„WM-Liner“: Fertigstellung just in time

Es ist kurz nach Mitternacht, als sich in einer warmen Julinacht Berlin in ein Tollhaus verwandelt. Wildfremde Menschen fallen sich um den Hals, Chinaböller werden abgebrannt, Straßen sind binnen Minuten verstopft und eine Melange aus zehntausendfachem Dauerhupen, Polizeisirenen und den Jubelgesängen der Fußballfans vermischt sich zu einer orgiastischen Geräuschkulisse.

Seit wenigen Minuten steht fest, dass Deutschlands Nationalmannschaft das nervenaufreibende Endspiel gegen Argentinien gewonnen hat und neuer Fußballweltmeister ist.

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Was macht der Fußball mit den Menschen? Selbst wenn man mit dem Spiel wenig am Hut hat, ist es immer wieder faszinierend zu beobachten, welch gewaltige Mengen an Emotionen die weltweit wohl beliebteste Sportart freisetzt. Das war schon zuvor mit Gänsehaut zu erleben – kein Restaurant in Berlin, das am Sonntag nicht leer sein wollte, konnte es sich leisten, das Endspiel nicht zu übertragen. Und die Gäste fieberten mit, beklatschen gelungene Aktionen oder Bastian Schweinsteiger, als sich der nach härtesten Attacken seiner Gegenspieler immer wieder aufrappelte und buchstäblich sein Auge hinhielt, um das Team anzupeitschen. Emotionen pur also – und an unserem Tisch jubelte Ingo Lübs nach dem Schlußpfiff noch ein wenig lauter als die Fans an den Nachbartischen: „Und wir fahren die Champions!“ Lübs ist Marketingleiter des Fahrzeugherstellers Krone, und er war eine der treibende Kräfte hinter einer buchstäblich verückten Idee, die wiederum jede Menge Adrenalin und Emotionen frei setzte.

Nach dem triumphalen Erfolg der Deutschen Nationalmannschaft gegen die Elf des Gastgeberlandes kam plötzlich der Gedanke auf, dem Deutschen Fußballbund für den Fall der Fälle ein ganz besonderes Fahrzeug anzubieten. Wenn die schwarz-rot-goldene Auswahl am Ende das Turnier gewinnen sollte, könnten die erfolgreichen Fußballer doch auf einem „WM-Liner“ durch Berlin gefahren werden. Auf einem Cabrio-Sattelzug also, der aus einer formidablen Zugmaschine des langjährigen DFB-Partners Mercedes-Benz und einem handgeschneiderten Auflieger von Krone bestünde. Üblicher- und vernünftigerweise rechnet man für so einen Umbau mit einem Vierteljahr Konzeptions-, Planungs- und Bauphase. Doch diesmal blieb gerade eine Woche, um aus einer spontanen Idee ein fertiges Projekt zu zaubern.

100 Stunden Zeit: Als das „Go“ des DFB schließlich kam, stand die Countdown-Uhr bei Krone auf knapp 100 Stunden. In diesem winzigen Zeitkorridor musste die eigentliche Arbeit geschafft werden.

Just in time ist ein Zauberwort der Logistiker, und just in time wurde der Auflieger fertig gestellt, mit dem schwarzen Actros 1863 zusammengespannt und nach Berlin überführt. Hier treffen wir uns am Tag vor dem Endspiel: Ingo Lübs, der das Projekt bei Krone betreut und vorangetrieben hat, Friedrich Thunsdorff, der den WM-Liner fahren soll und der Fotograf, der die Schlussphase dokumentieren soll. Denn der WM-Liner muss ebenso wie der DFB-Mannschaftsbus, ein Mercedes-Benz Travego, eigens für den Anlass komplett beklebt werden. So weit, so gut, so kompliziert – doch die große Frage, die uns am Sonntag immer wieder umtreibt und die Gefühle Achterbahn fahren lässt, ist jetzt nicht mehr, ob Truck und Trailer rechtzeitig fertig werden. Sondern es ist die Frage, die Millionen Deutsche und noch mehr Menschen auf der ganzen Welt bewegt: Wer wird das Endspiel gewinnen?

