Wir können alles, auch Hochdeutsch

„Magst du da hin gehen?“, fragt mich mein Kollege und drückt mir eine Einladung zu Dialog im Museum, einer gemeinsamen Vortragsreihe von der Daimler AG, der Daimler und Benz Stiftung und des Mercedes-Benz Museums, in die Hand. Prof. Dr. Peter Eisenberg soll dort einen Vortrag mit dem Thema „Alles, auch Hochdeutsch! Wie zukunftsfähig ist unsere Sprache?“ halten. Als studierte Germanistin habe ich natürlich nur eine Frage: „Sind denn ein Empfang mit Kanapees und Getränken zu erwarten?“. Er bejaht, ich werde also hingehen.

Das war vor knapp einer Woche, vorbildlich wie ich bin, habe ich mich natürlich vorbereitet und besagten Herrn Eisenberg erst einmal gegoogelt: einer der führenden deutschen Sprachwissenschaftler, Träger des Konrad-Duden-Preises, Vorsitzender der Sprachkommission der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“, vielzählige Auslandsprofessuren usw., lese ich auf Wikipedia.

Gleichzeitig verspricht der Klapptext meiner Einladungskarte eine Rege Diskussion rund um das Selbstbild unserer Sprache. Vom Unmut über neue Rechtschreibregelungen, der Überschwemmung durch englische Wörter und dem Verlust der internationalen Bedeutung des Deutschen ist die Rede. Kurz frage ich mich, was das jetzt eigentlich mit der Daimler AG zu tun hat, muss aber dazu erklären, dass mir das Thema dann doch nicht ganz so fremd ist, denn für das Germanistikstudium hatte ich mich schließlich nicht ohne Grund entschieden.

Schon immer mochte ich es zu Lesen und fand Gefallen an dem Fundus unserer großen deutschen Poeten. Auch jetzt noch, neun Jahre später hat die Zuneigung für Goethe, Schiller und Co nicht abgenommen. Ich mag es, beim täglichen Pendeln ins Daimlerwerk Untertürkheim, einen Platz am Fenster gesichert, das Surren des fahrenden Zuges im Ohr, mein Buch aufzuklappen und in eine neue Welt einzutauchen.

Doch wer liest heute schon noch? Menschen schnacken lautstark mit ihren Freisprechgeräten, starren gebannt auf Miniaturbildschirme, kleiner als mein Frühstücksbagel und konsumieren aus bunt bebilderten Heftchen eine Sprache, die mit Schiller so viel zu tun hat, wie Le Crobag mit Frankreich. Vollgestopft mit Anglizismen, reich an Wortneuschöpfungen und zugleich -verstümmelungen, ein ellipsenhafter und geradezu fauler Satzbau.

Es scheint fast so, als hätte zu Zeiten von Facebook, Twitter und Instagram niemand mehr Zeit einen ordentlichen Satz zu bilden. Genau diesem Thema, der Sorge um die deutsche Sprache, hat sich also Peter Eisenberg angenommen. Und so sitze ich dann am Mittwochabend pünktlich um 19 Uhr unter dem gespannten Publikum im Großen Saal des Mercedes-Benz Museums.

Auftritt Prof. Dr. Peter Eisenberg:
„Um eines vorweg zu nehmen: um die deutsche Sprache ist es gut bestellt“, eröffnet er seinen Vortrag. Ich bin überrascht, hatte ich doch die Vorstellung diverser Rettungsmaßnahmen für die deutsche Sprache erwartet. Eisenberg erklärt, dass Phänomene wie Jugendsprache, Denglisch oder die Genderisierung der deutschen Sprache keineswegs eine Bedrohung dieser darstellen.

Solche Abgrenzungssoziolekte gäben schließlich keine Auskunft über das tatsächliche „Können“ der Sprecher, vielmehr die bewusste Entscheidung sich so auszudrücken. Außerdem scheint heutzutage gänzlich vergessen zu sein, welchen immensen Einfluss einmal das Lateinische oder gar das Französische auf unsere Sprache gehabt hatte. Es folgen zahlreiche Beispiele, die aufzeigen wie komplex unsere Sprachgeschichte ist. Mittlerweile lausche ich fast schon andächtig und nicke unmerklich, irgendwie hatte ich das im Studium doch alles schon einmal gehört.

Warum also diese unbegründete Panikmache das Englische würde das Deutsche vertreiben, unsere Sprache verarmen? Herr Eisenberg braucht keine 15 Minuten, um aufzuzeigen, dass es um das Deutsche nicht schlecht bestellt ist, vor allem im internationalen Vergleich. Von 6000 weltweit gesprochenen Sprachen, gibt es nur 12, die über 90 Millionen Sprecher haben und gleichzeitig gelernt werden.

