Perspektivenwechsel: Mit dem Daimler-Truck zum CSD

Manche Fahrgäste in der U14 zwinkern mir schelmisch zu, andere heben kritisch den Blick… Okay, so bunt wie heute bin ich wirklich selten. Der Anlass ist aber auch ein besonderer: Ich darf auf einem CSD-Lkw mitfahren, und zwar nicht auf irgendeinem, sondern auf dem von Daimler.

Bisher habe ich die Leute auf den Trucks immer nur von unten bewundert, aus der Zuschauermenge. Auf dem Weg zur Aufstellung muss ich unwillkürlich an den Tag meines Umzugs nach Stuttgart denken: Wir waren gerade am Streichen, als eine Aufsehen erregende Menschenmasse zu wummernden Bässen unter meinen Fenstern in der Böblinger Straße vorbeizog. Tanzend, lachend, positiv, aber auch Plakate tragend, deren Aussagen nachdenklich machten und von einer Menge Hürden im Alltag zeugten.

Christopher Street Day 2014

2000 war der „Christopher Street Day“ für mich noch kein Begriff. Aber eines war mir gleich klar: Anderssein schien in Stuttgart einfacher zu sein. „Das wird gut“, dachte ich mir noch. Warum? Weil ich gerade einen Wohnungsbesichtigungsmarathon hinter mir hatte, der immer noch seinesgleichen sucht. Stets an meiner Seite: mein eritreischer Freund – angehender Bauingenieur, gute Manieren, tolles Lächeln, schönstes Hochdeutsch. Und ein Dorn im Auge der schwäbischen Vermieter. Dabei war von uns beiden eigentlich er „der Schwabe“. Nur sah man mir meine russische Herkunft eben nicht an, und einen Akzent hatte ich auch nicht zurückbehalten. Welche Lieder im Kindergarten en vogue waren, wie eine Schultüte gepackt wird und was an Linsen mit Spätzle so toll sein soll, habe ich dafür erst nach und nach gelernt. Weil ich erst mit zwölf Jahren in Deutschland gelandet bin. Inzwischen arbeite ich „beim Daimler“ und schätze, dass das mit der Integration geklappt hat. Was es heißt, anders zu sein, weiß ich trotzdem noch ganz gut.

Diversity hat viele Facetten

Aber zurück zum letzten Samstag und dem Christopher Street Day, dem ich als echte Stuttgarterin genauso regelmäßig beiwohne wie dem Umzug am „schmotzigen Doschdeg“ (schwäbisches Fachwort für einen wichtigen Faschings-Feiertag) oder dem Volksfest. Was die drei Anlässe gemeinsam haben, ist ein gewisses Maß an Verkleidung: Zum Fasching mit Perücke, zum Wasen im Dirndl und zum CSD in Regenbogenfarben. 2000 fand ich die Party und das Publikum cool. Heute will ich dabei sein, weil mir Respekt und Toleranz am Herzen liegen – egal ob es um Religion, Hautfarbe, Nationalität oder eben die Partnerwahl geht. Aus Gesprächen mit Familie und Freunden weiß ich, dass Homosexualität beispielsweise nach wie vor verurteilt, als Krankheit oder gar als Erziehungsfehler eingestuft wird. Es ist alles andere als einfach zu erklären, dass mein Mitbewohner und dessen Partner genauso „normal“ sind wie andere Paare. Mit Streitereien, dem obligatorischen Urlaub auf Lanzarote und Hühnersuppe bei Erkältung. Apropos Mitbewohner: Der hat die Termine durcheinander gebracht, kocht ausgerechnet am Tag der Parade ein Drei-Gänge-Menü für geladene Gäste und kommt nicht mit. Aber bunt ist, perfektionistisch und etwas konservativ wie er ist, sowieso nicht ganz sein Ding.

