CES oder die Jagd nach dem nächsten großen Ding

Nicht nur den grundskeptischen Roboter-Kollegen Tinybot konnte die Rede von Dr. Zetsche inklusive der Präsentation des Konzeptfahrzeugs F 015 „Luxury in Motion“ überzeugen. Auch für die rund 1.500 Gäste im „Chelsea Theatre“ in Las Vegas war am Ende klar, dass es Mercedes ernst meint mit der Zusammenarbeit zwischen Menschen und Maschinen.

Der F 015 „Luxury in Motion“ zeigt, wie sich Mercedes-Benz das nächste große Ding des Automobilbaus vorstellt: als autonom fahrenden, emissionsfreien und luxuriösen Rückzugsort auf Rädern, der aktiv mit Passagieren und Passanten kommuniziert. Sicher, K.I.T.T. konnte sich mit Michael Knight schon in den 80ern unterhalten. Aber nur im Film. Entsprechend groß waren nach der Show Interesse und Andrang auf der Bühne.

Der F 015 ist nicht nur das erste Konzeptfahrzeug, das exklusiv auf der CES präsentiert wurde. Er ist auch das erste Forschungsfahrzeug von Mercedes-Benz, das direkt im Anschluss an die Präsentation selbstständig (aber nicht autonom) über den berühmten „Strip“ zum Messegelände gefahren ist, wo am nächsten Morgen die CES ihre Tore öffnete. Und Las Vegas ist sicher nicht der Ort, an dem so eine Fahrt um Mitternacht unbemerkt bleibt.

Las Vegas gilt als Stadt des Spiels und der Sünde. Als Stadt, die nie zur Ruhe kommt und die zumindest vordergründig immer glitzert. Las Vegas lebt gut vom Mythos: alles geht, alles darf. Hier verbringt Britney Spears ihren Karriereabend auf der Bühne und findet mehrmals in der Woche Menschen, die ihr für Geld dabei zusehen. Und trotzdem steht Las Vegas keineswegs nur für wilde vergangene Zeiten.

Die Stadt ist gleichzeitig ein Symbol für Zukunft, für Trends, für das nächste große Ding. Ganz besonders im Januar, wenn die CES, die weltgrößte Messe für Unterhaltungselektronik, hier stattfindet. Auf der CES wurde der erste Videorekorder vorgestellt, der erste CD-Player und die erste DVD. Lange her. Und doch lebt der Glaube, dass sich auch die nächste bahnbrechende Innovation irgendwo zwischen Westgate und South Hall versteckt.

Entsprechend groß sind die Erwartungen, wenn die Tech-Trüffelschweine des 21. Jahrhunderts die heiligen Messehallen stürmen. Diese Messebesucher sind im Schnitt etwas jünger als etwa auf der IAA, der Krawattenfaktor ist spürbar geringer. Aber auch der stereotype Kapuzenpulli ist nicht das Standard-Messeoutfit. Was daran liegen mag, dass viele der echten Tech-Freaks keinen Zutritt haben. Fachbesucher only.

Neben den Platzhirschen LG oder Samsung sind auch die Automobilhersteller neuerdings sehr präsent. Das Auto wird zum mobilen Endgerät der Zukunft, daran besteht kein Zweifel. Apple dagegen ist traditionell nicht auf der CES vertreten – und trotzdem an allen Ecken und Enden präsent: im Produktdesign von Drittanbietern oder auch in anbiedernden Produktnamen wie „iHome“. Das eigene „one more thing“ präsentiert Apple trotzdem lieber auf einer eigenen Veranstaltung – nicht dass es angesichts von 36.000 Ausstellern und rund 160.000 Messebesuchern noch im Trubel untergeht.

