Gastbeitrag: Mercedes-Benz Classic in Lyon

Die Wolken hängen tief über Frankreich. Der Flugzeugmotor dröhnt während unseres rasanten Sturzflugs. Mein linker Arm wird bedrohlich heiß. Ich bin nicht angeschnallt – natürlich nicht! Das Cockpit vibriert und ist so eng, dass ich immer wieder aufpassen muss, dem Abgasrohr direkt links neben mir nicht zu nahe zu kommen.

Der Pilot sitzt Schulter an Schulter rechts von mir, trägt Fliegerbrille und gibt mir im bollernden Lärm Zeichen, auf den Benzindruck zu achten. Ich greife hinter seinen Sitz und pumpe ein paar Mal an einem Hebel mit Holzgriff, um den Druck auf der antik wirkenden Skala wieder hoch auf 1 bar zu bringen, so wie man es mir vorm Start beigebracht hat.
Vor uns öffnet sich die Rhone-Ebene und die Maschine erreicht gefühlt 200 km/h. Jochen Mass hat sichtlich Spaß auf der Jagd runter zur Todeskurve.Mit zwei baugleichen Boliden vor uns lassen wir jetzt und hier ein historisches Bild wiederauferstehen – wenn man sich Polizeieskorte, Kamerawagen, Straßenbelag und Gegenverkehr einmal wegdenkt: den fulminanten Mercedes-Dreifachsieg beim Großen Preis von Frankreich 1914 bei Lyon!

Denn vor genau 100 Jahren, als die Silberpfeile noch eierschalenfarben waren und Flugzeug- statt Hybridtechnik besaßen, dominierten sie das Renngeschehen fast ebenso nach Belieben wie heute in der Formel 1. Dabei sah es wenige Monate vor der Rennsaison 1914 noch genauso wenig danach aus wie vor der Saison 2014. Die Mercedes-Ingenieure hatten damals wie heute eine Reglement-Änderung bei den Motoren zum Anlass genommen, in kürzester Zeit das schlichtweg beste Antriebs-Aggregat seiner Zeit zu konstruieren: ein leichter, hochdrehender 4,5-Liter-Reihenvierzylinder aus dem Flugzeugbau, mit 16 Ventilen und 106 PS, der sogar noch bis in die hohen 1920er Jahre in seinen Grundzügen erfolgreich bleiben sollte, auch dank der kardanischen Antriebswelle, die die meisten anderen Boliden mit ihren schweren Kettenantrieben damals wie Dinosaurier aussehen ließ. Am Nachmittag des 4. Juli 1914, nach genau 752,6 Kilometern und wenig mehr als 7 Stunden, rasen drei Mercedes-Boliden dieser neuen Bauart als erste über die Ziellinie – weit vor einer noch kurz zuvor übermächtig scheinenden Konkurrenz. Die Sensation ist perfekt, damals wie heute!

Mercedes-Benz Classic in Lyon

Rechtzeitig zum großen Jubiläum lud Mercedes-Benz Classic nach Lyon, um den legendären Dreifachsieg an historischen Schauplätzen für Journalisten nacherlebbar zu machen. Zu Beginn der Planung dürfte das Team aus Mercedes-Benz-Museum und Classic-Center kaum zu hoffen gewagt haben, wie hoch der Aktualitätsbezug dieses historischen Triumphs im frühen Verlauf der Formel-1-Saison 2014 sein würde. Besser planbar, aber dennoch nicht minder schwierig in der Umsetzung: drei Originalfahrzeuge der insgesamt nur sieben jemals gebauten Exemplare nach 100 Jahren zurück an den Ort ihres Triumphes zu bringen. Denn wohlgemerkt: es gibt weltweit nur noch genau drei, und nur eines befindet sich im Besitz der Daimler-Classic-Sammlung.

Die fehlenden beiden Autos müssen über den Atlantik anreisen, darunter das Siegerfahrzeug von Grand-Prix-Champion Christian Lautenschlager mit der Startnummer 28. Heute befindet es sich im Besitz von George F. Wingard, ehemaliger US Senator aus Oregon und leidenschaftlicher Auto-Sammler, der gemeinsam mit seinem Schwiegersohn gleich mit nach Frankreich anreist, um den Wagen im Rahmen der Fahrveranstaltung selbst pilotieren zu können. Dritter Zeitzeuge im Bunde ist der ehemalige Ersatzwagen mit der Nummer „41bis“, der aus der Collier Collection stammt und von seinem Restaurator Eddie Berrisford und Revs-Institute-Kurator Scott George aus Florida auf die historische Rennstrecke bei Lyon begleitet wird.

