Vom Autofreak zur Verfahrensmechanikerin

Während meiner Ausbildung zur Verfahrensmechanikerin für Beschichtungstechnik war ich durch meine Tätigkeit als Jugend- und Auszubildendenvertreterin (JAV) auch vorher schon auf einigen Seminaren. Doch das Jugend-II-Seminar war etwas Besonderes für mich.

Hier war ich das erste Mal auf mich allein gestellt. Ich kannte niemanden, bis auf einen Kollegen vom Ortsjugendausschuss der IG Metall Bremen. Außerdem ging kein Seminar zuvor zwölf Tage und war so weit weg von meinem Zuhause und meinen Freunden. Zudem war ich mir in der Zeit nicht sicher, ob ich mein Amt als JAV noch weiter ausüben möchte.

Bitte lass das Essen dort gut sein!
Aber ich wollte unbedingt dort hin, also hieß es Tasche packen, Auto checken und ab nach Sprockhövel. Während der langen Fahrt, habe ich mir viele Gedanken gemacht. Werden die Leute nett sein? Ist da vielleicht auch ein Autofreak, wie ich dabei? Welche Themen werden wir behandeln? Und bitte lass das Essen dort gut sein! Als ich endlich angekommen war, hieß es nur noch Zimmer beziehen, essen gehen und schlafen, um fit zu sein für den ersten Seminartag.

Am nächsten Morgen startete das Bildungsprogramm und wir lernten uns alle kennen. Fast jeder kam aus einer anderen Stadt in Deutschland. Viele verschiedene Unternehmen waren vertreten, aber die meisten meiner Kollegen arbeiteten in der Automobil- oder Stahlindustrie. Ich fand es interessant, andere Leute und ihre Erfahrungen zu hören, denn alle anderen Seminare, die ich bisher besucht hatte, waren entweder nur für uns Daimler-Leute oder nur für JAV aus der Umgebung.

Wir diskutierten über die Wirtschaft, Medien und ihre Macht, Russland und die Ukraine, über Bankengeschäfte und Aktien – teilweise bis spätabends, und selbst am Samstagabend, als wir frei hatten und zusammen in eine Disco gegangen sind. In dem Seminar arbeiteten wir auch in kleinen Gruppen zusammen und haben uns dabei jeweils ein Thema erschlossen. Bei einem ging es um unsere Betriebe und wie man die Ausbildung verbessern kann. Da es bei Daimler in meinen Augen schon recht gut läuft, bin ich in eine Gruppe gegangen, in der Leute waren, bei denen die Arbeitsbedingungen nicht optimal sind. In dieser Arbeitsgruppe ist mir erstmals aufgefallen, wie viel ich in den 1,5 Jahren als JAV schon gelernt habe und was ich nun weitergeben konnte. Egal ob es um Einstellverfahren, Begrüßungsrunden oder Jugendversammlungen ging, ich konnte weiterhelfen.

Dieses Seminar hat mir ein gutes Gefühl gegeben
Dies bedeutete für mich, dass sich die Zeit als JAV bei Daimler, während der Ausbildung gelohnt hat, denn ich genieße eine gute Ausbildung und habe die Möglichkeit bekommen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Dieses Seminar hat mir ein gutes Gefühl gegeben, was mich in meinem Handeln nur bestärkt hat, denn ich habe mich gebraucht und als Teil einer Gruppe gefühlt. Hier waren Menschen mit denselben gewerkschaftlichen Interessen wie ich. Jeder hatte den festen Willen etwas zu verändern und nicht nur zuzusehen. Und das, obwohl wir sonst alle sehr verschieden waren.

Nach den 12 Tagen fiel der Abschied sehr schwer und uns allen war klar, dass die Zeit viel zu kurz war. Trotzdem freute ich mich auf mein Zuhause, meine Freunde, meine Berufsgruppe und sogar auf das JAV-Büro und das klingelnde Telefon. Daimler und besonders meine Berufsgruppe sind für mich schon fast wie eine Familie geworden, bei denen ich weiß, dass ich mich auf sie verlassen kann. Auf Seminaren, fällt mir auf, wie oft ich von meinen Kollegen rede und wie viele witzige Dinge wir zusammen erlebt haben. Ich möchte keine Erfahrung missen, die ich seit meiner Einstellung hier gemacht habe.

Vor allem nicht die erste Zeit im Werk. Alles war so neu für mich und alles war riesig groß. Nach meinem Abitur bin ich der Liebe wegen aus meiner ursprünglichen Heimat, Nähe der polnischen Grenze, nach Bremen gezogen und habe mich bei Mercedes beworben um eine gute Ausbildung und die Chance auf einen sicheren Job zu bekommen. Demzufolge kannte ich also auch noch keinen am ersten Tag.

