Gastbeitrag: Die geheime Welt der Ozeane

Erforschung des Lebensraums Tiefsee. „Wenn Sie mit einem U-Boot ins Meer hinabsteigen, erscheint es zunächst blau oder schwarz. Doch ab einer gewissen Tauchtiefe beginnt es plötzlich um Sie herum zu leuchten. Ab 200 Metern betreten wir eine funkelnde Zwischenwelt. Die Tiere kommunizieren mittels Licht, das ist ein atemberaubender Anblick“, berichtete Antje Boetius.

Erstaunlicherweise sei die Oberfläche von Mond und Mars besser kartografiert als der Meeresboden. „Erst kürzlich haben wir auf einer Tauchfahrt im Südozean einen mehrere Kilometer hohen Berg entdeckt. Das Oberflächenmodell unseres Planeten ist noch lange nicht vollständig“.

„Die geheime Welt der Ozeane: Erforschung des Lebensraums Tiefsee“, lautete der Titel des Vortrags von Prof. Dr. Antje Boetius. Der Vortrag fand im Rahmen der Reihe „Dialog im Museum“ statt, die von der Daimler und Benz Stiftung, der Daimler AG und dem Mercedes-Benz Museum gemeinsam veranstaltet wird.

Boetius studierte in Hamburg und San Diego Biologische Ozeanographie, lehrt seit 2001 als Professorin in Bremen und ist Leiterin der Helmholtz-Max-Planck-Brückengruppe für Tiefseeökologie und -technologie. Sie nahm an bislang über 44 Expeditionen in die Tiefsee teil.

Michael Brecht, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats und Stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der Daimler AG, begrüßte im Namen des Konzerns am 25. September die rund 250 Gäste, die sich im abendlichen Mercedes-Benz Museum eingefunden hatten.

„Wissenschaft und Forschung sind für unsere Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Sie werden die Lebensverhältnisse und die Arbeitswelt der kommenden Generationen prägen. Wir sind der Stiftung sehr dankbar, dass es ihr immer wieder gelingt, für diese Vortragsreihe so herausragende Wissenschaftler zu gewinnen, die zugleich fachlich kompetent und allgemeinverständlich über ihre Forschungsarbeit sprechen“, so Brecht.

Über 70 Prozent der Erdoberfläche ist von Wasser bedeckt. Die Ozeane beherbergen eine fantastische Vielfalt an Lebewesen – von welcher der Mensch allerdings kaum je etwas erfährt. „Wir sind Zweibeiner, wir sehen den Boden, auf dem wir stehen und auf dem wir unsere Häuser bauen. Das prägt auch unser Bewusstsein von der Welt“, so Prof. Dr. Rainer Dietrich, Vorstandsmitglied der Daimler und Benz Stiftung. Diese Art der Wahrnehmung lasse jedoch außer Acht, dass die Ökosysteme des Planeten gerade in den Meeren besonders reich entwickelt sind.

Charakteristisch für das Leben in der Tiefe ist, dass Tiere sich dort mit einem chronischen Mangel an Energie auseinandersetzen müssen. Was Wiesen und Wälder für das Land, das sind Algen für das Meer. Doch nur bis rund 150 Meter kann Licht ins Wasser eindringen und ihnen also die Photosynthese ermöglichen. Sterben die an der Oberfläche lebenden Algen, so sinken sie ab und werden von Krebsen gefressen.

Damit beginnt die Nahrungskette. „Der riesige Raum darunter ist von Hunger erfüllt. Sämtliche Lebewesen in ihm können sich einzig von dem ernähren, was auf sie herabregnet“, erläuterte die Ozeanographin. Und dies ist herzlich wenig: Auf einen Quadratmeter Tiefseeboden kommt pro Jahr die Energiemenge einer Scheibe Toastbrot. Aus diesem Grund sind Tiefseekorallen, Fische, Krebse oder Seegurken perfekt an das Recycling von Nährstoffen angepasst. Jede Nährstoffquelle wird vollkommen verwertet.

Für den Menschen sind die Sedimente des Meeresbodens wertvolle Archive des Lebens. Schicht für Schicht findet sich hier säuberlich alles abgelegt, was herabsinkt. So lassen Bohrkerne exakte Rückschlüsse etwa auf Klimaveränderungen in der Vergangenheit zu.

Atemberaubend ist die Vielfalt an Organismen im Meeresboden: „Ein Gramm Ozeansediment enthält rund eine Million Zellen und bei genauer Untersuchung können Sie darin 2 000 neue Arten an Kleinstlebewesen entdecken, die bis dato unbekannt sind!“ Der Meeresboden ist nicht nur wichtiger Kohlenstoffspeicher, sondern hier leben auch Bakterien, die sich etwa von Methangas ernähren. „Für die Klimaregulation der Erde spielen die Ökosysteme des Meeres eine entscheidende Rolle. Auch deshalb muss uns daran gelegen sei, sie zu bewahren“, so Boetius.

Für ihren atmosphärisch dichten Vortrag erhielt Boetius lang anhaltenden Applaus. Die eindrucksvollen Aufnahmen von so bizarren wie einzigartigen Tiefseefischen und leuchtenden Unterwasserlandschaften schlugen die Zuschauer in ihren Bann.

„Was genau können wir als Einzelpersonen tun, um die Meere zu schützen?“, fragte eine Besucherin der Veranstaltung in der anschließenden Diskussion. Vor allem Plastikmüll stelle gegenwärtig eine Bedrohung für Meereslebewesen dar, so Boetius. In ihrem Vortrag demonstrierte sie dies eindrucksvoll anhand des Fotos einer missgestalteten Schildkröte, deren noch wachsender Körper durch einen Plastikeimer deformiert worden war.

„Recycling wird für unsere Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Und da können wir als Konsumenten effektiv an den Schrauben drehen. Ich bin überzeugt, dass eine veränderte Haltung hier etwas bewirkt!“ Auf politischer Ebene seien neue Anreizsysteme etwa zur CO2-Einsparung hilfreich.

Auch wäre es wichtig, die Wissenschaftskommunikation in Deutschland erheblich zu verbessern. Hier sei eine engere Verbindung von Wissenschaftlern und engagierten Bürgern gefordert. „Bildung ist der wichtigste Schlüssel zu einer besseren Welt“, so das Fazit der Tiefseeforscherin.


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