Kartslalom fahren mit Kindern – Inklusion inklusive!

Ich freue mich, dass es meiner Familie und mir gesundheitlich wirklich gut geht. Mein jüngster Sohn Moritz (14) fährt im RC Böblingen Kartslalom und als wir im Rahmen des Vereinsvorstandes zusammen saßen, schlug ich vor: „Warum binden wir nicht auch andere Kinder in unseren Sport ein? Zum Beispiel Kinder mit einer Behinderung? Sollen die nicht auch mal Kart fahren können?“ Sofort waren alle dabei. Inklusion sollte auch im Rallye Club Böblingen stattfinden.

Wir fragten bei verschiedenen Eltern, Schulen und Organisationen nach, zum Beispiel der Bodelschwingh-Schule und bei der Lebenshilfe , um zu erfahren, ob da überhaupt Interesse bestünde. Die Resonanz war geradezu überwältigend! Alle wollten die Kinder zum Kartslalomfahren schicken. Doch wie sollte das funktionieren? Alleine können Kinder mit einer Behinderung nicht mit einem Kart fahren, das war uns und den Eltern zu gefährlich. Die Idee: wir konstruieren einen Kart-Anhänger!

Von der einfachen Idee zum Patent!

Zunächst schien das eine einfache Aufgabe zu sein.. Immerhin hatten wir noch die „lila Kuh“, ein ausrangiertes Kart. An das könnten wir doch einfach eine Anhängerkupplung schweißen, dachten wir….

Doch alles entpuppte sich als Herausforderung mit hohem technischem und handwerklichem Anspruch. Der Anhänger musste nämlich so konstruiert sein, dass er der Spur des Zugfahrzeugs präzise folgt. Würde er wie ein normaler Anhänger hinterher fahren, würde er an den Slalompylonen hängen bleiben. Also musste eine Allradlenkung her. Da es so etwas in der Form noch nicht gibt, habe ich das in meiner Freizeit abends und am Wochenende selbst entwickelt.

Zusammen mit einem Schlosser habe ich eine Allradlenkung entwickelt und von ihm dazu eine Konstruktion schweißen lassen. Als wir die Rohkarosserie zum ersten Mal durch den Slalomparcours gefahren haben, war sofort klar: Das funktioniert! Der Anhänger folgte exakt der Spur des Zugfahrzeuges. Selbst einen eng abgesteckten Slalomparcours meisterte das Gespann ohne Fehler. Die Konstruktion habe ich mir dann mit Hilfe eines Patentanwaltes sogar zum Patent angemeldet.

Der ganze Verein arbeitete mit

Mittlerweile hatte die Idee, mit dem Kartanhänger behinderte Kinder in den Verein zu integrieren, Dimensionen angenommen, die wir am Anfang nicht absehen konnten. Der Deutsche Motorsport Verband, Aktion Mensch, die Stadt Böblingen, Behindertenverbände – alle waren interessiert.

Damit das Projekt realisiert werden konnte ging unser Vorstand auf Sponsorensuche, um Gelder zu beschaffen. Die Dekra Sindelfingen, die Allianz Hauptvertretung Böblingen, die Stiftung der Vereinigten Volksbank Böblingen, alle spendeten Geld, sodass wir am Ende das Projekt finanzieren konnten. Geld, das wir auch brauchten, um die Arbeiten an dem Anhänger zu bezahlen: Ersatzteile, Schweißarbeiten, Pulverbeschichtung, , Gefährdungsbeurteilung usw. Jeder arbeitete so gut es ging mit, damit das Projekt „Motorsport und Inklusion“ realisiert werden konnte.

Die Präsentation des Kart-Anhängers

Und natürlich: Die große Präsentation musste ja auch finanziert und organisiert werden. Als der Anhänger endlich fertig war, hat ihn der Rallye Club Böblingen im Rahmen eines Festaktes Ende April 2014 vorgestellt. Besonderes Highlight: auf Anfrage bekamen wir von Andreas Bourany die Freigabe seinen Song „Auf uns“ als Hymne für unser Inklusionsprojekt zu nutzen.