Unschwer zu erraten: das Deutsche ist darunter. Das sind 2 Promille von 6000, wer würde jetzt noch ernsthaft behaupten wollen, das Deutsche wäre gefährdet? Auch im innereuropäischen Vergleich mit Sprachen wie Französisch oder Spanisch ist es nicht schlecht um das Deutsche bestellt. Deutsch ist mit Abstand die größte Sprache in der EU, nach Englisch ist Deutsch überdies die größte Lernsprache in Europa. Mit 15 Millionen Lesern täglich hat Deutsch die allergrößte Printmediendichte.

Außerdem ist Deutsch die Sprache, in die weltweit am meisten übersetzt wird. Eisenberg spricht von einer „Horrorsammlung“ von Aussagen über die deutsche Sprache, im Speziellen seien die Anglizismen ein großes Reizthema: über 7000 überflüssige Anglizismen habe das Deutsche, diese würden die deutsche Grammatik zerstören und sie fügten sich nicht ein, heißt es so oft.

„Alles Quatsch!“, laut Eisenberg. Der Grammatiker wisse, dass an diesen Thesen, die in der Öffentlichkeit seit langem vertreten werden, nichts dran ist. Schon seit dem 17.Jahrhundert entlehnt das Deutsche aus dem Englischen und heute wie damals werden dabei die Anglizismen in die Grammatik der Substantive eingegliedert, d.h. das Deutsche entlehnt genau genommen nicht aus dem Englischen, sondern die sogenannten Anglizismen werden vielmehr in die deutsche Grammatik gezogen.

Das Deutsche nämlich bildet Hybridformen mit den Anglizismen. Die Mehrheit der Anglizismen, die wir im Deutschen finden, ist daher zusammengesetzt, also im Deutschen gebildet. Beispiele hierfür sind: Familiendiner, Hotelmanager, Codewort oder Babystuhl. Das Deutsche hat schon lange die Kraft entwickelt mit den fremden Bestandteilen selber produktiv umzugehen und setzt sich bei diesen Kompositionen zum Beispiel in Punkten wie Kasus, Plural und Geschlecht durch.

Im Englischen gibt es keine geschlechtliche Unterscheidung beim Artikel, doch ganz intuitiv ordnet sich der deutsche Artikel den Hybridformen zu. Auf die Frage aus dem Publikum: „Wie denn die Meinung von Herrn Eisenberg dazu wäre, dass das Wort Fluggesellschaft quasi ausgestorben sei, denn aus Fluggesellschaft wurde Airline und aus Airline dann Fluglinie.“ lacht er. Herr Eisenberg lacht oft an diesem Abend. Fluglinie sei eine grammatisch vollkommen vorbildliche, deutsche Wortkomposition: Flug + Linie, antwortet er.

Worüber regt man sich hier auf? Es folgt zustimmendes Gelächter, dem Publikum wird allmählich bewusst, dass es eben genau diese Beispiele sind, die eine scheinbare Zerstörung der deutschen Sprache belegen. Die Betonung liegt hier auf scheinbar, denn wenn überhaupt, dann hat das Deutsche hier das Englische ersetzt, und zwar ziemlich gekonnt und zielsicher, so Eisenberg. Folie um Folie macht er eines ganz deutlich klar: wir sollten unsere Sprache lieben, denn wir haben nur diese eine, wir bekommen auch keine Andere. Das ist die Idee, die uns Peter Eisenberg an diesem Abend mitgeben möchte. Er appelliert damit an unsere Sprachloyalität.

Mit einem Funkeln in den Augen und einem verschmitzten Lächeln um den Mund, beendet er seinen Vortrag mit den Worten: „Das Deutsche ist schon eine ganz ganz tolle Sprache.“ Zum Schluss kommt noch eine Meldung aus dem Publikum von einer Dame, die fragt, ob denn die Kenntnisse der jetzigen Germanistikstudenten merklich abgenommen hätten, oder auch anders formuliert: kann da überhaupt noch jemand Deutsch an der Uni?

Herrn Eisenbergs Antwort fällt gemischt aus. Ich nehm mir das jetzt mal nicht zu Herzen, zwei Stunden sind bereits vergangen und ich muss schon längst zum Zug. Im Hinauseilen sehe ich noch das Catering die Häppchen aufbauen, ist jetzt aber eigentlich auch egal. Der deutschen Sprache geht’s gut, und diese Erkenntnis gewonnen zu haben, ist dann doch auch irgendwie ohne Gratishäppchen was wert.

Im Zug nachhause muss ich schmunzeln, als ich eine Sitzreihe hinter mir: „Ich bin Zug, geh jetzt Mannheim.“, höre.


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