Allgäu-Orient-Rallye: Von Kühen im Allgäu zum Tee mit Beduinen

Jedes Jahr am 7.7. dasselbe Spiel: Mitten in der Nacht versammeln sich Hunderte von bastelerprobten Motorsportfreunden vor ihrem Computer – um genau um 3:33 Uhr einen der begehrten 111 Startplätze für die Allgäu-Orient-Rallye zu ergattern! Und als ob es nicht schon verrückt genug wäre, sich mit dem Lied des ersten Vogels an den Computer zu setzen – so offenbart sich der tatsächliche Wahnsinn dieses Auto-Abenteuers erst, wenn die restlichen Daten dieses Projektes zusammen getragen werden:

– Über 6.000km geht es in rund drei Wochen vom Allgäu nach Jordanien
– Die Autos dürfen einen Maximalwert von höchstens 1.111,- € haben – oder über 20 Jahre alt sein
– Das Übernachtungsbudget liegt bei 11,11€ pro Mann
– Autobahnen und Navigationen sind verboten
– Die Autos bleiben im Zielland und werden für einen guten Zweck verkauft
– Man sollte „mit Händen und Füßen“ sprechen können – denn da wo die Reise hin führt – hilft auch Englisch nicht mehr weiter
– Ein Team besteht immer aus 6 Mann. Je zwei teilen sich eines der drei Autos!
– „Toleranz“ und „Aufgeschlossenheit“ sind Startvoraussetzung. Das wird zwar nicht geprüft, aber ohne wird man es schwer auf der Strecke durch Balkan, Türkei und Asien haben.

Gewonnen hat bei dieser Rallye aber natürlich nicht das Team, welches als erstes durchs Ziel fährt: bei der wilden Fahrt von Oberstaufen nach Jordanien geht es vielmehr darum, bei zahlreichen Sonderprüfungen Punkte zu sammeln. Die Aufgaben sind dabei sowohl peinlich, albern, lästig und anstrengend – dienen aber fast immer und in irgend einer Form dem intensiven Kennenlernen von Land und Leuten auf der Strecke! Und was gibt es zu gewinnen? Ein Kamel! Das ist jedoch bislang immer im Zielland verblieben.

Ein Kamel in Jordanien also bewegt die drei Daimler-Kollegen (Sascha Kürschner, René Kürschner und Andreas Eißing) um mit Ihren Weggefährten (Stefan Dieringer, Claudius Huppert und Michael Feldmeier) drei Wochen lang in einem alten T-Modell zu sitzen und im Kofferraum desselben womöglich auch noch zu schlafen? Nein, natürlich nicht. Vor allem geht es nämlich um ein unvergessliches Erlebnis mit Freunden. Darum, mit den alten Mercedes  Europa, den Balkan, die Türkei und den vorderen Orient zu durchqueren. 16 Länder in drei Wochen zu sehen und in Orte zu reisen, von denen die meisten eher selten auf der Liste beliebter Urlaubsziele stehen.

Der Drang nach Abenteuer...

