Bauch trifft Verstand

Wie trifft man Entscheidungen? Vor etwa fünf Jahren begannen die Uhren auf einmal schneller zu ticken. Denn die bis dahin größte und vor allem schwierigste Entscheidung stand mir bevor: Wo und was möchte ich studieren?

Der gut gemeinte Ratschlag von vielen: Mach eine „Pro-Kontra-Liste“ für alle möglichen Optionen. Gesagt, getan. Doch je mehr Punkte ich auf das Papier kritzelte, desto unsicherer wurde ich. Dank Professor Gerd Gigerenzer ist mir jetzt auch klar, warum: In bestimmten Situationen sollte man einfach besser aus dem Bauch heraus entscheiden.

Es ist erstaunlich ruhig im Raum, als Gerd Gigerenzer vor die Stuhlreihen tritt. Ich befinde mich inmitten der Gäste vom COM2gether – einer internen Veranstaltungsreihe für die Mitarbeiter von Daimler Financial Services. Dazu lädt die Unternehmenskommunikation, bei der ich als Werkstudentin arbeite, regelmäßig die unterschiedlichsten Referenten ins Haus ein. Und dieses Mal geht es eben um Entscheidungen.

Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin ist ein Professor, wie man sich ihn vorstellt. Ich muss an Albert Einstein denken. Hoffentlich geht es heute nicht um Entscheidungen in Lichtgeschwindigkeit. Direkt möchte er von uns wissen: „Wie trifft man richtige Entscheidungen?“ Gute Frage, wie ging denn das noch gleich mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung? Doch Professor Gigerenzer möchte auf etwas ganz anderes hinaus. Wer nicht gerade im Kasino sein Glück finden will – dort lassen sich Gewinnwahrscheinlichkeiten nämlich genau berechnen – der ist mit intuitiven Entscheidungen oft besser dran. Je komplexer ein Zusammenhang, je mehr Ungewissheit und je weniger Informationen, desto sinnvoller ist es, auf den Bauch zu hören.

Intuition ist „gefühltes“ Wissen
Dass ich meine Partnerwahl nicht von beta-Gewichtungen abhängig mache, leuchtet mir noch ein. Aber wie treffe ich denn eine Entscheidung, wenn es etwa um komplexe Investitionen geht? „Mithilfe von Intuition“, erklärt Professor Gigerenzer. Anfängliches Stirnrunzeln in vielen Gesichtern. „Intuition“, erzählt er weiter, „ist gefühltes Wissen, das rasch im Bewusstsein auftaucht, dessen tiefere Gründe uns nicht bewusst sind und das stark genug ist, um danach zu handeln.“ Aber haben wir nicht schon als Kinder gelernt: erst wägen, dann wagen?

Illusion von Gewissheit
Während ich noch über meine frühkindlich erlernten Normen nachdenke, zeigt er eine Studie, die untersucht hat, inwieweit die Vorhersagen über die Wechselkursentwicklung im Folgejahr eingetreten sind. Im Rückblick zeigt sich, dass die Berechnungen jedes Jahr vollkommen daneben lagen. Eine Illusion von Gewissheit. Ich bin beeindruckt.

„Cover-Your-Ass-Kultur“ in Unternehmen besonders innovationsfeindlich
Doch so „berechnungsresistent“ Situationen mit hoher Unsicherheit sind, so beratungsresistent wirken Unternehmen bei der Entwicklung einer Kultur von Bauchentscheidungen. Stattdessen werden Gründe im Nachhinein gesucht oder Manager entscheiden direkt defensiv – sie wählen also nicht die beste Möglichkeit, sondern diejenige, die am besten zu begründen ist. Der Entscheidungskompetenz-Forscher spricht hier von einer „Cover-Your-Ass-Kultur“. Laut Gigerenzer wäre aber im Gegensatz dazu eine positive Fehlerkultur ein großer Wettbewerbsvorteil.

