Zukunftskongress Inklusion 2025 – nicht ohne uns über uns

Berlin ist immer eine Reise wert. Schon weil mein Bruder dort wohnt. Diesmal galt  mein Besuch aber dem „Zukunftskongress Inklusion 2025“.

2025 – das ist weiter in der Zukunft, als Pläne normalerweise reichen.
Die Organisation Aktion Mensch hat zum Abschluss ihres 50. Jubiläumsjahres mit dem Kongress Inklusion 2025 den Blick bewusst weit nach vorne gesetzt. Es geht um das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. Wir arbeiteten in unterschiedlichen Gruppen an verschiedenen Trends der Zukunft, welche Chancen und Risiken sie bieten, um daraus Impulse für die Zukunft zu ziehen. Ich selbst habe mich insbesondere für Technologieentwicklung und digitale Kommunikation interessiert.

Und wow, was für ein Format!
In der Berliner Arena sind überall jederzeit Gebärdendolmetscher sowie Schriftdolmetscher dabei und „übersetzen“ live. Bislang habe ich bei Veranstaltungen als Gehörlose – wenn überhaupt – nur das Angebot für einen Gebärdendolmetscher bekommen, was ich nicht nutzen kann. Ich bin rein lautsprachlich aufgewachsen, daher helfen mir nur die Untertitel. Diese dafür aber umso mehr, die Untertitel helfen sogar vielen Nicht-Hörbehinderten! Ich bin fast schon gerührt. Hoffentlich wird das in baldiger Zukunft in allen Großveranstaltungen selbstverständlich sein. Z.B. bei der Hauptversammlung von Unternehmen oder Automessen (ich bin überzeugt, damit würden viele Veranstalter einen großen AHA-Effekt erzeugen!) oder auch einfach bei der öffentlichen Tatort-Übertragung auf dem Stuttgarter Schlossplatz…

Barrierefreiheit als Pflichtfach
So aufwändig bzw. teuer wie oft vermutet, ist das nicht erzählt mir ein IT-Professor der Universität Linz, die als einzige Hochschule Barrierefreiheit als Pflichtfach hat. Das wäre für alle Fachrichtungen genauso wichtig wie z.B. Architektur, Pflegedienstleistungen oder die Führungskräfte-Entwicklung.

Anne Becker

Barrierefreiheit ist ein wichtiger Schritt zur Inklusion
Was bedeutet Inklusion überhaupt? Für mich bedeutet Inklusion echte Teilhabe. Das fängt v.a. im Kopf an und ist ein Prozess mit einem Perspektivenwechsel, in dem wir Forderungen aufgeschlossen angehen sollten, aber dennoch Geduld aufbringen müssen.

Die Community der Menschen mit Behinderung übersteigt heute bereits die Bevölkerungszahl Chinas und wächst ständig (in USA 20% ca. der Bevölkerung, in Europa ca. 15%). Sie ist die einzige Minderheitengruppe, der man jederzeit beitreten kann, man braucht nur auf Demographie, Krankheit und Unfälle schauen…

Menschen mit Behinderungen lassen sich weniger abschrecken
Ein wichtiger Vordenker ist extra aus USA angereist: Jonathan Kaufmann berät u.a. die US-amerikanische Regierung und die Vereinten Nationen und spricht von „hilfreichen Erschwernissen“: Menschen mit Behinderung bringen aufgrund ihrer Biographie, die häufig die Bekämpfung widriger Umstände beinhaltet, das Potential mit, sich nicht von komplexen Situationen abschrecken zu lassen und neue Perspektiven zu entwickeln, die letztendlich auch einen Wettbewerbsvorteil bedeuten können.

SMS von Gehörlosen entwickelt
Ein Beispiel: SMS wurden ursprünglich von Gehörlosen entwickelt und siehe da, wie wild wird heute „getextet“?! Herr Kaufmann lobt Europa im Vergleich mit den USA in Bezug auf Inklusion als fortschrittlicher. Umso mehr freut er sich, als ich ihm erzähle, dass ich genau die umgekehrte Erfahrung gemacht habe: Mein Schulaustauschjahr in den USA stellt den persönlichen Wendepunkt in meinem Leben dar, weil ich dort in der Schule zum ersten Mal einen rundum aufgeschlossenen und akzeptierenden Umgang mit der Hörbehinderung erlebte.

Echte Teilhabe ist im Arbeitsleben noch nicht verwirklicht
Die Arbeitslosenquote ist unter den Menschen mit Behinderung doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung. Dazu kommt, je höher die berufliche Qualifikation der behinderten Menschen ist, desto schwieriger sieht die Situation aus. Ein Indiz dafür ist, dass viele Menschen mit Behinderung unterhalb ihrer Qualifikation arbeiten. Da braucht es noch viel mehr Vorbilder, Abbau von Vorurteilen sowie von Berührungsängsten und gleiche Chancen für alle.