Der Drang nach Abenteuer, Freude am Basteln und automobiles Technik-Verständnis gehören wohl als Mindestanforderung für ein solches Projekt dazu. Und um von Frau, Freundin oder gleich der ganzen Familie die Freigabe für ein solches Projekt zu bekommen, soll nicht zuletzt auch Überredungskunst hilfreich sein. Im Idealfall sollte man ähnlich verrückte Aktionen auch vorher schon mit seinen Mitfahrern erlebt haben. Drei Wochen auf Staub und Straße kann als „Teamtraining“ durchaus an zwischenmenschliche Grenzen gehen, mit denen jeder anders umgeht! Da kann es schon mal zum Gruppen-Koller kommen. Doch als wir letzten Sommer unser spontanes „Ja“ zu dieser Aktion mit dem Überweisen des Startgeldes bestätigten, da wussten wir ja bereits, daß es kein Sonntagsausflug werden würde, auf den wir uns da begeben! Vor den ersten Wüstenkilometern gilt es aber zunächst die wichtigste Aufgabe zu erfüllen: „Fahrzeugbeschaffung“ stand im Herbst 2013 auf unserer To-Do-List: Mit einer 50% Besatzung an Daimler-Mitarbeitern – war für uns die Frage des passenden Vehikels auch schnell geklärt! Drei 124er Kombi mussten es sein. Der Plan: so billig wie möglich kaufen – und mit Teilen aus dem Mercedes-Benz Gebrauchtteile Center wieder frisch machen! Zu unserem Glück erwies sich das GTC als „Rallyeerfahrener Partner“ – und so konnten wir mit dem Marketing des Gebrauchtteile Centers zudem eine Sponsoring-Abmachung treffen, die uns neben der benötigten Unterstützung zur zeitwertgerechten Rennwagen-Reparatur auch ein stilechtes Auftreten durch die Kommunikationsabteilung der Gebrauchtteile-Profis ermöglichte!

Am 02. Mai 2014 ging es dann endlich zur Warm-Up-Party nach Oberstaufen, bevor es am Folgetag hieß: „Gentlemen start your Engines!“ Als wir unsere Boliden mit den anderen Teams der Allgäu-Orient-Rallye 2014 verglichen, kamen wir uns im durchgestylten GTC-Design schon fast ein bisschen „overdressed“ vor. Waren doch die anderen Fahrzeuge teilweise lediglich mit einer Walze und Farbe aus dem Baumarkt – Abteilung „Innenausbau“ – renntauglich gemacht! Nach den ersten 100km auf verschiedenstem Terrain war es aber schnell wieder vorbei mit dem Glamour-Faktor unserer schwarz, grau und cyan – folierten Renner. Schlamm aus dem Flussbett, abgebunden mit Straßenstaub – die Allgäu-Orient ist ein Gleichmacher über alle Fahrzeugklassen hinweg. Auch wenn sich der Gedanke einer Low-Cost-Rallye beim Anblick mancher V8-Monster nicht sofort erschließen will.

Und dann ging es endlich los:
Knapp 700 abenteuerlustige Krieger der Straße machten sich binnen weniger Stunden auf die Flucht vor bequemen Betten, heißen Duschen, ausgewogenen Mahlzeiten und geregelten Tagesabläufen! Noch hatten alle ein Lachen im Gesicht, daß sich allerdings schnell einstellen sollte als klar wurde, daß die erste Aufgabe bereits beim Start gelöst werden musste. Für ein Jugendhaus in der Türkei mussten lange Holzbalken für die nächsten 3.000 Kilometer transportiert werden. Jedes Auto musste einen mitnehmen. Pech für den Prozess – denn dadurch zog sich der Start ewig hin… aber wir hatten Glück. Bis unser Team an der Reihe war gab es keine Balken mehr – und so konnten wir uns ohne Ballast auf die ersten Kilometer der Reise machen. Alle 6 zu einer Generation gehörend, wo das Navigationssystem bereits das halbe Autoleben lang seinen Stammplatz an der Windschutzscheibe oder gar per Smartphone in der Hosentasche hat, mussten wir unser erst einmal wieder ans „Plan lesen“ gewöhnen. Funktionierte aber nach einer kurzen Eingewöhnung ganz gut – und so ging es flugs durch Österreich, Italien und Slowenien und auf einem verregneten Bergpass konnten wir dann auch erstmals unsere Extra Zusatzscheinwerfer erproben, für die wir zunächst von manchem Team belächelt wurden. Die erste Nacht sollte uns dann auch gleich auf die nächsten Wochen einstimmen. Wir nächtigten nämlich stilecht im Kofferraum unserer Kombis!

Eine Wäsche muss auch mal sein.

