Daimler Hauptversammlung im ICC: Aufbruch und Abbruch

Der Menschenauflauf ist gewaltig: 5500 Aktionäre, Gäste und Mitarbeiter strömen durchs Berliner Congresscentrum (ICC). Der früher metallisch-glänzende 70er- Jahre-Komplex sieht von außen mittlerweile so aus wie ein vor hundert Jahren notgelandetes „Schrottschiff  Galactica“. Macht nüscht, in Berlin ist ja bekanntermaßen fast alles „arm, aber sexy“.

Dafür kann aber der Stern bei der Hauptversammlung im Saal 1 und Saal 2 sowie im Foyer mit den ausgestellten Fahrzeugen ziemlich glänzen. Allein im ersten Quartal hat Daimler rund 13,5 Prozent mehr Autos verkauft und ist damit der am schnellsten wachsende Premiumhersteller.

 30 neue Modelle  sollen in den nächsten Jahren auf den Markt kommen: Es ist die größte Produktoffensive in der Geschichte des Unternehmens.  Einen Vorgeschmack darauf gibt die kurz auf der Leinwand zu sehende Studie eines SUV in Coupé-Form, der bald auf der Automesse in Peking Premiere feiern wird.

„Die Aufbruchsstimmung im Unternehmen ist fast mit den Händen zu greifen“ sagt der Vorstandsvorsitzende bei seiner Rede vor den Aktionären und stellt in Aussicht: „Die Erntezeit hat gerade erst angefangen.“ Zetsche betont dabei die langfristige Orientierung der Unternehmensstrategie und sagt klipp und klar: „Zwar können wir das vergangene Jahr nicht zum makellosen Erfolgsjahr verklären, doch: Wir haben geliefert, was wir angekündigt haben.“ Daimler-Finanzvorstand Bodo Uebber konnte gegenüber den Aktionären die beachtliche Dividende von 2,25 Euro verkünden. 35 Prozent des Unternehmensgewinns werden ausgeschüttet- trotz gleichzeitiger hoher Investitionen in  Kapazitäten sowie Forschung und Entwicklung: 21,8 Milliarden will Daimler in den kommenden Jahren in die Entwicklung neuer Fahrzeuge stecken. Der Aufsichtsrat von Daimler bekommt drei neue Mitglieder: Auf der Hauptversammlung werden der ehemalige BMW-Chef Bernd Pischetsrieder,  der frühere Bosch-Manager Bernd Bohr und der Siemens-Chef Joe Kaeser für fünf Jahre in das Gremium gewählt.

Im Fokus der Medien: Dieter Zetsche bei seiner Rede

Es sind es aber auch andere Erfolgszahlen, die mich und viele andere Teilnehmer aufhorchen lassen. So werden 90 Prozent der Daimler-Auszubildenden, die 2013 ihre Lehre beendet haben, konzernweit übernommen. In den Daimler-Werken liegt die Übernahmequote sogar bei 100 Prozent. Einer, der bald auch dazugehören will, ist Patrick Klys. Der angehende Kraftfahrzeugmechatroniker betreut zusammen mit anderen Azubis einen Stand, an dem sie fachkundig Motoren zerlegen und wieder zusammenbauen. Das weckt gerade bei älteren Aktionären Erinnerungen an die eigene Zeit als „Stift“ und man tauscht sich rege über die Entwicklung der Technik aus.  -Nein, „früher war nicht alles besser“  waren sich Alt und Jung einig. „Für mich ist es sehr spannend und eine Ehre, heute hier zu sein,“ so Patrik Klys. Nachdem er neulich im Werk in der Ausbildungswerkstatt an einem „S 63 AMG“ zu Übungszwecken schrauben konnte, träumt er von einem Job als Mechatroniker in der Entwicklung. Das wäre es. Wenn Klys als Aktionär Dieter Zetsche eine Frage stellen könnte, dann hätte er diese:  „Kann man sich eigentlich als Vorstands-Chef jeden Tag ein anderes  Auto für den Weg zur Arbeit aussuchen? Das wäre für mich der Hammer.“

Jürgen Hauch ist das 45. Mal bei der HV.Was für den einen die erste Hauptversammlung ist, das kennt der andere schon ziemlich gut.  Jürgen Hauch ist heute Pensionär, war früher Chef der IT bei Mercedes-Benz in Berlin und seit dem Jahr 1970 genau das 45. Mal bei der HV.  „Das ist für mich auch ein wenig wie ein Klassentreffen“ so der gebürtige Magdeburger, der lange Zeit auch „im Ländle“ lebte  und zum Spaß gerne mal schwäbelt.  Die neue C-Klasse hat es ihm besonders angetan, aber auch die neue V-Klasse hält seinem wissenden Blick stand. „Der Aufwärtstrend ist spürbar“, sagt Hauch lächelnd.