Positive Fehlerkultur bei Fluggesellschaften, negative bei Krankenhäusern und Unternehmen
Airlines sind hier ein Muster-Beispiel. Wenn man davon ausgeht, dass Fehler passieren können und dürfen, sucht man im konkreten Fall nicht nach der schuldigen Person, sondern nach der Ursache – und versucht, diese zu beseitigen. Eine negative Fehlerkultur – respektive ein defensives Verhalten der Absicherung- zeigt sich laut der Entscheidungskompetenz-Koryphäe besonders deutlich in Krankenhäusern. Doch nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in fast allen Unternehmen weltweit herrscht laut Gigerenzer eine negative Fehlerkultur – also wohl auch bei uns.

Warum ist das eigentlich so? Und welche Rolle spielt dabei eigentlich unser kultureller Hintergrund? In den USA gelten – anders als in Deutschland – Leute nicht als gescheitert, wenn sich eine Start-Up-Idee als Flop herausgestellt hat – sondern als erfahren. Doch daran müssten wir doch was ändern können.

Umfrage: Vorstände treffen 50 Prozent ihrer Entscheidungen mit dem Bauch
Übrigens haben laut einer anonymen Umfrage des Max-Planck-Instituts, Vorstände angegeben, dass sie im Schnitt 50 Prozent ihrer Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen. Wie repräsentativ das ist, ist natürlich eine andere Frage. Aber in der Öffentlichkeit würden die Manager ihr intuitives Verhalten wohl aber nie zugeben.

Intuition beruht auf Regeln
Gigerenzer erzählt, dass einige Intuitionen bereits entschlüsselt werden konnten. Sie beruhen auf ganz einfachen Regeln, auch Heuristiken genannt – klingt ja auch schöner. Der Baseballspieler zum Beispiel weiß intuitiv, wohin er rennen muss, um den Ball zu fangen. Statt die Flugbahn in einem komplizierten Modell in Sekundenbruchteilen zu berechnen, fixiert er den Ball mit seinen Augen, beginnt zu laufen und passt dabei seine Laufgeschwindigkeit an, sodass der Blickwinkel konstant bleibt. Spannend.

Aber gilt das denn auch für komplexe Investitionen? Gigerenzer arbeitet zusammen mit der Bank von England an einem Projekt, wie man mehr Sicherheit in die Finanzwelt bringen kann. Dazu prüfen sie einfache Regeln versus komplexe Berechnungen – ob etwa einfache Heuristiken wie „Verteile dein Geld gleichmäßig auf alle Alternativen“ oder mathematische Berechnungen zu besseren Ergebnissen geführt haben. Die Heuristiken schneiden „durch die Bank“ besser ab. Man bräuchte 500 Jahre Daten von Aktien, um aussagekräftige Berechnungen zu machen. Vorausgesetzt, es gibt immer noch den Aktienmarkt und die gleichen Aktien. Na hallo, warum kompliziert, wenn es auch einfach geht.

Meine Pro-Kontra-Liste für die Studienwahl habe ich mir vermutlich damals unbewusst so zurechtgerückt, dass mein Wunschergebnis herauskam. Ob ich damals schon geahnt habe, dass mich mein Weg in die Unternehmenskommunikation bei Daimler Financial Services führen würde? Gut zu wissen, dass wohl mein Bauchgefühl das letzte Wort hatte.


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
5.0 / 5 (1 Bewertung)
Bitte warten...

Tags: , , , , , , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Lesen Sie mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. EQC Heißland-Testing: Klassenfahrt ins „Bud-Spencer-Land“

    Herbert Jäger: Hallo, hoffe den EQC gibt es mit Anhängerkupplung, ...

  2. EQC Heißland-Testing: Klassenfahrt ins „Bud-Spencer-Land“

    Kevin Berger: Toller Bericht und tolle Bilder!! Die Tarnung ist auch sehr...

  3. EQC Heißland-Testing: Klassenfahrt ins „Bud-Spencer-Land“

    Andreas Glatz: Ich kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen. Auch ihr macht einen tollen...

  4. EQC Heißland-Testing: Klassenfahrt ins „Bud-Spencer-Land“

    Marc Christiansen: Sehr schöner Artikel Herr Scheible! Freue mich auf den EQ C.

  5. EQC Heißland-Testing: Klassenfahrt ins „Bud-Spencer-Land“

    Manuel: Hallo Karl, super geschriebener Bericht mit tollen Bildern. Und das alles...