Rasch ging es weiter nach Kroatien, wo wir auf der Höhe der schönen Adriastadt Zadar auch eine erste Tankbilanz ziehen konnten. Nach knappen 1.000km können wir mit Fug und recht behaupten, daß es durchaus möglich ist den 230E mit flotter Fahrt auf Landstraßen zu bewegen – ohne mehr als 10l zu verbrauchen. Daß mag für ein aktuelles 4 Zylinderauto maßlos erscheinen, wir dürfen aber nicht vergessen daß wir hier von Oberklasse-Kombis aus den 80er Jahren sprechen. Deshalb sind diese Werte durchaus akzeptabel! Mit der Autowahl also alles richtig gemacht! Sicher kann man eine solche Fahrt auch mit einem Polo absolvieren. Der verbraucht weniger, aber dann wird die Tour wirklich zur Tortur! Außerdem können wir im Nachgang nur nochmal bestätigen, dass die Allzeit-Option einer Übernachtung im Heck Planungssicherheit gibt ! Und so konnten wir auch die Adriaküste ausgeruht verlassen – und am dritten Tag die Hatz durch den Balkan eröffnen. Vom Gebirge des kroatische Hinterlandes, ging weiter in die Herzegowina und nach Bosnien, Montenegro und Albanien. Insbesondere in Bosnien und Albanien fällt eine sehr hohe Mercedes-Dichte auf. Gerade vom Typ W123 und W124 verrichten hier heute noch viele Fahrzeuge treu Ihren Dienst! Wären unsere Autos nicht als Rennwagen beklebt. Wir wären gar nicht weiter aufgefallen!

Schließlich in Mazedonien angekommen, wurde uns in einem Ort namens Ohrid durch einen netten Einwohner für umgerechnet 10€/Kopf ein Nachtlager zur Verfügung stellt. Seit dem Start die erste Nacht, die nicht im Auto statt findet. Trotz aller Lobeshymnen auf die Wohnwagen-Tauglichkeit des 124er Kombis – eine richtige Dusche in einem richtigen Haus ist dann doch nochmal was anderes!

Mittlerweile schrieben wir den 06. Mai ins Logbuch. Tag Vier der Exkursion! Irgendwo im Niemandsland in den Bergen von Bulgarien hatten wir dann auch Möglichkeit die Autos hinlänglich Ihrer Geländegängigkeit auf ein paar Waldwegen zu überprüfen. Hat sehr gut funktioniert. So gut daß wir etwas übermütig wurden…  und so überschatteten „komische Geräusche“ das Überqueren der griechischen Grenze! Bezeichnenderweise lautete der Name der Ortschaft dann auch „Drama“ in der wir eine Zwangspause einlegen mussten. Denn ein Leck in der Kraftstoffleitung und vor allem der Riss an der Radaufhängung ließen sich mit unseren Bordmitteln nicht mehr beheben! Eine Werkstatt wurde aufgesucht, die dem Problem mit Flex und Schweißgerät zu Leibe rückte! Am Ende haben es die hellenischen Werkstatt-Profis aber ganz gut hinbekommen und so haben auch wir uns am 8.5.2014 mit allen anderen Rallye-Teilnehmern in Istanbul im Nachtlager vor der Sultan-Achmed Moschee eingefunden. Ein erstes Wiedertreffen mit den anderen Piloten also. Fachsimpeln und Wunden lecken ist da unvermeidlich!

Die Schlagfrequenz der Länderdurchquerungen lag am siebten Tag der Allgäu Orient Rallye bereits bei 11. Sollte sich aber spontan senken. Denn die nächsten 3.000 Kilometer sollten durch die abwechslungsreiche Landschaft der Türkei führen! Einmal quer durch bis zum Van See und dann runter nach Iskenderun! In kurzen Worten zusammengefasst, eine nicht minder aufregende Tour auf der wir mehere kleinere und größere Maleurs mit unseren Autos hatten und insgesamt zwei Werkstätten in der Türkei aufsuchen mussten und unter Anderem auf 2.700m von Schneebedeckten Straßen überrascht wurden – bevor wir endlich am 18.05.2014 im Fährhafen von Iskenderun ankamen von wo aus alle 670 Autos von Rennteams und Rally-Organisation per Fähre nach Israel verschifft wurden. Die Fahrer selbst „flogen hinterher“ um dann nach einem „Sightseeing-Day“ in Tel Aviv Autos und Fahrer wieder am Rallye-Tag 17 Platz hinterm Steuer der vertrauten Kombis zu nehmen.

