Landluft macht Karriere: Pathfinder-Konferenz des Handelsblatts in Berlin

Trendiges in Tempelhof: Auf der Pathfinder-Konferenz des Handelsblatts in Berlin

Endlich mal wieder einer, der bei der Landung klatscht. Manche Trends sterben nie, andere werden schneller Wirklichkeit, als man denkt. In der Financial Times lese ich, dass China bereits 2014 zur größten Wirtschaftsmacht der Welt wird – statt, wie bisher prophezeit, Ende des Jahrzehnts. Aber hoppla, falsche Zeitung zitiert! Ich bin an diesem 1. Mai ja auf dem Weg zur Pathfinder-Konferenz des Handelsblatts. Vielleicht kann die ja eine Schneise durch das Trend-Dickicht schlagen?

Das Leben als Wartezimmer

Auf Initiative der Wirtschaftszeitung soll der Tag der Arbeit zum Tag des Nachdenkens werden. Das schadet bekanntlich nie, schon gar nicht in Berlin, und erst recht nicht am 1. Mai. Bereits bei der Anfahrt informiert eine Verkehrstafel: „Viele Demos und Feste!“ Die Handelsblatt-Konferenz ist glücklicherweise weitgehend verkehrsneutral, da sie auf dem Flughafen a.D. Berlin-Tempelhof ausgerichtet wird. Früher landeten hier die Rosinenbomber, heute gibt es intellektuelle Care-Pakete: Sechs CEOs haben jeweils 100 Nachwuchsführungskräfte und je einen Gastredner mitgebracht, der ein Zukunftsthema beleuchten wird. Zum Auftakt werden wir erst einmal von der Poetry-Slammerin Julia Engelmann darauf eingestimmt, dass es im Leben auch anders laufen kann, als man denkt: „Mein Leben ist ein Wartezimmer, aber niemand ruft mich auf.“ Großartig. Tosender Applaus, und das, obwohl alle Anwesenden längst drangekommen sind.

Pathfinder -  Veranstaltung im Flughafen Tempelhof (Copyright: Dominik Butzmann für Handelsblatt)

Zu viel arbeiten, zu wenig denken

Ebenfalls ein Gespür für prägnante Formulierungen beweist ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger: Viele Führungskräfte haben die Tendenz, zu viel zu arbeiten und zu wenig zu denken, meint er. Der Mann weiß, wovon er spricht, denn wenn ich richtig verstanden habe, hat er gerade weit über die Hälfte seiner Manager ausgetauscht. Hiesingers eigentliches Thema heute ist Team-Work, und er hat dafür Hans-Dieter Hermann, den Chefpsychologen der Deutschen Nationalelf, mitgebracht. Ich lerne, dass die durchschnittliche Ballbesitzdauer der deutschen Spieler von der vorletzten auf die letzte Weltmeisterschaft von fast drei Sekunden auf unter eine Sekunde gesunken ist. Einerseits ein gutes Zeichen für den Team-Geist, andererseits: Wenn das so weitergeht, haben die bald gar keinen Ballbesitz mehr. Interessante Einblicke also – nur das kürzliche 0:4 Desaster des FC Bayern gegen Real Madrid möchte der DFB-Chefpsychologe auf Nachfrage lieber nicht kommentieren.

Sei lieber nicht immer ganz Du selbst

Ähnlich hält es Siemens-Chef Joe Kaeser mit der Übernahmeschlacht um Alstom, die zu diesem Zeitpunkt gerade in vollem Gange ist. Dafür hat er mit Herminia Ibarra eine der laut Harvard Business Review 50 weltweit einflussreichsten Management-Gurus mitgebracht. Ibarra macht eindrucksvoll deutlich, dass es auch in Führungsfragen auf „Besitz“, nämlich auf „Raumbesitz“ ankommt. Leitfrage der INSEAD-Professorin: Soll ich als Führungskraft „ganz ich selbst“ sein – selbst wenn das der Lösung meiner Probleme nicht unbedingt dienlich ist? Oder soll ich meine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen, indem ich im Zweifel eher situationsadäquat als authentisch bin? Die Devise „Just be yourself“ lehnt die Management-Zoologin jedenfalls ab: eine Bremse für jede persönliche Weiterentwicklung!

