Auch Genies brauchen Vorbilder

Das (außer-)gewöhnliche Lebenswerk des Wolfgang Amadeus Mozart

„Eine Frage, die sich viele Klassikfans und Mozarthörer stellen: Wo kam das alles bei ihm her? Woher rührte eigentlich diese ungeheure Schaffenskraft des Salzburger Komponisten, der gerade einmal 35 Jahre alt wurde?“, so fragte Thomas Fröhlich, Director Corporate Media & Marketing, Cooperations & Trusts der Daimler AG, bei seiner Begrüßung der 250 Gäste, die sich am 5. Juni im Mercedes-Benz Museum einfanden. Als nunmehr zehnter Referent in der Reihe „Dialog im Museum“ sprach Prof. Dr. Ulrich Konrad an diesem Abend über das Thema „Auch Genies brauchen Vorbilder – das (außer-)gewöhnliche Lebenswerk des Wolfgang Amadeus Mozart“.

v.L.: Dr. Jörg Klein, Geschäftsführer seitens der Daimler und Benz Stiftung und Prof. Dr. Ulrich Konrad

Dr. Jörg Klein, der als Geschäftsführer seitens der Daimler und Benz Stiftung das Publikum begrüßte, wies darauf hin, dass die Frage von Originalität und Nachahmung, von eigenständiger geistiger Leistung und Imitation auch heute von ungebrochner Wichtigkeit sei – und nicht selten die Gerichte beschäftige. Der Übergang passt nicht so recht…Konrad lehrt als Ordinarius für Musikwissenschaften an der Universität Würzburg und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem die Dent Medal der Royal Musical Association London und den Leibniz-Preis. „Das Genie und jede einzelne seiner Schöpfungen werden oft aus dem Kontext ihrer Epoche herausgenommen. Sie werden idealisiert und in ihrem Kern gar nicht mehr als Produkte einer fortlaufenden geschichtlichen Entwicklung aufgefasst“, erläuterte Konrad. Gerade für Mozarts Kompositionen habe dies lange gegolten. Doch dieses Vorgehen greife zu kurz. Bereits das „Wunderkind“ Mozart bereiste in den 1760er-Jahren die Fürsten- und Königshöfe Europas und versetzte dabei Adel und Musikkenner mit seinem virtuosen Klavierspiel in Erstaunen. Bereits während dieser Zeit sog der Jugendliche zahlreiche musikalische Einflüsse in sich auf und beschäftigte sich intensiv mit den Werken anderer Komponisten. So überrascht es nicht, dass sich der 22-Jährige, wie ein Brief seiner Mutter an den Vater vom 7. Februar 1778 überliefert, ohne Zögern an jede Art von Auftragskomposition heranwagte.

Der Vortrag von Prof. Konrad war sehr gut besucht

Es sei ihm, so stellt Mozart fest, beinahe einerlei, welches Genre von ihm verlangt werde, „denn ich kann so ziemlich wie Sie wissen alle Art und Stil von Kompositions annehmen und nachahmen“. Bei Mozart zeige sich eine schier unbegrenzte Fähigkeit, musikalische Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten, stellte Konrad fest. „Wohl kein anderer Musiker von vergleichbarem Rang setzte sich zeitlebens so intensiv mit Werken von Kollegen auseinander“. In Mozarts Biografie erscheint das Jahr 1784 besonders herausragend. Innerhalb von nur zwei Monaten komponierte er vier Klavierkonzerte. Als Ausrichter von Konzerten sah er sich gezwungen, beständig Ausschau nach neuen musikalischen Ideen zu halten, mit denen er sein Repertoire bereichern konnte. Besonders Joseph Haydns Sinfonien erregten dabei sein Interesse. Zu Art und Intensität seiner Beschäftigung gebe es zwar keine Überlieferung, doch eine genaue Analyse des Klavierkonzerts B-Dur, 2. Satz, KV 450, zeige, so Konrad, dass er durchaus einige kompositorische Ideen Haydns aufgriff und in sein Werk integrierte. Vor allem bei der Variation in langsamen Sätzen galt Haydn vielen Zeitgenossen als mustergültig.

Es gab viele interessierte Fragen zum Beitrag von Prof. Konrad

Nach einer intensiver Partitur-Analyse der Haydn-Sinfonie D-Dur, Nr. 75, durch die Konrad fast schon detektivisch nachweisen konnte, wie Mozart sich bestimmter Passagen für eigene Werke „bemächtigte“, gelangte er zum Schluss: „Hier öffnet sich einem schlagartig die Tür zur Einsicht: Mozart orientiert sich ohne jeden Zweifel am Modell eines ihm bekannten Sinfoniesatzes aus dem Schaffen Haydns. Er reagierte kreativ auf den Anstoß eines Vorbildes, indem er ein charakteristisches Nachbild schuf.“ Ausgehend von einem kaum beachteten Notizblatt, lasse sich ohne jeden Zweifel feststellen, dass eine nachahmende Beziehung vorliege. Dieser Befund mag provokant anmuten. Der Vorwurf, dass hier an dem genialen Schöpfertums Mozarts gerührt werde, liege nahe. Das sei jedoch falsch, stellte Konrad fest. Denn: „Mozart hat hier eine Idee Haydns aufgegriffen. Er hat sie radikal weiterentwickelt und sich damit wieder von ihm entfernt. Die Beziehung ist als ein Wettbewerb zu begreifen. Der romantische Wahn, der uns den Tonkünstler als jemanden zeigen will, der seine Musik in heiliger Entrückung, von oben irgendwoher empfängt, sollte heute der Vorstellung vom Komponisten als geistigem Arbeiter in seiner Tonwerkstatt weichen.“

Der Daimler Dialog fand in der imposanten Kulisse des Mercedes-Benz Museums in Stuttgart statt

Die lebhafte Diskussion im Anschluss an den Vortrag drehte sich unter anderem um die Frage, weshalb die klassische Musik ihre prägende Kraft heute verloren habe. Dem sei keineswegs so, entgegnete Konrad. Im Gegenteil seien in früheren Jahrhunderten Kompositionen meist bereits nach 70 Jahren vergessen gewesen. Heute hingegen könnten wir Stücke aus vielen Jahrhunderten einfach hören. Dies habe einen großen Einfluss etwa auf die Filmmusik. So sei die Begleitmusik zu „Fluch der Karibik“ ohne Beethoven kaum denkbar. Ferner wollte ein Besucher wissen, ob der an diesem Abend erstmals öffentlich bekannt gemachte Zusammenhang zwischen Mozart und Haydn nicht durch eine App hätte ausfindig gemacht werden können. In der Tat, so Konrad, würde sich das „Big Data“-Konzept irgendwann auch auf die Musikwissenschaft auswirken. Gegenwärtig seien solche komplexen musikalischen Zusammenhänge nicht automatisch erkennbar, aber in der Zukunft könnten neue technische Entwicklungen dies ermöglichen.


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