Fishtown kriegt Besuch

Nein, ich will kein Rennen fahren. Ich bestimmt nicht. Schließlich habe ich dafür unterschrieben, dass ich mich mit diesem Fahrzeug in der Öffentlichkeit vorbildlich verhalte. Und außerdem fahre ich sonst auch keine Rennen. Ganz im Gegenteil, meine Frau beschwert sich manchmal über meinen, ihrer Ansicht nach, total lahmen Fahrstil. Aber diese beiden Youngsters, die da neben mir an der Ampel stehen, kriegen sich vor lauter Grinsen kaum noch ein. Jetzt zückt der Beifahrer auch noch sein Handy und fotografiert mich, oder besser gesagt, das Auto in dem ich gerade sitze. Nachher bin ich heute Abend auf irgendwelchen Seiten bei Facebook oder YouTube.Dass die beiden jungen Männer, in ihrem roten Sportwagen aus dem Süddeutschen Raum, sich überhaupt für mich interessieren, liegt wahrscheinlich an dem smart mit dem ich gerade auf das Umschalten der Ampel warte. Es ist ein strahlend weißer smart fortwo electric drive, knallig grün abgesetzt. Herrlich. Das Fahrzeug ist Teil eines Langzeit-Versuches zur Umsetzung von Elektromobilität in die Praxis und ich darf einen Tag lang mitmachen.

Wie ich da so zu meinen beiden Ampel-Mitwartern rüber schaue, kommt mir die alte Werner-Comic Geschichte in den Sinn. Das Rennen der legendären Horex, genannt „ Red Porsche Killer“, gegen natürlich, einen roten Porsche. Mann, das ist aber schon verdammt lang her. Damals bin ich noch Moped gefahren. Doch zurück in die Gegenwart. Jetzt spielt der Typ neben mir auch noch mit dem Gaspedal. Zugegeben, der Sound den er dabei produziert, ist nicht von schlechten Eltern. Da kann ich natürlich nicht mithalten. Das brauche ich gar nicht erst versuchen. Der E-Smart fährt (fast) geräuschlos. Also spare ich mir eine Antwort auf den Sportwagensound, es würde nichts bringen. Irgendwo in der Nähe versteckt, sitzt anscheinend Charlie Whiting und hat auf den Knopf gedrückt, denn die rote Ampel geht plötzlich aus. Na gut, denke ich, wenn das so ist, dann mal los. Wie gesagt, ich möchte kein Rennen fahren, aber das Gaspedal muss man auch bei einem e-smart herunter drücken, sonst passiert halt nichts. Also schaue ich nach vorn und drücke mit dem rechten Fuß das Pedal nach unten. Mehr mache ich nicht, ehrlich! Aber das reicht schon. Der Smart macht einen Satz nach vorn und dem Sportwagenbeifahrer gefriert das Lachen im Gesicht.

Der Elektromotor des smart dreht einfach nur brutal los. Die Kraft ist sofort da und presst mich in den Fahrersitz. Neben mir erscheint wieder das versteinerte Gesicht des Red Porsche Beifahrers. Der Fahrer hat sich anscheinend nicht verschaltet. Schön, dann haben wir ja endlich ein „Duell“ auf Augenhöhe. Jetzt wird es aber auch schon Zeit den Fuß vom Gas zu nehmen (Vorbildfunktion), denn hier ist nur Tempo 70 erlaubt und ich will selbstverständlich kein Ticket bekommen. Das andere Auto, dessen Marke ich gerade vergessen habe, röhrt an mir vorbei und verschwindet bereits nach kurzer Zeit aus meinem Blickfeld. Ob wir uns jemals wiedersehen werden? Wer weiß, vielleicht schon an der nächsten Ampel? Aber mal sehen. Sobald ich kein Gas mehr gebe, geht mein smart in den Lademodus über. Das ist schon mal nicht schlecht, da der Wagen „nur“ eine angegebene Reichweite von ca. 150 Kilometern hat. Aber der Spar-Gedanke läuft nur so nebenbei. In der Hauptsache genieße ich einfach nur die Fahrt auf der alten Route 66. Nein, kleiner Scherz, eine 6 fehlt. Ich fahre nur auf der alten B6 von Bremen in Richtung Fischtown.

