Gemeinsam nach vorn: Mein Job als Renningenieur bei der DTM

Wenn mich ein Journalist fragt, wie ich als Ingenieur Rennfahrer beurteile,  ob ich eher den kämpferischen Fahrstil mag, oder einen „ruhige“ Fahrweise,  dann sage ich: Reifenschonend.

Reifen im Rennen in der richtigen Temperatur zu halten, das ist wichtig, der Schlüssel. Es nützt nichts, wenn einer ein paar Runden spektakulär vorne ist, um dann mit abgefahrenen Reifen im Starterfeld durchgereicht zu werden. Deshalb arbeite ich auch gerne als Renningenieur für Gary Paffett. Denn er kann perfekt die Strategie umsetzen, die wir ihm als Team aus der Box für ein Rennen geben.

Ich bin für das Rennfahrzeug von Gary verantwortlich. Ich koordiniere drei Mechaniker, die sich um das Auto kümmern. Mit ihnen bespreche ich alles zu Tests, Trainings und Rennen, zum Beispiel: Welche neuen Bauteile sollten wir haben?  Was wird am Motor, am Getriebe getauscht?  An der Karosserie?  Oder Setup-Veränderungen (Fahrwerkseinstellungen).

Entsprechend der Faktoren wie Streckenlayout, Asphaltbeschaffenheit und zu erwartende Temperaturen wird das sogenannte „Setup“ erarbeitet. Das Fahrwerk, die Federung, die Dämpfer, Stabilisatoren und die Aerodynamik werden eingestellt, die Gewichte verteilt. Ich bin im ständigen Kontakt mit Gary, sage ihm z.B. „in Sektor 2 gibt es auf der Strecke Probleme“ oder  „Denk an Kurve 5“.

Während des Rennens halte ich den Funkkontakt mit dem Fahrer. Ich frage den Reifendruck ab, den nur der Pilot auf seinem Display im Cockpit sieht. Wir besprechen die Strategie, oder informiere Gary wie viel Vorsprung oder Rückstand er auf seine Konkurrenten hat. Es gibt viel zu diskutieren, aber wir haben auch die Abmachung, dass wir nicht zu viel „tratschen“ wollen, sondern uns auf das Wesentliche konzentrieren.

Gary und ich sind ein gutes Team.

Was einen guten Fahrer ausmacht?

Die Box erinnert ihn an Absprachen, er hält sich dran. Manchmal geht es nicht, das muss man dann auch verstehen, aber wenn Gary das Material dazu hat, kann er das Besprochene immer umsetzen. Im Rennsport muss alles schnell gehen. Man muss flexibel sein, hat eine gewisse Zeitvorgabe. Alles wird genau durchgesprochen, damit jeder Mechaniker weiß, was er an Teilen ein- oder umbaut. Wenn ein Qualifiying „in die Hose geht“, dann muss es beim Rennen am nächsten Tag trotzdem klappen. Wir haben keine Zeit zum Nachweinen, wir wollen nicht nach hinten schauen, sondern gemeinsam nach vorn.

DTM Lausitzring 16.06.2013

Wie kam ich zum Motorsport?

Nach der höheren technischen Schule für Maschinenbau in Österreich/Saalfelden machte ich mein erstes Praktikum im Team bei Holzer/Opel als „Reifenwäscher“. Langsam habe ich mich hochgearbeitet und dabei Praktikumszeugnisse gesammelt. Ich bin anschließend zur Formel 3 gegangen und habe mich immer wieder neu beworben, jedes Jahr. Ich blieb 3 Jahre als Ingenieur nach meiner Schulzeit in dieser Formelserie. Und von dort von dort ging es schließlich zu HWA und zur DTM.

Mein berufliches Ziel war schon immer die Arbeit im Fahrzeugengineering, die direkte Kommunikation mit dem Fahrer. Das Fahrzeug auf seine Wünsche hin technisch abzustimmen. Für jeden Rennsportbegeisterten ist es natürlich auch ein Traum, selbst zu fahren. Ich habe aber früh erkannt, dass es ohne große finanzielle Mittel schwierig wird und habe deshalb diesen Weg eingeschlagen, der auch sehr viel Spaß macht. Denn was wäre ein Fahrer ohne einen guten Ingenieur?

Wir haben in unserem Team gerade keine leichte Zeit

Die Konkurrenz bei der DTM ist groß und unser Auto noch nicht so schnell, dass Gary ganz vorne mitfahren kann. Umso wichtiger ist jetzt, dass wir zusammenhalten und jede Möglichkeit nutzen, das Auto besser zu machen.  Die Daten zu analysieren: Wo lassen wir noch „Zeit liegen“? Wie können wir während eines Rennens noch schonender mit den Reifen umgehen bzw. das beste Arbeitsfenster erzielen? Gary ist ein guter Tester und Analytiker und sagt uns auch offen: „Jungs, das reicht noch nicht für den Speed“.

Ein starkes Team: Der Wagen und die Menschen dahinter.

Die Saison ist noch lang, deswegen setzen wir auch auf die Unterstützung der Mercedes-Fans. Ihr müsstet mal sehen, wie hart die Leute arbeiten und wie wir an Sachen rangehen. Bange machen gilt nicht. Wir werden von Rennen zu Rennen besser. Treffen wir uns zum Beispiel am Norisring (27.6.-29.6. in Nürnberg?) Gemeinsam nach vorn… mit euch!

Nachtrag der Redaktion:

Mercedes-Benz-Pilot Robert Wickens krönte ein perfektes Rennwochenende auf dem Norisring am Sonntag (29.6.2014) mit seinem ersten Saisonsieg. Bei rutschigen Verhältnissen auf dem 2,3 Kilometer langen Stadtkurs münzte der Kanadier seine Pole-Position in einen nie gefährdeten Start-Ziel-Sieg um. Und Gary Paffett? Wurde immerhin Zwölfter! Bleib´ dran, Gary!

Hier einige Videoeindrücke und Sounds eines DTM-Fahrzeugs! Am Steuer: Christian Vietoris.

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