Vom Krückstock und anderen Abhängigkeiten

Nun aber ist Dieter Zetsche dran, der mit einer S-Klasse Intelligent Drive auf die Bühne kommt – autonom, fahrerlos, und anders als seine Vor-CEOs in grauen Sneakers und Jeans. Im Unterschied zu mir weiß unser Chef also, was unter dem angekündigten Dresscode „Smart Casual“ zu verstehen ist. Normalerweise, so Zetsche, sei es ja keine gute Idee, am 1. Mai in Berlin eine S-Klasse vor großen Menschenmengen zu parken: „Aber heute wollen wir zeigen, dass autonom sein und S‑Klasse fahren kein Widerspruch sein muss.“ Die Botschaft: Das Automobil steht für Freiheit, autonomes Fahren vergrößert diese Freiheit, und deshalb kommt autonomes Fahren langsam, aber gewaltig. Bis Ende des Jahrzehnts könnte es bereits auf Autobahnen so weit sein. Das Publikum findet’s gut, und fast alle sagen, sie können sich das vorstellen. Sicherheitshalber wird ausdrücklich klargestellt, dass die Punkte in Flensburg auch bis auf Weiteres nicht von Mercedes übernommen werden. Ein kritischer Einwand lautet: Wird der Mensch durch solche Technologien nicht zu abhängig von der Maschine? Daimler-Zukunftsforscher Alexander Mankowsky, der sich zuvor auf der Bühne in Hangar 4 ausführlich mit dem Thema „Autonomie“ auseinandergesetzt hat, kontert plakativ: „Wenn Sie sich auf einen Krückstock stützen, sind sie ebenfalls abhängig!“

Pathfinder -  Veranstaltung im Flughafen Tempelhof (Copyright: Dominik Butzmann für Handelsblatt)
Dieter Zetsche kommt beim Pathfinder Event mit der autonomen S-Klasse Intelligent Drive auf die Bühne: Video

Eine Besatzung für das Raumschiff Erde

Nachmittags geht es dann noch höher hinaus: Bahnchef Rüdiger Grube hat den Astronauten Ron Garan eingeladen, der uns daran teilhaben lässt, wie seine Aufenthalte im All seine Perspektive auf die Erde verändert haben. Grenzen beispielsweise, so der US-Amerikaner, würden vom Weltraum aus vollkommen überflüssig erscheinen. Sein Appell: Wir gehören alle zur Besatzung des Raumschiffs Erde – und entsprechend hilfsbereit sollten wir einander begegnen. Eine galaktisch gute Vorstellung.

Angst als Stoppschild im Leben

Dass es mit der globalen Harmonie heutzutage noch nicht uneingeschränkt klappt, wird deutlich, als Wladimir Klitschko (der erst wenige Tage zuvor in seinem 25. Titelkampf als Schwergewichts-Weltmeister ungeschlagen blieb) ein paar Eindrücke vom Maidan in Kiew schildert. Seine Klitschko Management Group hat den Philosophen Peter Sloterdijk zum Diskurs über „Fortune & Fight“ gebeten, Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart geht moderierend über zwölf Runden in den Infight. Plötzlich fallen Sätze wie „Der glücklichste Tag der Menschheit war der, als wir aus dem Paradies vertrieben wurden“ (weil damit das tätige Schaffen begann und dem süßen Nichtstun ein Ende gesetzt wurde). Mit der Feststellung: „Angst ist das Stoppschild in Deinem Leben“ beweist allerdings auch Klitschko, der übrigens nach eigenem Bekunden nach dem Ende seiner Ringkarriere ein wirtschaftliches Schwergewicht werden möchte, philosophisches Talent. Dann aber kommt er mit einem Satz wie eine rechte Gerade wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: „We have lots of competitors, and we have to knock them out.“

Dirigieren und harmonieren

Den krönenden Abschluss bildet der Auftritt der Berliner Philharmoniker mit ihrem Dirigenten Gernot Schulz, die auf Einladung von Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen gekommen sind und am Beispiel des Klassikers „Fuchs, Du hast die Gans gestohlen“ beeindruckend deutlich machen, dass ein- und dieselbe Partitur je nach Wirken des Dirigenten völlig unterschiedlich klingen kann. Führung macht eben den Unterschied. Wie in der Wirtschaft (und wahrscheinlich überall sonst im Leben) geht es auch bei den Philharmonikern darum, eine Gruppe von Individualisten zu höchster Präzision und Geschlossenheit zu bringen. Das aber klappt nur, wenn alle eine gemeinsame Leidenschaft haben und uneingeschränkt harmonieren, sagt Schulz. Ausgewählte Publikumsteilnehmer dürfen sich als Dirigenten zur Probe selbst davon überzeugen – mit zum Teil imponierenden Resultaten. Ich frage mich, ob ein Stock auch in meinem eigenen Team zur Harmonie beitragen kann? Und wenn ja, wie.

Pathfinder -  Veranstaltung im Flughafen Tempelhof (Copyright: Dominik Butzmann für Handelsblatt)

Landluft macht CEOs

Die wichtigste Erkenntnis des Tages aber ist: Drei von fünf der anwesenden DAX-Vorstandschefs sind auf dem Bauernhof groß geworden. Merke: Landluft macht CEOs – nur: Wo bekomme ich in meinem Alter jetzt noch einen Bauernhof her?


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