Gastbeitrag: Beflügelt im Elektro-smart bei der Silvretta E-Auto Rallye

Alle reden über Elektromobilität, doch wer nutzt diese Art der Fortbewegung heute eigentlich schon? Ich zum Beispiel – und das unter verschärften Bedingungen. Ok, ich gebe zu, auch ich bin kein Besitzer eines Elektromobils, doch Mercedes-Benz hat gesagt: „wir geben Dir eins, fahr damit und berichte uns.“ Klingt einfach, ist es aber nicht, denn es sollte kein gewöhnlicher Alltagstest werden, sondern die Teilnahme an der 5. Silvretta E-Auto Rallye im Rahmen der Silvretta Classic und auch das Fortbewegungsmittel war kein schnöder Stromer, sondern die extrovertierteste Art, einen smart zu fahren: Das von Modedesigner Jeremy Scott gestaltete Sondermodell mit weithin sichtbaren Flügeln am Heck.

Doch ist Elektroauto fahren wirklich so anders? Ja und nein, denn das Fahrverhalten des unter Strom stehenden Zweisitzers unterscheidet sich nur marginal vom benzinbetriebenen Bruder: Dieser smart brummt nur einfach nicht und schaltet auch nicht. Ein Vorwärtsgang reicht und Leistung steht ausreichend ab Fahrtbeginn in aller Stille zur Verfügung. Doch dann kommt die Psychologie ins Spiel: Wenn man im malerischen Montafon bei einer Rallye mit Etappenlängen von bis zu 133 km Länge startet, doch für den smart Brabus electric drive edition by Jeremy Scott (so der etwas überlange Name für das nur 270cm kurze Auto) gerade einmal eine maximale Reichweite von 145km angegeben wird, dann erhöht das stressbedingt den Puls schon vor dem Fall der Starflagge. Reicht die vollgeladene Lithium-Ionen-Batterie für diese Distanz überhaupt? Denn die angegebene Reichweite gilt nur bei optimalen Bedingungen ohne kräftezehrende Anstiege zum Furkajoch, Faschinajoch, Zeinisjoch und eben der Silvretta Hochalpenstraße.

Bei der Rallye fuhren schöne Klassiker wie dieser Ponton-Mercedes und E-Autos gemeinsam

Mit diesem Wissen im Hinterkopf ändert sich abrupt die eigene Fahrweise. Vorausschauend fahren, nur nicht unnötig bremsen, wenn möglich segeln und am besten viel rekuperieren. Ach, Sie haben noch nie davon gehört? Gewöhnen Sich schon einmal daran. Elektromobilität könnte auch Sie bald treffen und das Überraschende ist: Sie macht auch noch Spaß. Locker schwimmt man im Verkehr mit, erklimmt souverän alle Steigungen und erfreut sich an großen Gefällen. Denn wo die Bremsen einiger Teilnehmer aus dem klassischen Lager langsam zu glühen beginnen, schlägt die Stunde des beflügelten Smarts. Team 209 muss hier nicht einmal die Bremse betätigen, sondern einfach nur kurz an der rechten Lenkrad Schaltwippe ziehen und schon bremst der Zweisitzer maximal über seinen Elektroantrieb und lädt damit die Bordakkus wieder auf. Reicht die Hangabtriebskraft jedoch nicht für eine ordentlich Rekuperation, dann zieht man kurzerhand an der linken Wippe und schon segelt der Smart, wie ein griechischer Götterbote und Dank der Entkopplung des Antriebs von den Rädern, verbraucht man dabei auch keine Energie.

Aber ausschließlich mit einer effizienten Fahrweise durch die Alpenwelt zu gleiten, ist bei einer E-Auto Rallye nicht das Ziel. Immerhin befinden sich mein Co-Pilot und ich in einem Wettbewerb. Wir kämpfen mit 22 ebenfalls elektrifizierten Teams auf 17 Wertungsprüfungen um die Platzierungen. Doch halt, damit kein Missverständnis entsteht: Hier kommt es nicht auf Bestzeiten und Höchstgeschwindigkeit an, sondern auf Gleichmäßigkeit und Präzision. Nur wer die vom Veranstalter vorgegebene Zeit für eine Strecke auf die Sekunde genau trifft, bekommt keine Strafpunkte. Auch das klingt in der Theorie deutlich einfacher, als es in der Realität tatsächlich ist, denn wann haben Sie – zum Beispiel – das letzte Mal probiert, 100 Meter in exakt 15 Sekunden zu fahren?

smart "forjeremy" als E-Variante flitzt bergauf: "Nur Flügel sind schöner"

Da helfen auch keine Stoppuhr und keine noch so clevere App auf einem Tablet PC. Übung und das richtige Feingefühl für die Ausmaße des Autos sind der Erfolgsgarant, denn Lichtschranken können so unglaublich grausam sein. Keine Hundertstelsekunde entgeht diesen Messgeräten und selbst, wenn wir das Gefühl hatten, die Wertungsprüfung brillant absolviert zu haben, schoben sich meist andere Teams mit einer noch geringeren Abweichung vor uns. Nur einmal können wir einen Sieg verbuchen und das auch noch auf der prestigeträchtigen Gymkhana Prüfung. Die Mischung aus ein wenig Slalom, vorwärts einparken, rückwärts ausparken und einer kleinen Sprintstrecke liegt unserem kleinen Flügelmonster, schließlich kann es hier zeigen, welche Kraft in ihm steckt. Durchaus beeindruckende 135 Nm und 60 kW (was klassischen 82 Pferdestärken entspricht) fliessen bei Bedarf aus dem Elektroherz an die Hinterräder und schieben diesen Smart tüchtig vorwärts.

am Ziel der Silvretta E-Rally 2014

Doch viel Kraft bedeutet auch viel Energieverbrauch. War meine anfängliche Sorge um die Reichweite also begründet? Jein! Unser smart surrte zwar an allen drei Rallyetagen zufrieden vor sich hin und beflügelte uns über rund 350km bis auf Gesamtrang 10, doch am letzten Tag schwitzen Fahrer und Beifahrer gewaltig. Das lag nicht an der zum Energiesparen ausgeschalteten Klimaanlage, sondern an der Tatsache, dass wir nach 133 Kilometern mit exakt 2% Akkuladung endlich die erlösende  Zielflagge sahen. Wie sich die letzten Kilometer angefühlt haben? Smartphone Besitzer kennen das Gefühl, wenn man weit von der nächsten Steckdose entfernt das Batteriesymbol immer hektischer blinken sieht und eigentlich im Daimler-Blog noch den neuesten Eintrag fertig lesen möchte.

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Über den Autor

Axel Griesinger ist Automobil Junkie durch und durch. Neben seinem eigenen bigblogg.com berichtet er über seine automobilen Begegnungen auch auf radical-mag.com, mein-auto-blog.de und passiondriving.de. Sollte dann noch Zeit übrig bleiben, dreht er am liebsten seine Runden auf der Nürburgring Nordschleife.

Weiterführende Links

Silvretta E-Auto Rallye: http://www.motor-klassik.de/e-rallye-silvretta-3532249.html

bigblogg: http://www.bigblogg.com

Smart Jeremy Scott: http://www.smart.de/de/de/index/smart-special-models/smart-fortwo-edition-by-jeremy-scott.html


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