Vier Kontinente, eine Leidenschaft

Vier Kontinente, eine Leidenschaft

Ich denke, der Jürgen hätte das nicht sagen sollen. Nicht hier und erst recht nicht in diesem Augenblick. Aber ein gesprochenes Wort kann man nun mal nicht zurückholen und deshalb ist es jetzt plötzlich totenstill in diesem kleinen Raum geworden. Alle Augenpaare richten sich auf meinen Kollegen. Ich werde ganz klein auf meinem Stuhl. Kein Wunder, schließlich sind wir beide die einzigen anwesenden Männer mit weißer Hautfarbe. Was ja auch logisch ist, schließlich haben wir Dezember und da scheint die Sonne in Norddeutschland nicht all zu üppig. Aber das meine ich nicht. Doch wie sagt man es denn richtig, ohne politisch unkorrekt zu sein, oder jemanden auf die Füße zu treten? Mein Kollege der Jürgen, ist, wenn ich das mal so mit Verlaub sagen darf, ein alter Haudegen. Seit über dreißig Jahren ist er schon beim Daimler und hat auf jeden Fall eine ganze Reihe von Begabungen. Aber als Diplomaten kann ich ihn mir nicht so richtig vorstellen. Er sagt halt immer gerade heraus was er meint.

Ja, und so hat er es gerade eben getan und er sagt es noch einmal, für den Fall, dass es einige nicht gleich verstanden haben (ich glaube schon, dass alle verstanden haben, was er gesagt hat, sonst würden uns die Männer ja nicht so ansehen): „Südafrika hat ein großes Problem!“ Keiner sagt ein weiteres Wort und so klebt dieser Satz in der Luft. Dann findet doch ein Afrikaner seine Sprache wieder und fragt Jürgen, was er denn damit meint? Wären wir in diesem Augenblick in irgendeiner verräucherten Kneipe in Südafrika, würde ich jetzt mal kurz an die frische Luft gehen. Aber hier geht das nicht. Außerdem will ich Jürgen auch nicht unbedingt allein lassen. Wir sind schließlich gerade dabei, einige Kollegen aus dem südafrikanischen Mercedes-Benz Werk in East London zu verabschieden. Sie waren für mehrere Wochen hier in bei uns in der Bremer Lackierung, um für den Anlauf der neuen C-Klasse gewappnet zu sein. Und dann so was. Und dann legt der, bis eben von mir sehr geschätzte Kollege, Jürgen los: Vor über zwölf Jahren wurde er gefragt, ob er sich vorstellen könnte, für ein Jahr nach Südafrika zu gehen um dort mit seiner Erfahrung in der Lackierung zu unterstützen. Er bekam vier Wochen Zeit, um es sich zu überlegen. „Vier Wochen können für so eine wichtige Entscheidung eine ziemlich kurze Spanne sein“ sagt Jürgen und die Südafrikaner nicken verständnisvoll. Die Anwesenden hängen jetzt an seinen Lippen. „Aber, ich brauchte lediglich vier Minuten Bedenkzeit! Dann habe ich den Vertrag unterschrieben.“

Jürgen und ein pelziger Freund in Südafrika

Jürgen und ein pelziger Freund in Südafrika

Die Zeit in Südafrika hat ihn geprägt und sein Leben verändert. Ja, und  genau das ist das große Problem von Südafrika: „Wenn du einmal da warst, lässt es dich nicht mehr los. Es ist wie ein Virus“ sagt Jürgen.
Er mag dieses Land sehr und war inzwischen schon viele weitere Male in Afrika. Ich kann sehen, wie sich die Stimmung ändert. Die Anspannung ist wie weg geblasen. Jürgens Worte kommen bei den Südafrikanern mehr als gut an. Sie spüren vor allen, dass sie ernst gemeint sind. Wenn ich jetzt noch schreiben würde, dass die Worte von Herzen kommen, könnte ich die Tränen nicht länger zurück halten. Also lasse ich es lieber. Aber unsere ausländischen Kollegen sind nun richtig aus dem Häuschen. „Südafrika ist kein Virus, es ist eine Epidemie“, meint einer von ihnen und prompt fangen alle an zu lachen. Wenn die Decke in diesem kleinen Besprechungsraum nicht so niedrig wäre, hätten sie Jürgen jetzt wohl auf ihre Schultern gehoben und eine Ehrenrunde mit ihm gedreht.

Ja, es gibt sie tatsächlich, diese kleinen Geschichten die niemals das helle Licht der Öffentlichkeit erblicken, aber für das große Ganze nicht unerheblich sind. Tja, und was ist das denn nun eigentlich, das große Ganze? Es geht um die Limousine der neuen C-Klasse, oder wie wir ihn intern nennen, den W205. Dieses Auto wird anders als alle anderen vor ihm, an vier Standorten gebaut: „Vier Kontinente, eine Leidenschaft“, heißt das Motto. Wir bauen in China, USA, Südafrika und natürlich in Bremen. Wobei dem Bremer Mercedes-Benz Werk eine besondere Rolle zufällt: Wir sind das Lead Werk. Das bedeutet, dass Kollegen aus den anderen drei Werken zu uns kommen, um bei uns für das neue Auto zu trainieren. Die Anläufe in den anderen Ländern beginnen erst später und wir sind schon längst mittendrin in der Produktion. So können die ausländischen Kollegen hier bereits an dem Modell arbeiten, dessen Produktion erst in einigen Monaten in ihrem Heimatland beginnt.