Mercedes-Benz Classic in Lyon

Die alte Grand-Prix-Strecke besteht aus öffentlichen Straßen und ist in ihrem Verlauf nahezu vollständig erhalten. Wer möchte kann im Rahmen der Fahrveranstaltung die gesamte Strecke von 37,6 Kilometern Länge in modernen Mercedes-Benz-Fahrzeugen erkunden. Für die Mitfahrten in den historischen Boliden beschränken Orga-Team und Polizei-Eskorte den Aktionsradius auf einen Streckenabschnitt im Norden des Rundkurses, der zugleich aber auch die berüchtigte „Todeskurve“ beinhaltet. Dank des breiten Asphaltteppichs, der Beton-Abgrenzung und Jochen Mass am Volant meines Renntaxis hält sich die Todesangst beim Befahren dieses Abschnitts aber gottseidank in Grenzen. Und doch ist es ein unbeschreibliches Erlebnis – und zwar für alle Sinne – jetzt und hier im offenen Rennboliden auf den Reifenspuren der Grand-Prix-Legenden von vor 100 Jahren unterwegs zu sein. Meine Kamera saugt die Szenerie gigabyteweise in sich auf. Wenn sie nicht pausenlos fotografiert, dann wird meistens gefilmt. Für mich als „Social Media Reporter“ sind vor allem die spontanen Eindrücke und Momente wichtig. Dafür nehme ich gerne in Kauf, schon vor dem Frühstück das Hotel zu verlassen, um mit dem Team aus Mechanikern, Fahrern und Fahrzeugbesitzern im Morgengrauen in die „Werkstatt“ zu fahren und so einen wunderbaren Blick hinter die Kulissen zu erhalten. Denn die drei Grand-Prix-Wagen werden über Nacht bei einem Handwerksbetrieb in einem Gewerbegebiet untergestellt. „Wenn die Lyoner wüssten, was hier geparkt ist!“ denke ich mir. Die morgendlichen Startvorbereitungen vor dem „Roll Out“ sind für einen außenstehenden Beobachter mehr als interessant. Nicht nur weil das Motoröl erneuert, Ventile geschmiert und etwaige feinste Blessuren vom Vortag gerichtet werden müssen. Es entspinnen sich vor allem unterhaltsame Benzingespräche, die es später am Tag in dieser ruhigen und konzentrierten Atmosphäre nicht mehr geben würde.

Eine knappe Stunde später setzt schließlich auch der Gänsehaut-Moment ein: der charakteristische Sound der drei Flugzeugmotoren verbindet sich zu einem gewaltigen Klangerlebnis, während die Polizei den Straßenabschnitt vor dem Gewerbegrundstück sperrt, um den drei „Hundertjährigen“ eine freie und sichere Ausfahrt zu ermöglichen. Ein Geschäftsmann in einem Audi wird Opfer dieser vorübergehenden Maßnahme und ist anfangs wenig begeistert davon, seine Fahrt ins Büro hier unfreiwillig pausieren zu müssen. Als er aber bemerkt, welch exklusiven Logenplatz er dadurch für ein Spektakel besitzt, das es so seit 100 Jahren nicht mehr in seine Heimat gegeben hat, lässt ihn das Grinsen nicht mehr los. Im Augenwinkel sehe ich, wie er den drei weißen Grand-Prix-Geschossen von 1914 und ihren Besatzungen aus seinem SUV heraus frenetisch zuwinkt. Sein Tagesthema an der Büro-Kaffeemaschine dürfte damit gesetzt gewesen sein.

Tags darauf hatte er nochmals Gelegenheit, vielleicht zusammen mit der Familie die glorreichen Drei hautnah zu erleben: eine historische Rallye zum 100. Jubiläum des Grand Prix zog am 1. Mai tausende Besucher in den Park am Rathaus von Brignais und schließlich an die historische Rennstrecke, wo auch Fahrzeugklassiker anderer Epochen ihre Runden drehen.
Kann man besser in den Mai tanzen?

Hier gehts zum Video der Fahrt mit dem Mercedes.


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