Mein Mercedes 190 D – Soweit die „Wanderdüne“ trägt

Was macht für mich meinen Mercedes-Benz W 201, Modell 190 D, so einzigartig? Es ist die schlichte Eleganz mit der Sonderausstattung der hohen technischen Zuverlässigkeit, Robustheit und dem damals wie heute noch gültigen sehr hohen Standard der passiven Sicherheit in dieser Baureihe. Technisch einfach ausgestattet, ohne ABS und Airbag.

Alle heutigen Sicherheitspakete sind in meinem Kopf abgespeichert. Für mich daher die ideale „Anti-Demenz“-Maschine, denn in meinem Auto ist noch richtig vorausschauendes Fahren, Schalten und Bedienen angesagt.

 Beispiel: Während der Fahrt das mechanische Schiebedach zu öffnen, das geht mit „Countdown“-Öffnungsvorgang, konzentrierter Blick nach vorne,das Lenkrad nicht  verreißen und bei 3 per Hand das Dach öffnen. Mein 190 D ist ein technisch sehr zuverlässiges  „Workhorse.“ Die Anhängerkupplung macht‘s u.a. möglich. Zwar lästern meine Kollegen neidvoll und unterstellen mir, dass ich ja nur im Windschatten von Lkw fahre, aber in diesen „kollegialen“ Widrigkeiten verbergen sich in Wirklichkeit höchste Anerkennung und Respekt für unser Daimler-Produkt.

Ich bin seit 1987 für Daimler im weltweiten Kundendienst tätig. Meine beruflichen Einsätze für unsere Firma gaben mir die Möglichkeiten, in den Ländern Sultanat Oman, Russland, Slowakei, Tschechien, Indien, Saudi-Arabien, Dubai, Belgien, Kuwait und Frankreich zu arbeiten. Und ich bin sicher, in all diese Länder würde es mein 190 D auf eigener Achse noch schaffen. Ok, in der Heimat nehme ich schon nach Kirchheim/Teck in Richtung Ulm auf der Autobahn Anlauf, damit ich nicht als „fahrendes Hindernis“ den Aichelberg hinaufkrieche. Aber in der Ruhe liegt bekanntlich die Kraft. Ein guter Bekannter (Fahrzeug-„Inschinör“) meint: „Dein Auto ist eine Wanderdüne, und vom Fahren kann kaum die Rede sein. Dass alles ist eher nur eine Fortbewegung.“ Frau Bertha Benz ließe schön grüßen! Die technische Patina meines Fahrzeugs zeigt sich in Brummgeräuschen vorne, in der Mitte und hinten. Das Fahrzeug ist mit mehr als 500.000 Kilometern auf dem Buckel schon ein wenig in die Jahre gekommen, so auch die vielen Gummis, ob an der Vorderachse, Hinterachse oder an anderen Stellen. Im Winter bei Eis und Schnee ist natürlich höchste Vorsicht und vorausschauendes Fahren (ohne ABS und  Airbag) angesagt. Da verzeiht der 190-iger keinen Fahrfehler. Freunde und  Bekannte fragen erstaunt, ob ich noch immer meinen 190 D fahre, denn schließlich würde doch unsere Firma so viele, sehr anmutende und sichere Fahrzeuge produzieren. Da gilt es auch für mich überzeugend zu argumentieren und meine Treue zu meinem Fahrzeug ins richtige Licht zu stellen. Mein 190 D ist wie eine alte Jeans: Eine über Jahrzehnte gewachsene Beziehung und jeder weiß, was er am Anderen hat. Auf der täglichen Autobahnfahrt merke ich, dass eigentlich „Keine“ mehr in mein Auto hineinschaut.

Etwas wird mich dennoch ständig begleiten und darauf ist Verlass: Es sind die vielen Geräusche, die wie eine Bande guter Freunde mir sagen: „Hey Junge, bist nicht allein, wir packen das schon“! Flirten mit so einer „alten Kiste“ funktioniert nicht. Auf „Brautschau“ fahren, geht auch nicht mehr. „Dat kannste vergessen, der Zug ist abgefahren“. Wenn dennoch rüber g‘schaut wird, dann nur aus hämischem Mitleid und abschätzendem – nicht immer – freundlich optischem Fingerzeig, dass es endlich Zeit wird, die linke Fahrbahn freizumachen. Da gibt es – und das muss hier besonders erwähnt werden – aber die Markenloyalität, die ich früh morgens auf der Autobahn erfahre, wenn meine Kollegen vom Daimler-Forschungszentrum Ulm – mit ihren superschnellen Boliden- dann plötzlich hinter mir fahren und geduldig abwarten, bis ich meinen bescheiden schnellen Überholvorgang (bei ca. 120 km/h) abgeschlossen habe. Allerdings fahre ich dann auch schon 500 Meter vorher auf die linke Überholspur, damit sich der nachfolgende Verkehr schon mal auf sparsame 120 Km/h einstellen kann; denn kontrolliert verzögern und „etwas“ langsamer fahren ist dann auch wieder für die Überholenden gewöhnungsbedürftig. Mitleid kommt dann allerdings in mir hoch, wenn ich an „Liegenbleibern“ neuerer Fahrzeuggenerationen vorbeifahre. Ich habe mir schon oft überlegt, das ein oder andere jüngere Fahrzeug dann vielleicht doch abzuschleppen.

