Gastbeitrag: Unfallversicherung und Assistenzsysteme

Soviel ist sicher: Meine persönliche berufliche Motivation bei der Arbeit für die Berufsgenossenschaft Transport und Verkehrswirtschaft (BG Verkehr) besteht darin, dass möglichst viele Unfälle vermieden werden und dass unseren Versicherten und ihren Angehörigen damit Leid erspart bleibt.

Die Berufsgenossenschaft ist als Unfallversicherung zuständig für fast alles, was rollt, fliegt und schwimmt.Sie versichert die großen Branchen Güter- und Personentransport, Entsorgung, Logistik, Luftfahrt, Binnenschifffahrt, Seeschifffahrt und Fischerei, aber auch Flieger- und Fahrschulen, Lotsbetriebe, Abschleppdienste, Bestattungsunternehmen und Reittierhaltungen gehören dazu. Bei der BG Verkehr liegt der Anteil der Unfälle im Straßenverkehr an der Summe der Arbeitsunfälle in den letzen Jahren relativ konstant bei knapp über 10%. Betrachtet man jedoch die tödlichen Unfälle, stellt man fest, dass knapp zwei Drittel dieser Unfälle im Straßenverkehr stattfinden.

Die gesetzliche Unfallversicherung im Überblick:
Die gesetzliche Unfallversicherung ist Teil der Sozialversicherung in Deutschland und steht neben Kranken-, Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. Unfallversichert sind alle abhängig Beschäftigten, Studierende, Schüler, Kinder, die einen Kindergarten besuchen, sowie Haushaltshilfen und ehrenamtlich Tätige – im Jahr 2012 waren es über 76 Millionen Menschen in Deutschland. Die gesetzliche Unfallversicherung sorgt nach Arbeits-, Schul- und Wegeunfällen sowie bei Berufskrankheiten für die bestmögliche medizinische, berufliche und gesellschaftliche Rehabilitation. Alle drei Bereiche Prävention, Rehabilitation und Entschädigung liegen dabei in der Hand der Unfallversicherungsträger. So ermöglicht dieses System einen umfassenden Schutz und bietet ein hohes Maß an sozialer Absicherung. Die Prävention ist die erste wichtige Säule der gesetzlichen Unfallversicherung und ein gesetzlich festgelegter Auftrag.

Prävention:
Für die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz ist der Unternehmer verantwortlich. Er muss dafür sorgen, dass seine Mitarbeiter vor Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren geschützt werden. Unterstützend zur Seite stehen ihm dabei die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen.

CharterWay Mercedes-Benz Actros WM-Truck

Warum sind Fahrerassistenzsysteme (FAS) für die Verkehrssicherheit so wichtig?
In den vergangenen Jahrzehnten hatten Fahrzeughersteller und ‑zulieferer die Fahrzeuge und deren Komponenten immer mehr optimiert, so dass Verkehrsunfälle in Folge technischer Defekte selten geworden sind. Um die Anzahl der Unfälle weiter zu reduzieren oder deren Schwere zu vermindern, wurde das Augenmerk auf die Unterstützung des Fahrzeugführers gelenkt. Mit dem Antiblockiersystem (ABS) begann diese Unterstützung in den 1970er-Jahren. Das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) wurde ab 1995 eingesetzt und findet sich heute bei nahezu allen Neuwagen in Deutschland wieder.

Im Fernverkehr sorgen Unfälle, bei denen Nutzfahrzeuge auf Stauenden auffahren, immer wieder für eine starke Berücksichtigung in den Medien, da die Unfallfolgen oft erheblich hoch sind. Schwere Verletzungen erleiden die Fahrerinnen und Fahrer auch bei Unfällen infolge des Abkommens von der Fahrbahn. Diese Erkenntnisse hatte die BG Verkehr aus einer Untersuchung der schweren Unfälle aus den Jahren 2000 bis 2006 im Gewerbezweig Güterkraftverkehr gezogen.

Statistik: Unfallursachen im Güterkraftverkehr

Daraufhin führte die BG Verkehr zusammen mit den Partnern Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e. V. und KRAVAG-Versicherungen die Kampagne „SICHER. FÜR DICH. FÜR MICH.“ durch. Unterstützt wurde die Aktion durch einige Nutzfahrzeughersteller.

Im Rahmen der Kampagne wurde die Anschaffung von neuen Nutzfahrzeugen (Lkw über 16t zulässiges Gesamtgewicht und Reisebusse), die mit den drei Fahrerassistenzsystemen (FAS), Elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP), Abstandsregeltempomat (ACC) und Spurassistent (LDW) ausgestattet sind, finanziell gefördert. Im Gegenzug verpflichteten sich die betreffenden Güter- und Personenverkehrsunternehmen zur Mitwirkung an einer wissenschaftlichen Untersuchung.
Die Unternehmen fuhren mit insgesamt 1.332 Fahrzeugen (767 mit FAS, 565 ohne FAS) im Zeitraum von 3 Jahren über 349 Millionen Kilometer.

Als wesentliches Ergebnis für die Verkehrssicherheit kann festgehalten werden, dass das Risiko einer Unfallbeteiligung für die mit Fahrerassistenzsystemen ausgestatteten Fahrzeuge um über ein Drittel niedriger war als das der Vergleichsfahrzeuge.

Statistik: Anzahl der Unfälle pro 10.Mio KIlometer im Güterverkehr

In der Zukunft wird sich die Ausstattungsrate mit Fahrerassistenzsystemen deutlich verbessern, da ab dem Jahr 2015 Neufahrzeuge nur noch mit ESP, Notbremsassistent und Spurhaltewarnsystem zugelassen werden dürfen.

Für ein weiteres Unfallszenario steht die technische Lösung allerdings noch aus: Jährlich werden eine Reihe von Fußgängern und Radfahrern, oft Kinder, getötet oder schwer verletzt, wenn sie beim Rechtsabbiegen von Lkw, Müllsammelfahrzeugen, Omnibussen oder Transportern erfasst werden. Der Fahrer wird in der Regel selbst körperlich nicht verletzt, muss aber mit den vielfältigen Folgen dieses traumatisierenden Ereignisses fertig werden.

Mercedes-Benz Antos 2543

Automatisiertes Fahren:
In der produzierenden Industrie werden seit Jahren Arbeitsplätze mit hohem Gefährdungspotential automatisiert, so dass der Mensch die Arbeit der Maschine vor allem überwacht. Damit konnten in den vergangenen 25 Jahren die Anzahl der Arbeitsunfälle stärker reduziert werden als die der Verkehrsunfälle. In der Luftfahrt und Seeschifffahrt sind Autopiloten, die das Flugzeug oder Schiff autonom steuern, weit verbreitet.

Durch die Integration von Fahrerassistenzsystemen, weiteren Sensoren und auch der Infrastruktur sieht die BG Verkehr ein gutes Potential, das Zeil der EU ‑ Halbierung der Verkehrstoten ‑ zu erreichen.

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Über den Autor:
Dr.-Ing. Klaus Ruff arbeitet bei der Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft als stellvertretender Leiter des Geschäftsbereiches Prävention. Dort ist er verantwortlich für die Betreuung des straßengebundenen Verkehrsgewerbes. Zudem ist er Leiter des Sachgebietes Fahrzeuge der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. In dieser Eigenschaft berät er u. a. die Fahrzeughersteller und -zulieferer.


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