Fuso-Fahrer: Walter Pickenpack und sein Sohn JakobAm Fuso Canter bei der Ausstellungsfläche stehen Walter Pickenpack und sein Sohn Jakob (12). Walter Pickenpack hat ein Gartenbauunternehmen und zeigt gerade Jakob, dass er sich genauso einen Fuso  bestellt hat.  Jakob dürfte wahrscheinlich der jüngste Besucher der HV sein. Ihm sind „PS“ noch wichtiger als „Shareholder Value“. Wenn ich jetzt einen Kinderwunsch frei hätte, dann würde ich  gerne mit dem quietsch-orangefarbenen Unimog die Empfangstreppe des  ICC hochfahren.  Geht nicht. -Also unterhalte ich mich mit Vanessa Volz über den neuen Sprinter.  Vanessa Volz ist Verkäuferin für Nutzfahrzeuge in Berlin Adlershof. „Ich habe schon einigen Besuchern das Fahrzeug erklärt“ so Vanessa Volz. Der Sprinter hat übrigens gerade den Preis „Green Van of the Year“ der Zeitschriften „Verkehrsrundschau  und Trucker gewonnen. Das passt doch perfekt zum Daimler Nachhaltigkeitsbericht, der am Abend vor der der HV vorgestellt wurde. Daimler hat die CO2-Emissionen seiner Fahrzeuge im Vorjahr deutlich reduziert. Wie Entwicklungsvorstand Thomas Weber sagte, ist der Ausstoß der Neuwagenflotte in der EU im vergangenen Jahr um sechs Gramm auf 134 g/km gesunken. Das entspricht einem Durchschnittsverbrauch von 5,4 Litern auf 100 Kilometern. Seit dem Jahr 2007 konnte Daimler den Verbrauch seiner Flotte um 24,7 Prozent senken. „Für das Jahr 2016 peilen wir die 125 g/km an“, sagte Weber. Übrigens: Was eine Pommesbude, Daimler und das Thema Nachhaltigkeit miteinander zu tun haben, zeigt dieser Film.  

Ich verabschiede mich von Vanessa Volz und gehe weiter. Erstaunlich fände sie, so sagt sie noch, was für unterschiedliche Menschen, (für sie auch potentielle Kunden) man bei der Hauptversammlung antreffen könne. Es ist jedenfalls keine reine „Rentner-Veranstaltung“, wie über Unternehmens-Hauptversammlungen gerne und oft behauptet wird.

"Her mit den Geschäftszahlen": Assistenten der Medienhochschule BabelsbergSonst wäre zum Beispiel die interessierte Gruppe von kaufmännischen Assistenten mit Schwerpunkt „Medienwirtschaft“ der Medienschule Babelsberg heute nicht hier.  „Unsere Lehrerin hat Aktien bei Daimler, deshalb konnten wir heute als Gäste kommen.  Wir sind gespannt auf die Daimler-Zahlen“ so die Babelsberger.  Na klar. Kaufmännische Assistenten eben. Was wäre eine „Masterfrage“  an Herrn Zetsche? „Kann ich bei Daimler arbeiten?“ Bevor mein Tag im ICC zu Ende geht, kann ich noch Nathanel Sijanta zur neuen Online-Marke „Mercedes me“ interviewen, auch ein wichtiger Baustein für Daimlers zukünftige Erfolge im Vertrieb. Bericht dazu folgt in Kürze.  Ich denke mir beim Hinausgehen: Was für ein Kontrast. Während die lokalen Medien am selben Tag der Hauptversammlung von Daimler die endgültige Schließung des alten Congresscentrums  verkünden,  stellt  unser Unternehmen im Saal 1 erfolgreich die Weichen für die Zukunft. Daimler auf der Hauptversammlung in Berlin: „Aufbruch“ und im Falle des ICC wahrscheinlich irgendwann „Abbruch“. Ich bin lieber bei Ersterem dabei…


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