Was ist es jetzt, das nächste große Ding 2015? Ein schwebender Lautsprecher vielleicht, ein selbstgießender Blumentopf oder ein Gerät, das aussieht wie ein großer amerikanischer Kühlschrank, in seinem Inneren aber Hemden und Hosen durch Rütteln und heiße Luft wieder in Form bringt? Oder definieren wir uns in Zukunft über Smartphone-aktivierte, beheizbare Einlegesohlen? Begehren wir einen Gürtel, der sich automatisch dem Bauchumfang anpasst oder eine Brille, die fingernagelgroß die nächsten Zutaten für’s Kochrezept ins Glas einspiegelt? Wohl eher nicht. Auch der mit Spannung erwartete neue Walkman von Sony wirkt eher aus der Zeit von CD-Player und Videorekorder: klobig und analog. Er verspricht für etwa 1.200 Dollar aber höchste Soundqualität für Profi-Ohren.

Auch neue Smartphones finden sich natürlich reihenweise. LG zum Beispiel hat sich offenbar von Apple’s „Bendgate“ inspirieren lassen und zeigt ein bereits vom Hersteller gebogenes Smartphone.

Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion

Überhaupt dürfen gebogene Displays durchaus als ein Trend der CES 2015 bezeichnet werden. Sie machen Smartwatches endlich ansehnlicher und könnten sogar dem uralten Prinzip der Litfaßsäule in die Zukunft helfen. Und natürlich erobert das Internet der Dinge auch den letzten Lebenswinkel des modernen Menschen. Vom vernetzten Grill bis zur intelligenten Wasch- und Kaffeemaschine: in Zukunft wird alles smart. Das smarte Zuhause, das mehr über seine Bewohner weiß als sie selbst, wird kommen. Genau wie der Mensch, der sich selbst dank technischer Spielereien immer weiter optimiert: mit Sensoren im Shirt und Tracker im Tennisschläger, alles in Echtzeit ausgewertet per Smartwatch oder App. Und natürlich live übertragen per Drohne, die seinem Besitzer beim Sport automatisch folgt. Spannende, erwartbare Entwicklungen. Natürliche Evolution statt großer Revolution.

Wenn es in den letzten Jahren einen zuverlässigen Lieferanten für das nächste große Ding gab, dann waren es die Fernseher: Keine CES ohne den weltgrößten Vertreter seiner Art. In diesem Jahr ist OLED-Technologie in 4K-Auflösung mehr oder weniger der Standard, der Trend geht in Richtung 8K. Unabhängig davon, dass die meisten Filme und Fernsehprogramme weiterhin bei HD feststecken. Wo ist er also, der weltgrößte Fernseher auf der CES 2015? Die Wahrheit ist: Er ist gar nicht so einfach zu finden, denn er hat viele Gesichter. Mangels echter Technologiesprünge werben gleich mehrere Messestände für den weltgrößten Fernseher, allerdings immer mit Zusatz: Der weltgrößte gebogene 4K-TV hier, der weltgrößte Fernseher ohne Glasscheibe dort. So oder so. Das nächste große Ding fürs Wohnzimmer ist auf jeden Fall ein Fernseher.

Für Aufsehen sorgen die Automobilhersteller als relative CES-Newcomer. Sie setzen für die Zukunft auf autonom fahrende, voll vernetzte Fahrzeuge, die auf Berührung oder Gesten reagieren. Mit dem Konzept „F015 Luxury in Motion“ ist es Mercedes-Benz gelungen, einen Schritt weiter in die Zukunft zu blicken und durch die Kombination aus neuem Design und neuen Ideen für die Interaktion des Autos mit seiner Umwelt eine echte Vision auf 26-Zoll-Felgen zu stellen. Das belegt nicht nur der große Andrang am Messestand. Das Auto wurde außerdem von Engadget mit dem „Best of CES 2015“-Award in der Kategorie „Automotive Technology“ ausgezeichnet. Die Auszeichnung hat die Form einer Kristallkugel.

Denn auch im Januar 2016 wird in Las Vegas die Jagd nach dem nächsten großen Ding weitergehen.


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