Good horns, good brakes, good luck!

Keiner wird am Ende sagen können, man habe es nicht gewusst. Worauf man sich einlasse. Was auf einen zukomme. Mit der rekordverdächtig geringen Zahl von zwei Wörtern wischt die indische Einwanderungsbehörde derlei Ausreden rigoros vom Tisch: „Incredible India“ hat sie für jeden ersichtlich in großen blauen Lettern auf gelbem Grund über ein Formular schreiben lassen, das es noch vor Betreten des Landes intensiv zu studieren gilt.

Ob als Warnung, Werbung oder Haftungsausschluss zu verstehen, wird wohl auf ewig das Geheimnis des Bureau of Immigration (bzw. in der Perspektive des Betrachters) bleiben. Fest steht aber, dass sich keine noch so hochbezahlte Werbeagentur einen passenderen Slogan für das Land hätte ausdenken können: Indien ist tatsächlich unglaublich.

Unglaublich kommt dem gemeinen Westeuropäer zuallererst der Verkehr vor. Auf den vollgestopften Straßen der 8-Millionen-Metropole Chennai ist im Grunde alles unterwegs, was zwei, drei oder vier Räder respektive Beine hat. Pustende Rikschas, schnaufende Mofas, schnaubende Kühe. Vollkommen unbeeindruckt von solch profanen Dingen wie einer Straßenverkehrsordnung oder den wild gestikulierenden Polizisten hupen sich die zahllosen Verkehrsteilnehmer ihren Weg durch die hoffnungslos überlasteten Gassen der Stadt. Wenn es überhaupt so etwas wie Regeln gibt, sind sie schnell erklärt. „Good horns, good brakes, and good luck“ stellen laut Einheimischen noch die besten Voraussetzungen dar, sich mit einem mehr oder weniger motorisierten Gefährt sicher durch die Höhle des Vishnu zu bewegen.

Ich wage mich in den indischen Verkehr

Vor gut eineinhalb Jahren hat Daimler Trucks in Indien damit begonnen, derartig abenteuerliche Vorstellungen von Fahrzeugausstattung und Verkehrssicherheit zu revolutionieren. In den Lkw der eigens für das Land geschaffenen Marke BharatBenz finden Kunden seit September 2012 robuste und zuverlässige Vehikel, die den Fahrern gleichzeitig ein bislang nicht gekanntes Maß an Komfort bieten. Was aus dem Daimler-Werk im südostindischen Chennai kommt, wirkt beinahe wie von einem anderen Stern: Echter Fahrersitz statt drahtigem Gartenstuhl, ordentlicher Aufbau statt Holzverschlag, geräumiges Bett statt Fakir-artiger Liegepritsche. Dazu Versicherungs- und Servicepakete aus einer Hand, Aftersales-Betreuung und flankierende Finanzierungsangebote, die bislang unüblich waren. Revolutionen können manchmal so einfach sein.

Und weil sich die BharatBenz Trucks zunehmender Beliebtheit erfreuen, wird es Zeit, sich auch des Busmarktes anzunehmen. Dort herrschen nämlich ähnlich unglaubliche Verhältnisse. „Ultra Deluxe“, „Super Comfort“ und „Premium Safety“ steht in einem Anflug von hoch entwickeltem Selbstbewusstsein auf zahlreichen indischen Stadt- und Überlandbussen. Ob die dafür verantwortlichen Marketing-Experten jemals ihr Karma finden, ist zweifelhaft. Denn dem nüchternen nicht-hinduistischen Betrachter erscheinen die Fortbewegungsmittel alles andere als luxuriös, komfortabel oder sicher. Wie denn auch, wenn eine Vielzahl der Fahrzeuge mit offenen Türen und Fenstern durch die Gegend vagabundieren? Wenn die Busfahrer den Boden des Innenraums als Schlafstätte verwenden? Wenn Wörter wie „Klimaanlage“, „Bordtoilette“ oder „Sicherheitsgurte“ noch nicht mal in den Aufpreislisten der Anbieter vorkommen? Das modernste an den Bussen dürften vielfach die Smartphones ihrer Insassen sein, die – nicht selten mit einem Apfel versehen – kontrastreich die dürftige Beleuchtung ergänzen.

Beim Spatenstich für das Buswerk

Doch auch das könnte sich bald ändern. 50 Millionen Euro investiert Daimler in eine neue Busfertigung, die das bestehende Lkw-Werksgelände in Chennai erweitert. Die Grundsteinlegung mit Daimler-Führungskräften, Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Medienvertretern gibt schon mal einen Eindruck davon, wie sehr ein global tätiger Nutzfahrzeughersteller auf indische Gepflogenheiten eingeht – und das nicht nur, was das Produkt angeht! Neben der feierlichen Entzündung von Kerzen wird Ganesha, hinduistischer Gott und Herr allen Anfangs, mit dem traditionellen Tanz „Ganesh Vandhanam“ um Unterstützung des Projektes gebeten. (Spontan-Video meines Kollegen) Wer die Grazie der bildhübschen, in grün-roten Saris gekleideten Frauen sieht, wird sofort in einen sirenenhaften Bann gezogen und nicht den geringsten Zweifel daran hegen, dass schon in gut einem Jahr die ersten Busse vom Band rollen werden. Ob diese die Prädikate „Hyper Efficient“, „Giga Safe“ und „Mega Reliable“ erhalten, ist indes noch nicht abschließend geklärt – nach indischen Werbemaßstäben wären sie ihrer aber durchaus würdig.

Klar ist allerdings jetzt schon: Die Wachstumspotenziale des indischen Busmarktes sind immens. Was in Powerpoint-Präsentationen gerne mit „steigendem Mobilitätsbedarf“ beschrieben wird, konkretisiert sich in Indien zu einem prognostizierten Bevölkerungswachstum von bis zu 125 Millionen Menschen (!) in den nächsten zehn Jahren. Wohlgemerkt ist das Land mit ca. 1,2 Milliarden Einwohnern nach China schon heute die bevölkerungsreichste Nation der Erde. Dass nicht wenige Inder mit einem günstigen und sicheren Verkehrsmittel zur Arbeitsstätte gelangen, Verwandte besuchen oder Urlaubsreisen unternehmen wollen, steht außer Frage. Immerhin werden bereits heute rund 40.000 Busse pro Jahr abgesetzt, und damit fast doppelt so viele wie in ganz Westeuropa. Hier ist Indien also schon wieder: Unglaublich.


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
Bisher keine Bewertungen.
Bitte warten...

Tags: , , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Dieser Artikel wurde von geschrieben.

Lernen Sie weitere Autoren kennen oder lesen hier mehr über das Blog.

Die letzten 5 Kommentare

  1. Christopher Street Day: In eigener Sache

    Frank Weber: Lieber Herr Matthies, vielen Dank für das freundliche Telefonat. Vielen Dank aber...

  2. Wenn es die IAA nicht gäbe, müsste man sie jetzt erfinden!

    Sascha Pallenberg: Ach Edith, nicht ich haette dir was ueber das Blogging erzaehlen muessen, du...

  3. Im Oldtimertaxi durch die Berliner Nacht

    Taxi Tübingen: Sehr gute Taxi, in Tübingen bzw. Baden-Württemberg gilt keine Farbvorschrift, ein...

  4. E-Klasse T-Modell: Willkommen in der Produktion!

    Taxi Tübingen: Sehr gute und detailliertes Artikel.

  5. Lab1886: Schneller von der Idee zum Produkt

    Thomas: @Merve: „Bepperle“ ist falsch. Im schwäbischen gibt es kein doppel P, wenn...