Im Herzen der Lackierung: Trainer Holger Bruck mit einem chinesischen Kollegen

Im Herzen der Lackierung: Trainer Holger Bruck mit einem chinesischen Kollegen

Was anfangs nur auf dem Papier stand, wurde schnell Wirklichkeit. Plötzlich kamen Menschen mit Flugzeugen aus den anderen Ländern und Kulturen und schon standen die ersten ausländischen Kollegen vor uns. Tja, und mittlerweile waren sie alle hier. Die Chinesen, die Südafrikaner und natürlich auch die Amerikaner. Allein bei uns in der Lackierung hatten wir mehr als einhundert Kollegen zum Training. Und die anderen Gewerke, wie Rohbau und Montage haben noch mehr Trainees zu Besuch gehabt. Und es kommen immer noch neue hinzu. Na und, was soll ich sagen? „Es hat nicht das kleinste Problemchen gegeben. Alles ist völlig reibungslos über die Bühne gegangen!“ Ja wirklich! Oder?
Moin, moin, alle mal aufwachen. Das wäre natürlich zu schön gewesen. Dabei weiß doch jeder Azubi im ersten Lehrjahr, dass es auf der Arbeit fast wie im richtigen Leben ist. Es klappt nicht immer alles.

Trainer Aki Karlinski in seiner Spezialdisziplin der PVC-Naht

Aber der Reihe nach. Im November 2012 war die erste Gruppe Südafrikaner bei uns. Die Generalprobe sozusagen. Da wurde nicht nur trainiert, nein, da wurden auch Freundschaften geschlossen. Und unter uns gesagt, als die frierenden Kollegen nach zwei Wochen endlich zurück in den südafrikanischen Sommer durften,  da gab es neben handfesten Umarmungen auch einige sehr traurige Gesichter. Die Generalprobe hatte also geklappt. So konnte es weiter gehen. Ging es ja auch, fast jedenfalls. Aber man kann sich vorstellen, dass nicht immer alle Erwartungen erfüllt werden. Und als wir gerade so richtig schön erfolgsverwöhnt waren, die Schulungen liefen perfekt, kam die kalte Dusche. Eine Lerninsel für die Roboterschulung ist nicht rechtzeitig fertig geworden und so konnten zwei Kollegen, die schon früher abreisen mussten, diesen Teil der Schulung nicht absolvieren. Sie waren enttäuscht und haben das dann zwar sehr sachlich, aber auch sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Jetzt war es an uns, erst mal ein langes Gesicht zu machen. Damit hatte niemand gerechnet. Das war wie so ein kleiner Elchtest für uns. Aber es war noch längst nicht zu spät etwas zu ändern. Die anderen Kollegen waren noch da und weitere würden noch folgen. Also mal die Ärmel hochgekrempelt und geschaut, was geändert und verbessert werden muss!

Die Schulung der Auslandswerke ist insgesamt sicherlich ein richtig komplexes Thema, in dem viele große und kleine Dinge eine Rolle spielen, wobei man die kleinen Dinge nicht unterschätzen sollte. Eine überaus wichtige Rolle im gesamten Schulungsprozess fällt, natürlich neben den Trainern, den Dolmetschern zu. Die Trainigssprache ist Englisch und auch in einem international aufgestellten Konzern wie der Daimler AG sprechen natürlich nicht alle Mitarbeiter diese Sprache. Deshalb die Unterstützung von Übersetzerinnen und Übersetzern. Und hier will ich es mal offen sagen: Ihr habt einen klasse Job gemacht. Ob im harten Arbeitsalltag, oder bei privat organisierten Restaurantbesuchen oder Grillpartys am Osterdeich (ja genau, da wo die Weser einen großen Bogen macht). Durch euer großes Engagement ist auch das Zwischenmenschliche nicht zu kurz gekommen. Aber auch die Trainer haben ihren Job nicht nur als Job gesehen. Freimarktbesuche oder „Glühwein“ beim Schlachtezauber vor Weihnachten, kamen mehr als gut bei den ausländischen Kollegen an. Man darf ja eines nicht vergessen. Wir sind kein Trainingszentrum wo am Montagmorgen die Tür aufgeht und sich alle in die Arme fallen, weil das Training beginnt. Nein, wir schulen die ausländischen Kollegen im ganz normalen Arbeitsalltag: Zwischen Neuanlauf und einer Stückzahlsteigerung auf täglich 1250 Einheiten. Da ist nicht jeder Mitarbeiter tiefenentspannt und freut sich über Fragen und neugierige Blicke. In diesen Situationen kann ein freundliches Wort einer netten Dolmetscherin schon mal Wunder wirken.  Vielen Dank!

Training erfolgreich abgeschlossen: Es geht zurück nach China

Training erfolgreich abgeschlossen: Es geht zurück nach China

Natürlich könnte ich jetzt noch so einige Anekdoten zu Papier bringen, aber es würde den Rahmen sprengen. Darum will ich es so halten wie die junge chinesische Ingenieurin. Nachdem ihr erster Tag in der Firma vorbei war und ich mich mit einen „Goodbye, see you tomorrow“ verabschiedet habe, hat sie mich angegrinst und „Tschüss“ gesagt.


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