Die eine oder andere "Schlammschlacht" bleibt nicht aus.

Weiter ging es also am 17. und 18. Rallyetag durch Israel, mitsamt Grenzerfahrungen an der Grenze. Stacheldrahtzaun links und rechts, Maschinengewehr-Patronenhülsen im Wüstensand und installierte Minen in Sichtweite – hier empfielt es sich strikt den Anweisungen der Soldaten und Guides zu folgen und auf eigenmächtige Wüsten-Expeditionen zu verzichten! Diese wurden dafür im Nachbarland Jordanien und Ziel der Rallye nachgeholt! Fast alle Teams nutzten die „freie Strecke“ der Jordanische Wüste zum ziehen von Donuts im Sand und Drift-Eskapaden bis an die Grenzen der Fahrphysik. Manche Teams übertrieben es dabei auch ein bißchen und mussten dabei lernen, dass die acht Zylinder eines Ford Explorer nicht dazu gedacht sind, möglichst enge Kreise im Wüstensand zu ziehen. Versucht man es doch – landet man auf dem Dach. Von derartigen Erfahrungen blieben wir Gott sei Dank verschont. Aber die letzten Ersatzreifen die wir bei den Gelände-Challanges in der Türkei nicht gebraucht hatten, die „gingen in der Wüste drauf“

Mitten in der Wüste.

Es gab aber auch ruhigere Momente in Staub und Sand. So bleibt der Besuch der Wüstenstadt Petra oder die spontane Einladung von Beduinen zum Tee als bleibende Erinnerung – bevor dich die Rallye dann nach 21 Tagen bereits Ihrem Ende näherte!

Am 23. Mai fand dann in einem Touristen-Resort-Hotel am toten Meer die Siegerehrung statt! Heraus kam ein zufriedenstellender vierter Platz – den wir uns mit 97 anderen Teams teilen! Bei der Allgäu-Orient Rallye werden ab dem dritten Platz nämlich keine Preise und Ehrungen mehr verteilt! Denn darum geht es nicht – sondern um eine unvergessliche Reise die hiermit zu Ende ist. Und Diese wurde in der Nacht zum 24.05. gemeinsam mit allen anderen Reisenden bei der Abschlussparty zünftig und ausgiebig gefeiert! – Auf die vergangenen Wochen – und vor allem die Kondition und das Durchhaltevermögen der Autos angestoßen! So richtig zu Ende war die Rallye aber erst unmittelbar vor der Fahrt zum Flughafen! Am Tag 22 kam nämlich der unbestritten traurigste Moment des ganzen Projektes. Nach langen Nächten der Vorbereitung, nach 3 Wochen ungetrenntem Zusammensein, nach Blut, Schweiß und Tränen mussten wird die Nummernschilder der Autos demontieren. Den Schlüssel abgeben und die treuen Gefährten zurücklassen und alleine in den Flieger nach Frankfurt steigen! Ohne Kamel, ohne Auto, aber glücklich!

Ob wir es wieder tun würden? Das müssen wir Gott sei Dank nicht sofort beantworten – denn die Anmeldung zur Allgäu Orient 2015 ist am 7.7.2014 – wieder um 03:33 Uhr!

Der vollständigen Reisebericht unseres Trips – nach Tagen und Streckenabschnitt sortiert sowie vielen Bildern und Eindrücken, ist nachzulesen unter: www.mbgtc.de/Allgaeu-Orient/


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