S-Klasse Siegfried
Der smart hat ein Panorama-Glasdach und so habe ich zu keiner Zeit das Gefühl, in einem kleinen Auto zu sitzen. Ganz im Gegenteil, das Glasdach und die gute Rundumsicht, geben mir ein tolles Raumgefühl. Es kommt mir fast so vor, als würde ich eine dieser großen Limousinen fahren. Natürlich nur so lange, bis ich mich umdrehe oder aussteige. Logisch. Ich bin in Fischtown angekommen und neben mir auf dem Parkplatz, steht eine neue S-Klasse mit Düsseldorfer Kennzeichen. Das könnte ein schönes Bild werden denke ich mir, die beiden leicht gegensätzlichen Fahrzeuge nebeneinander.  Allerdings kommt da auch schon der Fahrer dieser brandneuen Luxuslimousine auf mich zu und schaut mich etwas streng an. Irgendwie scheint es ihm nicht zu gefallen, dass ich den kleinen smart so dicht neben sein großes Auto gestellt habe. Aber so kommen wir wenigstens ins Gespräch. Der ältere Herr ist nicht alleine unterwegs, neben ihm taucht jetzt seine bildhübsche Tochter auf. „Siggi“, so nennt sie ihn, will noch mehr über den kleinen Flitzer wissen und wie das so ist, mit Strom zu fahren. Ich biete ihm daher an, einmal hinter dem Steuer Platz zu nehmen und fast sieht es so aus, als wenn der Siggi tatsächlich in den Smart steigen will. Ja, und dann kommt es auf diesem Parkplatz im hohen Norden der Republik, fast zu einem Eklat: Siegfrieds Tochter fragt mich nämlich, ob ich sie nicht mal eine kleine Runde um den Parkplatz mitnehmen könnte? Der freundliche Rheinländer ist anscheinend nicht davon erbaut, dass seine Tochter mit einem fremden Mann durch die Gegend fahren möchte. Doch bevor der Vulkan zum Ausbruch kommt, wirkt die Dame beruhigend auf den Vater ein: „Es ist doch nur eine kleine Runde und du kannst uns doch die ganze Zeit über sehen“! Er kann ihr anscheinend nichts abschlagen. So drehen wir eine kleine Runde. Lisa, so heißt meine neue Mitfahrerin, fängt sogleich an zu schnacken. Wie nett ich doch bin, dass ich sie mitgenommen habe (ich glaube, ich werde rot), obwohl ihr Freund gleich so sauer geworden ist. Hoppla, habe ich mich da verhört? Nein, anscheinend nicht. Der Parkplatz ist nicht sehr groß und der smart, selbstverständlich im Rahmen der geltenden Verkehrsregeln, sehr schnell. Deshalb sind wir auch ruck, zuck wieder zurück.

Ich winke den beiden zum Abschied zu und mache mich auf den Weg. Wer nach Bremerhaven, oder Fischtown, wie es im Volksmund auch genannt wird kommt, der kauft auch Fisch. Ich bin da keine Ausnahme. Hier gibt es natürlich auch die Krabben zum selber pulen. Frisch vom „Kudda“. Davon haben wir früher jede Menge aus gepult und dann auf Schwarzbrot, mit Pfeffer, Salz und zwei schönen Spiegeleiern drauf gegessen. Einfach genial lecker.

