Share Economy: Wird Besitz bedeutungslos?

Mercedes-Benz Museum. Ein Vortrag der „Daimler und Benz Stiftung“. Daimler und Benz Stiftung? Die frühere „Gottlieb Daimler – und Karl Benz-Stiftung“: gemeinwohlorientiert, unabhängig und interdisziplinär. Man besetzt in der Wissenschaft und Forschung die Schnittstellen zwischen Mensch, Umwelt und Technik und fördert Wissenschaftler. Gar nicht mal so unspannend. Der Hauptredner ist Prof. Dr. David Woisetschläger, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Dienstleistungsmanagement, an der TU Braunschweig.

Es geht um die Frage: Wird Besitz im Zeitalter der Share Economy bedeutungslos? Zugegeben eine etwas pathetische Frage. Solche steilen Thesen liest man gerne auch mal in “Qualitätsblättern“ und auf Twitter-Accounts von Hipster-Bart-Chefredakteuren …

Mein innerer Klugscheißer möchte jetzt förmlich bei Adam und Eva anfangend, über die Psychologie des Menschen referieren und protestieren, doch prompt kommt schon die Antwort: NEIN!

Genau an dieser Stelle will man jetzt eigentlich wieder aufstehen und einen „Kinderpunsch“ in der Museums-Winter-Hütte genießen gehen – schließlich scheint „alles“ zum Thema gesagt zu sein. Aber aus Erfahrung als Freigetränke-schnorrender Vortragsbesucher weiß man: bei Vorträgen auf Daimler und Benz Stiftungs-Events sollte man bis zum Schluss bleiben. Es lohnt sich.

Als ob der Professor  –  der nebenbei bemerkt nur wenige Jahre älter ist als ich, aber bereits eine beachtliche Karriere hingelegt hat (das eigene Ego leidet) – meine Gedanken lesen kann, legt er los: Witzig. Kreativ. Unterhaltsam (das eigene Ego leidet noch mehr).

Was nun: ist Digitalisierung Segen oder Fluch?
Doch fangen wir von vorne an. Die Eröffnungsrede (neudeutsch: Keynote) ist von Stephan Unger, Finanzvorstand der Daimler Financial Services AG. Anekdotenreich aber auch kritisch fragt er, ob digitale Hilfsmittel in Form von Smartphones – eine der elementaren Prämissen für die Share Economy – eine Allzweckwaffe sind. Man hat ähnliche Statistiken irgendwo schon mal gehört: bis zu 35 Arbeitswochen (!) verbringe der „Homo Oeconomicus Smartphoniensis“ pro Jahr versunken in seinem Smartphone – er laufe Gefahr, anatomisch quasi zum Glöckner von Notre-Dame zu mutieren.

Mehr Menschen besäßen weltweit angeblich Smartphones als Zahnbürsten. Man solle jedoch die Möglichkeiten und nicht das Risiko sehen – schließlich sei der Umgang mit neuen Technologien immer mit Trial-und-Error verbunden. Nebenbei erfahre ich noch von der Konzern-Antwort der Daimler AG auf die Share Economy: moovel soll – so das ehrgeizige Ziel – als “Amazon der Mobilität“ etabliert werden. Und überhaupt: das Automobil sei am Anfang auch angefeindet und bekämpft worden.

Anschließend kommt Prof. Woisetschläger aus Konzernsicht zur Sache. Wie profitabel sind Sharing-Angebote? Das Zauberwort heißt hier Yield-, repektive Ertrags-Management. Klassische Felder: der Luftfahrtsektor, das Hotel- und Transportgewerbe und die Autovermietungen.

Was passiert aber, wenn die Kunden alle ihre sogenannten Dienstleistungen von den Vermittlungsportalen einfordern? Sind Share-Economy-Firmen wie Wohnraumvermittlungsportale dazu in der Lage oder „orchestrieren“ sie lediglich die Dienstleistungen, ohne Regelungsvorschriften des Staates hinsichtlich Preis, Arbeitsbedingungen und Sicherheitsvorschriften zu beachten. Zahlen sie Steuern, die der Staat verteilen kann?

Nach diversen Beispielen von wilden Ideen und Startups, fragt man sich: was bedeutet eigentlich Sharing exakt? Temporäres Nutzen? Und was ist dann der Unterschied zwischen Geschenk, Tausch, Leihe, Leasing, Miete, Pacht oder Kauf? Man sollte unterscheiden. Im Vortrag erklärt ab Minute 16:47.

Warum boomt die Share Economy? Was sind die Voraussetzungen?
Nachfolgend zählt der Professor für Dienstleistungsmanagement Gründe auf, die einleuchten: Technik, Urbanisierung, sozialer Wandel, psychische Faktoren, Statusverlust des Autos.

Und was ist der Nutzen von Share Economy?
Kurz und knackig erklärt: Die Konsumenten profitieren vom Wettbewerb, aber aus Unternehmersicht kann es gefährlich werden, weil die Kundenloyalität abnimmt.

Sind Menschen utilitaristisch?
Bei den ganzen Überlegungen stellt sich die Frage nach der Einstellung des Menschen. Handelt der Mensch von heute nach der utilitaristischen Maxime oder denkt er sich an-der-„Tragik der Allmende“orientierend: „Kein Eigentum gleich keine Verantwortung?“ Nebenbei erfahre ich noch, dass lediglich manche Marken von der Share Economy profitieren und andere “überraschenderweise” nicht – und warum überhaupt Marken eine Bedeutung für Kunden haben.
Der Experte für Dienstleistungsmanagement weiß: Aufgrund des symbolischen Zusatznutzens: Nobelmarken versus praktische „Billigmarken“. Aufgrund der Sicherheit: Man weiß, was man hat. Und aufgrund der Auswahlreduktion: Die Orientierung wird für Personen erleichtert, welche die Gegenwart als unübersichtlich empfinden.

Berlin ist eine typischer Share Economy-Boomtown“
Am Ende lernen wir noch, was die begünstigenden Faktoren der Share Economy sind: Eine Stadt-Land-Konfliktlinie sei beispielsweise normal, da man auf dem Land in der Regel „ganz süditalienisch wisse“, wo der „Sharing-Partner“ wohne. Des weiteren spiele – was viele auf Anhieb nachvollziehbar zu finden scheinen – das Alter eine Rolle: je jünger, desto „sharing-affiner“. Ach ja, und der Preis ist selbstverständlich auch nicht belanglos – günstigere Dinge würden eher „geshared“. Beim Thema „Carsharing für Luxusautos“ versuchen sich sogar Mitbewerber.

Während ich nach dieser Reizüberflutung in die Dezember-Nacht entlassen werde und das nächste car2go suche, fällt mir noch Prof. Woisetschlägers zu Weihnachten passende Anekdote zum perfekten Geschenk ein.

Regeln für das perfekte Geschenk:
1. Der Schenker muss außergewöhnliche Opfer bringen
2. Der Schenker möchte ausschließlich den Beschenkten beglücken
3. Das Geschenk muss etwas Besonderes sein
4. Der Gedanke zählt
5. Die Erwartungen des Beschenkten müssen übertroffen werden
6. Der Beschenkte muss sich aufrichtig freuen

Man sollte den letzten Absatz der Familie und den Freunden zusenden…

Beispiele für Angebote der Share Economy: foodsharing.de, LouisVuitton-Miete, KunstmieteAirBnB (Börsenwert 8/2014: 10 Mrd.)


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