Doch die Weisheit meiner lieben Omi hat sich bewahrheitet
Im kalten Wasser lernt man das Schwimmen am besten. Schon ab den ersten paar Minuten hat man gesehen wer sich von den 11 Azubis mit wem gut versteht und das ist auch bis zum dritten Ausbildungsjahr so geblieben. Untereinander verstehen sich alle sehr gut, aber mit dem ein oder anderen kommt man immer besser aus. In der zweiten Ausbildungswoche habe ich mich nicht nur perfekt mit drei Kollegen verstanden, sondern habe in ihnen auch Freunde gefunden.

In der Metallgrundlehre standen wir an einer Werkbank, haben während wir einen Würfel aus Aluminium gefeilt haben, sehr viel gelacht und uns gegenseitig geholfen. In der Lackierwerksatt ging das auch so weiter. Einer mischt den Lack an und der nächste bringt schon mal die Teile in die Lackierkabine. So hat jeder immer eine Aufgabe gehabt und alles ging viel schneller, weil alle Azubis im Team gearbeitet haben. Daraus sind dann sehr tolle Projekte entstanden. Mein Projekt war zum Beispiel eine Motorhaube auf die ich das Zeichen von meinem damaligen Lieblingsspiel lackiert habe mit einem Reifenabdruck im Hintergrund. (Bild am Ende des Beitrags)

Auf diese Motorhaube bin ich unglaublich stolz, auch wenn ich oft am Verzweifeln war, weil irgendetwas am Anfang einfach immer schief gegangen ist. Jeder hat irgendwelche Fehler gemacht und Misserfolge einstecken müssen, doch es gab nie Ärger. Unser Meister hat uns Hilfestellungen gegeben und uns oft wieder ermutigt. Ich bin froh dass er uns diese Fehler hat machen lassen, denn nur dadurch haben wir uns für immer gemerkt wie das Lackbild aussieht, wenn wir den Lack falsch anmischen und dass Vorarbeit alles ist. Wenn man hier schon nicht sehr sauber und akkurat arbeitet, wird das Ergebnis nicht perfekt sein.

Von der Werkstatt in die Produktion
Später im zweiten Ausbildungsjahr, haben wir unsere Werkstatt verlassen und sind in die Produktion gegangen. Das war wieder am Anfang sehr aufregend, da wir noch nicht wussten wie es ist am Band zu arbeiten. Meine erste Station war das Füller-Schleifband. Hier kommen die Karossen mit der fertigen Füllerschicht an. Der Füller soll vor allem die Unebenheiten des Untergrundes ausgleichen, eben auf“füllen“. Er hat außerdem die Aufgabe, das Auto vor Korrosion zu schützen und eine optimale Haftung für die nächsten Lackschichten sicherzustellen. An diesem besagten Band werden kleine Schmutzeinschlüsse rausgeschliffen um wieder eine glatte Oberfläche zu erzielen. Diese Einschlüsse muss man selbst finden. Dazu schaut man sich an seiner Station, z.B. Heckdeckel, das Bauteil für welches man verantwortlich ist, genau an und fühlt es mit den Händen ab. Hier steht kein Azubi allein. Man ist immer zu zweit an einer Station mit einem Facharbeiter oder einem anderen Auszubildenden.

Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht dass man überall sehr schnell mit eingebunden ist und zum Team dazu gehört. Sicherlich gab es auch mal kleine Streitigkeiten unter Kollegen, aber es ist eben immer noch das normale Leben, was sich hinter den großen Toren verbirgt. Jeder Mensch ist anders und bringt seine Eigenarten mit sich und genau das macht es hier so sehr bunt. Egal ob einer Hauptschulabschluss oder Abitur hat, egal ob jemand Russe, Japaner oder Deutscher ist, egal ob man wohlhabende oder Geringverdiener als Eltern hat, in Latzhose sehen wir alle gleich aus und werden auch so behandelt. Selbst die Meister, welche jeden Morgen zu den Kollegen gehen und guten Morgen wünschen, reden mit einem auf Augenhöhe. Das schätze ich sehr an diesem Unternehmen und der Mannschaft vom Mercedes-Benz Werk Bremen.

Wie soll’s weitergehen: Ich werde mich noch weiterbilden, um die Möglichkeit zu bekommen, als Meisterin bei uns im Werk Bremen zu arbeiten. Mein Traum ist es dann, irgendwann direkt als Ausbildungsmeisterin beschäftigt zu sein. Dann kann ich den jungen Menschen etwas beibringen und ihre Entwicklung begleiten und fördern.

Die von mir lackierte Haube passt übrigens auf den aktuellen SL (R231). Gerne würde ich sie intern einem interessierten Fachbereich zur Verfügung stellen, ansonsten wandert sie leider in die Metallverwertung. Und das will ich wirklich nicht, denn es hängt sehr viel Herzblut daran. Die beste Idee für eine Verwendung , die unten in den Kommentaren gepostet wird, bekommt den Zuschlag!


Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade auf der Karrierebibel „Lohnt sich die Ausbildung noch?“. Angeregt wurde diese durch die Krones AG. Am 5. Dezember endet die Blogparade. Im Anschluss werden alle teilnehmenden Artikel auf der Karrierebibel aufgeführt.


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