diesen erreichten mein Climbing Sherpa und ich um 12 Uhr mittags, wobei ich wie oben angesprochen nicht ohne Stolz sagen kann, dass ich dabei keinen künstlichen Sauerstoff benutzt, und mir einen langgehegten Traum verwirklicht habe.

Wir hatten super Wetter, wenig Wind und eine geniale Sicht auf den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest (8850 m), der vom Gipfel des unserseits bestiegenen Cho Oyu (8188 m) im Hintergrund klar zu erkennen war.

Dort hielten wir uns nur kurze Zeit auf, um Fotos und Videos zu schießen und kurz das grandiose Rundumpanorama und den Moment zu genießen und aufzusaugen. Da ich ohne künstlichen Sauerstoff unterwegs war und deshalb deutlich Müdigkeit verspürte, ging es schnell über das mehrere fußballfeldgroße Gipfelplateau wieder zurück zum Lager 2, wo wir wieder um 17:15 Uhr angekommen waren.

Lager 2

Schnelle Besteigungstaktik

Wir wählten nämlich eine „schnelle Besteigungstaktik“, indem wir von Lager 2 Richtung Gipfel aufbrachen, und nicht wie die meisten anderen Expeditionsteilnehmer, von einem noch höheren Lager 3 (7400 m) den höchsten Punkt ansteuerten – der Vorteil lag darin, dass eine niedrigere Schlafhöhe für den Körper energiesparender ist, da der Sauerstoffpartialdruck noch nicht so gering ist, wie weiter oben. Des Weiteren brauchten wir dadurch unser Zelt und die restliche, in unserer behelfsmäßigen Unterkunft zurückgelassene, und nicht benötigte Ausrüstung für den letztendlichen Gipfelgang, nicht mitschleppen.

Dagegen als Nachteil kann man die größeren Strapazen am Gipfeltag notieren, denn man benötigt umso länger – dies lässt sich nur bewerkstelligen, indem man sehr gut an die Höhe angepasst ist, ein super Training bereits zu Hause hinter sich hat, die Tagesform passt, und das versteht sich von selbst, keine Krankheiten mit sich trägt.

Nach einer weiteren Nacht im wieder erreichten Lager 2, kämpften wir uns wiederum am nächsten Tag zurück zum ABC.

Als Resümee haben von unserer gesamten 21-köpfigen Expeditionsgruppe drei Viertel den Gipfel erreicht, wobei dies den meisten mit Flaschensauerstoff geglückt ist, und nur den wenigsten, mich eingeschlossen, ohne gelang.

Die Rückreise nach Kathmandu geschah in den folgenden Tagen, wo wir noch ein paar schöne Tage verbrachten, bis ich schlussendlich am 6. Oktober 2014 nach Deutschland zurückgeflogen bin.

Traum verwirklicht - Gipfel - im Hintergrund der Mount Everest


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