Böblingens Oberbürgermeister Wolfgang Lützner kam extra früher aus seinem Urlaub zurück, um der Veranstaltung beizuwohnen. Regio-TV schickte ein Kamerateam und auch die Print- und Lokalpresse war anwesend, genauso wie Vertreter der Lebenshilfe und verschiedener Behinderteneinrichtungen und nicht zuletzt auch Vertreter des DMV (Deutscher Motorsport Verband) und des Landratsamtes Böblingen.

Die Kinder sind begeistert

Schließlich kam der Tag, an dem zum ersten Mal die neuen kleinen Motosportfreunde zusammen mit unseren Kindern gemeinsam Kart fahren würden. Wir wussten nicht, wie die Kinder mit Handicap letztlich darauf reagieren würden. Immerhin müssen sie einen Helm tragen und sich festschnallen lassen. Die Geschwindigkeit, das Motorengeräusch und der Geruch von Abgas, das alles sind sie nicht gewohnt. Und was war mit unseren Kindern? Würde es Berührungsängste geben?

Was soll ich sagen: Es war fantastisch! Für die Kinder war es ein riesiges Erlebnis! Alle waren neugierig und hatten riesigen Spaß, Kart fahren zu können. Sie konnten etwas tun, was ihnen normalerweise verwehrt ist. Und unsere eigenen Kinder haben mit viel Begeisterung und Eifer alles dafür getan, dass sich die Gäste wohlfühlen.

Am meisten hat mich ein kleiner Junge berührt. Er war spastisch gelähmt, seine Körperhaltung dadurch verkrampft. Mein Sohn ist mit ihm einige Runden durch den Parcours gefahren und am Ende habe ich den Jungen gefragt, wie er es fand. Er strahlte mich an und obwohl sich sein Körper nicht komplett entspannen kann, schaffte er es dennoch, beide Daumen aus seinen geballten Fäusten zu holen und nach oben zu strecken.

Die Idee entwickelt sich weiter

Nachdem im vergangenen Jahr mehrere Gruppen an verschiedenen Terminen bei unserem Verein zu Gast waren und mit unseren Kindern trainiert haben, kann ich sagen: Es hat sich gelohnt, all die Energie, Zeit und durchgearbeiteten Wochenenden in dieses Projekt gesteckt zu haben. Der Anhänger wurde mittlerweile auf weiteren Veranstaltungen im Dauerbetrieb auf Herz und Nieren getestet, ein Imagefilm ist dazu entstanden und auch andere Vereine zeigen Interesse, diese Idee aufzugreifen.

Im April 2015 stellen wir das Gespann als „Leuchtturmprojekt“ auf der REHAP 2015, der internationalen Fachmesse für Rehabilitation, Therapie und Prävention in Karlsruhe vor. Durch weitere Fördermittel ist es und möglich einen weiteren Anhänger bauen können. Dann strahlen doppelt so viele Kinder um die Wette! Unsere Kinder wachsen an der Verantwortung, die sie für die gemeinsamen Trainingsstunden übernehmen und können lernen, was soziales Engagement bedeutet und wie viel Spaß es machen kann. So macht Motorsport ausnahmsweise alle zu Gewinnern…


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Er arbeitet in der Mercedes-Niederlassung im Betrieb Böblingen als „Leiter Kundendienst PKW“. Er beschäftigt sich mit der Führung und der Steuerung des Reparaturbetriebes. Dazu gehören die Auftragsannahme sowie die Werkstattbereiche Technik, Lack- und Karosserie bis hin zur Kundennachbetreuung. Mit der Fahrzeugtechnik ist Markus Berg durch seine berufliche Tätigkeit vertraut. Er hat u.a. Maschinenbau studiert, was die Konstruktion des Anhängers erleichtert hat.

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