Kein Plan B: Der DFB hat nämlich verlauten lassen, dass es keinen Plan B gibt. Die Bekleber haben bis zum Sonntagabend ganze Arbeit geleistet, Bus und Sattelzug stehen mit schwarzer Glanzfolie überzogen in den Hallen der Berliner Daimler-Dependance in der Seeburger Straße. Würde das Endspiel zugunsten von Argentinien ausgehen, wäre es das gewesen. Die Spieler sollten dann via Frankfurt direkt in die jeweiligen Heimatorte weiterreisen. Ein trauriges Ende des Jobs: keine Slogans mehr, keine goldenen Sterne, keine Logos, keine Vorfreude auf eine Fahrt mit dem Spezialsattelzug durch das jubelnde Berlin. Glücklicherweise kommt es anders. Also machen sich die Bekleber am frühen Montagmorgen daran, den WM-Liner, die beiden DFB-Busse sowie diverse Begleitfahrzeuge fertig zu dekorieren.

Immer wieder meldet sich „Stuttgart“ – Fotos sollen verschickt und die Redaktionen mit Informationen über das ungewöhnliche Gespann gefüttert werden, auf dem die Helden von Rio am nächsten Tag ihren Triumphzug durch die deutsche Hauptstadt absolvieren werden. Doch es gibt noch keine Fotos, denn es fehlen Folien, die schließlich Stück für Stück per Kurier herbeigeschafft werden, und die Arbeit zieht sich wegen hundert Kleinigkeiten in die Länge. Trotz der angespannten Lage behalten alle Beteiligten die Nerven und arbeiten ebenso routiniert wie professionell weiter. Erst Stunden nach dem angepeilten Termin ist der Sattelzug  wenigstens auf einer Seite fertiggestellt, so dass das gewünschte Bild vor der Daimler-Niederlassung realisiert werden kann.

Und wieder wirkt der Fußball Wunder: Vorher war der WM-Liner abstrakt, für eine Minderheit sogar nur eine Blockade von Standplätzen im Reparaturbereich. Doch als plötzlich klar wird, um was es eigentlich geht, umringen zahlreiche Mitarbeiter die luxuriöse Sattelzugmaschine und den Spezialauflieger und bekommen leuchtende Augen, wenn auf dem Mobiltelefon ein Foto des Gespanns aufploppt. Sie sind stolz, irgendwie mit dabei gewesen zu sein. Das eigentlich unscheinbare Bild „rennt“ dann, von Stuttgart aus verschickt, durch die Redaktionsstuben. Wird von Print- und Onlinemedien veröffentlicht und ist wenige Stunden später auf der Homepage des DFB zu sehen – schon wieder ein recht emotionaler Moment.

Job erledigt, WM-Liner bereit. Irgendwann am Montagabend baut der Beklebertrupp seine Gerüste ab, räumt die Trägerpapiere für die Folien auf und packt das Werkzeug zusammen – der Job ist erledigt, der WM-Liner bereit für den historischen Augenblick. Noch in der Nacht fährt Friedrich Thunsdorff das Gespann vor eine Polizeidirektion in Moabit. Dort steigen die Meistermannschaft, Trainer Jogi Löw und etliche Begleiter aus dem DFB-Tross am nächsten Vormittag vom Mannschaftsbus, der am Flughafen gewartet hat, auf die inklusive Zugmaschine mehr als 16 Meter lange Sonderanfertigung um. Es wird ein Triumphzug, wie sollte es anders sein. Die meisten Einlässe zur Fanmeile am Brandenburger Tor werden schon gegen acht Uhr morgens wegen Überfüllung geschlossen. Entlang der Fahrtroute des WM-Liners harren zehntausende Fans stundenlang aus, um einen kurzen Blick auf die Spieler zu erhaschen, die Deutschland in einen Freudentaumel versetzt haben. Und die oben den Fans vom Sonnedeck des Cabrios aus zuwinken, das zehn Tage zuvor nicht mehr als eine vage Idee gewesen ist.


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