15:21 Uhr, Böblinger Straße

Mittlerweile bin ich auf der Suche nach dem Wagen Nummer 15. An der Startposition angekommen, steigt die Vorfreude: Nur noch das T-Shirt abholen, und dann kann es endlich losgehen. Doch so sehr ich mich auch freue, fährt eine kleine Portion Nervosität mit… Freunde und Kollegen wissen, dass ich da mitmache. Ob ich befürchte, dass es von den Gegnern faule Eier hagelt, haben sie gefragt. Irgendwie schon. Ob mir klar ist, dass man mich dem „anderen Ufer“ zuordnen könnte? Irgendwie auch. So fühlt es sich also an, wenn man nicht nur Zuschauer ist, wenn man beschließt, die sprichwörtliche Flagge zu zeigen und damit riskiert, ungefragt in eine Schublade gesteckt zu werden. Und das, obwohl keinem von uns auch nur ein Wort über unsere persönliche Gesinnung auf die Stirn geschrieben steht. Meine rund 40-köpfige Reisegruppe ist ganz schön bunt: Produktion, Produktmanagement, Einkauf, Vertrieb, Rastatt, Sindelfingen, Gaggenau, Möhringen. Und dabei habe ich noch nicht einmal alle kennengelernt.

15:50 Uhr

Mittlerweile tragen wir alle die T-Shirts mit dem Slogan „Vielfalt treibt uns an“, die Gesichter strahlen. Wir (also zumindest ich) sind stolz, bei dieser Premiere dabei sein zu dürfen: der Daimler auf dem CSD! Um die Party geht’s nur am Rande. Schließlich bekommen wir von der farbenfrohen Parade vor und hinter uns nichts mit. Mir persönlich, geht es eher darum, dass wir mit der Teilnahme der Vielfalt und den verschiedenen Menschen hinter diesem großen Wort Respekt zollen – in allen seinen Facetten. Es geht darum, dass es keine Schmach sein sollte, hier dabei gewesen zu sein. Verstehen Sie mich nicht falsch: Eine tanzende Meute ist nun wirklich kein politisches Statement. Die Politik wird woanders gemacht. Aber die Veranstaltung ist ein Zeichen, ein Weckruf für mehr Verständnis.

Alltag als Russin

Mich würde es im Alltag zum Beispiel bedrücken, nie erzählen zu dürfen, dass ich Russin bin. Ich will ja nicht drauf rumreiten, aber ich hab‘s mir schließlich nicht ausgesucht und ich kann’s nicht ändern. Ich fahre noch manchmal hin (Und, wo waren Sie im Urlaub?) und manchmal telefoniere ich in meiner Muttersprache (Klingt total interessant!). Es ist natürlich nicht so, dass ich im Pelz und mit Kaviar-Stullen zur Arbeit kommen möchte. Mitnichten! Es sind eher ganz selbstverständliche Aspekte, die ich nicht verbergen müssen sollte: Das könnten genauso gut Kopftuch, Kunstturnen oder koscheres Essen sein. Alles Themen, um die man sich nicht zu viele Gedanken machen müssen sollte. „Machen müssen sollte“ … schon die Wortwahl ist anstrengend.

16.13 Uhr: Die Frisur sitzt. Der Truck steht

Wir sollten doch längst fahren, wo bleiben die preußischen Tugenden, wenn man sie braucht? Als unser Actros sich endlich in Bewegung setzt, jubeln wir alle. Die Organisatoren von GL@D ganz besonders (Ja, ja, Daimler hat auch ein schwul-lesbisches Netzwerk; und das bereits seit 2009). Weil es tatsächlich geklappt hat, weil sich so viele beworben haben, weil „unser Daimler“ das hier ermöglicht hat. In den folgenden eineinhalb Stunden lächeln wir, was das Zeug hält, werfen unendlich viele Tütchen mit Gummibärchen in die Menge und winken Freunden und Kollegen zu, die gekommen sind, um sich das Spektakel anzusehen. Gut, ein paar wollten vielleicht auch nur im Breuninger shoppen, aber sie winken freudestrahlend zurück. Bei der Abschluss-Kundgebung wird es noch einmal ernst: Die Redner erinnern an den historischen Aufstand in der Christopher Street in New York im Jahr 1969. Sie werben für mehr Toleranz, für Verständnis und für den Mut, weiterhin für die Gleichberechtigung aller Menschen einzustehen. Gar keine schlechte Idee, die sich auf so vieles übertragen lässt.


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