Von einem Kollegen habe ich gehört, dass es hier beim Schaufenster Bremerhaven eine Stromtankstelle gibt. Stimmt ja, als „Null Emissionsfahrer“ muss ich umdenken. Ich habe Glück und eine Steckdose ist frei. Damit ich das Auto anschließen kann, halte ich die Tankkarte des smart an den Leser der Stromtankstelle (für die Abrechnung) und stecke die Kabel. Die Batterie ist noch halb voll (nicht halb leer) und laut Anzeige in 30 Minuten wieder auf Maximum. Bremerhaven hat sich in den letzten Jahren echt gemausert. Meine Frau und ich kommen immer gerne her. Es gibt Schiffe, Fische, Auswanderer-und Klimahaus und die Weser ist auch schon ganz schön breit hier. Ich kann nur jedem empfehlen, sich in Fischtown mal in Ruhe umzusehen, wenn man schon in der Gegend ist.

Schuppen Eins. Zurück beim smart löse ich das Ladekabel und fahre mit voller Batterie zurück nach Bremen. Irgendwie habe ich heute meinen maritimen Tag und so stehe ich plötzlich vor Schuppen Eins. Mitten im alten Hafengebiet von Bremen. Früher waren hier Schiffe aus aller Welt zu Gast um ihre Ladung zu löschen und neue Ladung aufzunehmen. Dann hat jemand den Container erfunden (für die jungen Leser, nein, es war nicht RTL) und der gesamte Welthandel hat sich grundlegend verändert. Es wurden plötzlich nicht mehr so viele große Lagerschuppen gebraucht und auch keine Arbeiter die ganze Schiffsladungen Kaffee, Baumwolle, oder Bananen säckeweise in die Schuppen geschleppt oder gekarrt haben. Es war lange Zeit sehr still um die alten Lagerhäuser. Bis, ja bis Menschen mit Ideen und vor allem mit Geld kamen und sich die ganze Gegend von Grund auf geändert hat und immer noch ändert. Neue Bauten schießen wie Pilze aus der Erde. Manche schön, manche nicht so. Aber glücklicherweise sind auch einige der alten Lagerhäuser, eben die ehemaligen Stückgutumschlagschuppen, noch da. Und der Schuppen Eins ist ein ganz besonderer Veteran. Hier ist nämlich jetzt das Zentrum für Automobilkultur untergebracht. Wer also etwas Benzin im Blut hat, für den ist hier Herzklopfen angesagt. In der alten Halle stehen Autos aus längst vergangenen Zeiten und sogar meine Frau hat sich hier schon die Nase an einer Schaufensterscheibe platt gedrückt, weil eines der Geschäfte schon geschlossen hatte, aber die Oldtimer drinnen gut zu sehen waren. Und ich liebe sie (fast) alle, diese tollen alten Autos. Allerdings sind es nicht nur Autos, hier gibt es auch Motorräder, und was für welche! Eines sticht mir ganz besonders ins Auge. Eine umgebaute Harley steht vor mir. Mit Stollenreifen! Ich brauche nicht lange zu suchen, um den Besitzer zu finden. Ich frage ihn, ob das sein Moped ist und ob er was dagegen hätte, wenn ich ein paar Fotos schießen würde. Der Biker ist total nett und sogleich einverstanden. Ich soll nur vorsichtig fahren, wenn ich den smart reinhole.

Die Bilder sind im Kasten und ich mache mich auf den Rückweg. Wie ich da so an einer Ampel stehe, hält neben mir eine große sportliche Limousine die ich anfangs nicht einordnen kann. Dann lese ich den Namen: Es ist ein Maserati. Mensch, denke ich, den sieht man hier im Hafen auch nicht alle Tage. Der Beifahrer schaut zu mir herüber und fängt an zu grinsen. Nein, Jungs nicht schon wieder. Ich grinse zurück und lasse die jungen Männer in dem Glauben, das schnellere Auto zu haben als die Ampel umspringt. Obwohl, ich bräuchte ja einfach nur Gas, oder besser gesagt Strom geben. Aber was soll´s: Ich will ja gar kein Rennen fahren.


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