Wachsen mit Herausforderungen
Ich selbst arbeite seit vielen Jahren als Betriebswirtin bei der Daimler AG im Personalbereich u.a. als Trainerin und Arbeitspolitikerin. Wie in der Gesellschaft treffe ich auch im Unternehmen immer wieder auf unsichere Menschen, die Bedenken in Bezug auf meine Hörbehinderung haben, wobei ich mich insgesamt immer gut unterstützt gefühlt habe im Unternehmen und es mir viel Rückhalt gibt. Der Vorstand nimmt das Thema ernst und unser Diversity Office hat bereits viel Erfahrung, so dass wir das Thema qualifiziert anpacken können, auch wenn es durch die Vielfalt an verschiedenen Behinderungsformen komplex ist: Auch hier gilt: Man wächst an seinen Herausforderungen!

Im Plenum mit Raul Krauthausen, Aktivist und Berater für Inklusion und Barrierefreiheit

Daimler hat aus meiner Sicht bereits auch bei den Produkten sportlich Fahrt aufgenommen, um sich dem Thema Inklusion professionell widmen zu können: Viele technologische Entwicklungen wie z.B. autonomes Fahren werden in Zukunft helfen. Andere Unternehmen haben bereits konkrete Aktionspläne für ein selbstverständlich unterstützendes Miteinander.

Organisationen wie die die Sozialhelden treten für ein Umdenken ein und sensibilisieren z.B. für einen sinnvollen Auftritt behinderter Menschen in den Medien, ein weiteres interessantes Beispiel bietet der Berliner Tagesspiegel mit seiner Sonderausgabe. Darin steht in einem Kommentar ein Satz, den ich und alle Teilnehmer/innen, egal ob mit oder ohne Behinderung beim Kongress unterschreiben können: „Was alle eint, ist der Wunsch und das Recht, nicht als unangenehmes, lästiges kurioses Etwas, als Kostenfaktor oder Mehraufwand wahrgenommen zu werden, sondern mit allen Stärken, Schwächen und Macken: zuallererst als Mensch.“ So einfach ist es.

„Wir müssen weg von der defizitären Gesellschaft hin zur Kompetenzgesellschaft, ich möchte doch auch nicht ‚weggeschoben‘ werden, wenn ich mal etwas nicht kann, sondern jeder Mensch hat Stärken“ antwortet mir eine junge Mitarbeiterin von JAM – Junge Aktion Mensch – auf meine Frage was sie bewegt. Anders gesagt also: Nur weil ich oder meine Familie noch nicht betroffen sind, kann ich doch nicht einfach wegschauen! Mein Eindruck ist, die Gesellschaft benötigt auch die Sicherheit, dass eine Schwäche nicht „behindert“, sondern Unterschiedlichkeit gelebte Vielfalt ist und individuelle Unterstützung für jeden einzelnen Menschen selbstverständlich ist.

Menschen mit Behinderungen oder ihre Angehörigen sind gezwungenermaßen Experten zu diesem Thema geworden. Aber es müssen sowohl Menschen mit Behinderungen als auch Menschen ohne Behinderung das Thema anpacken, da Inklusion beide betrifft: Nicht ohne uns über uns! Das gilt auch für mich, ich bin überrascht, was für eine große und bereichernde Community ich beim Kongress getroffen habe und möchte mich dem Thema in Zukunft mehr widmen. Ich bin optimistisch, die Technik und der aktuelle Zeitgeist bieten uns so viel Chancen wie noch nie, es liegt an uns, diese richtig zu nutzen! Ganz wie der Slogan von Aktion Mensch sagt: Schon viel erreicht, noch viel mehr vor!

 


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
3.7 / 5 (3 Bewertungen)
Bitte warten...

Tags: , , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Lesen Sie mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. Die neue B-Klasse: Sportlich, praktisch, großzügig

    Demetrios Reisner: Lieber Herr Barth, vielen Dank für Ihren Kommentar. Die Sitzhöhe der neuen...

  2. Driven by EQ: Was können unsere elektrifizierten Alternativen?

    Robert Raffel: "Bis 2022 soll das gesamte Mercedes-Portfolio elektrifiziert sein" - ist etwas irreführend,...

  3. Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé: Familien-Liebling und Rennstrecken-Biest

    Nico: Wie es meine Vorredner bereits geschrieben haben, finde ich den GT als...

  4. Driven by EQ: Was können unsere elektrifizierten Alternativen?

    Detlef Perkuhn: Insgesamt ist der Beitrag gut gemacht. Was mir fehlt, ist der Hinweis...

  5. Die neue B-Klasse: Sportlich, praktisch, großzügig

    Wolf-D.Barth: Als Fahrer der aktuellen B-Klasse schätze ich besonders die etwas höhere Sitzposition...