So will es das Gesetz: Fahrverbot mit roter Umweltplakette. Mein Arbeitsplatz liegt in der Stuttgarter Umweltzone, die Einfahr-Sondergenehmigung galt nur bis Dezember 2011. Wie das Problem lösen? Solche Fragen stellt sich der Staat gegenüber Steuerzahlern nicht und wie ich als Arbeitnehmer zum Arbeitsplatz komme, bei Einfahrverbot, obliegt allein meiner Bürgerpflicht. Leider hatte und hat bis heute auch hier „die Erzeugerin“ meiner Baureihe auch keine Lösung. Mit lobenswertem Hinweis des Sachbearbeiters der Stadt Stuttgart konnte ich auf dem freien Markt einen Anbieter für Dieselpartikelfilter, speziell für MB-Fahrzeuge, finden. Dabei übertraf der Preis für die Nachrüstung bei weitem den Marktwert meines 190 D. Aber das war mir die Nachrüstung sehr wert.

Der TÜV lässt grüssen. Im Oktober wird es wieder soweit sein: die strengen Augen des „Herrn TÜV“ werden mal wieder mein Fahrzeug unter die technische Lupe nehmen. Wo gäbe es vielleicht etwas zu mäkeln? Die Korrosion hält sich in Grenzen, gemessen am Alter des Fahrzeugs. Das ist wie ständiges Geigenputzen und Saiten spannen; also im machbaren Bereich. Die Bremsen sind „i.O“., Bremsscheiben vorn und hinten erneuert, die Bremsbeläge obligatorisch ebenso. Jährlicher Service keine Frage. Ich bin daher guten Mutes, auch dieses Mal den 14. TÜV erfolgreich anzugehen…. Wo vermisse ich den gravierendsten Generationenunterschiede zwischen meinem 190 D und der heutigen Fahrzeuggeneration? Im Kraftstoffverbrauch: ich fahre durchschnittlich zwischen 5,5-6,3 l/100 km, je nach Beladungszustand und Witterung. Firmenintern fahre ich auf meinen Auslandseinsätzen neuere Baureihen, auch nur C-Klasse. Günstigstenfalls komme ich annähernd an die 6 l/100 km heran. Da könnte doch noch mehr heraus zu holen sein, noch weniger Kraftstoffverbrauch im Schnitt bei den heutigen Fahrzeugen. Egal, welche Marke.

Der W201 ist eines der besten Nachkriegs-Pferde vom Daimler. Das Futter wird langsam ausgehen, die Teileversorgung gibt Anlass zur Sorge. Mit Leidenschaft, mit bewusster Langsamkeit und damit entgegen dem aktuellen Zeitgeist des ständigen Beschleunigens, bewege ich mich in meinem „Parallel-Universum“. Und ich freue mich, dass ich vielleicht mit meinem 190 D ein winzig kleines Teil Historie als „fahrender Markenbotschafter“ im täglichen Straßenverkehr sein kann.

„Datenblatt“

Kauf : Sept. / 1994, 56 000 km.  Mit mir in 2. Hand Bj: April 1987. Km aktuell: 587.134.  Farbe: 702 Rauchsilber. Ausstattung: Kein ABS, kein Airbag 5-Gang-Schaltgetriebe mechanische Fensterheber, mechanisches Schiebedach. Nachrüstung Oxi-Kat, Nachrüstung Dieselpartikelfilter, Juni 2011. Anhängerkupplung. Verbrauch: 5,5-6 l/100 km. Tageseinsatz: täglich 200 km.

Anmerkung der Blog-Redaktion: Neben dem langsamsten 190er haben wir auch den schnellsten 190er im Blog: Hier klicken

 


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
4.9 / 5 (8 Bewertungen)
Bitte warten...

Tags:

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Lesen Sie mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. EQC Heißland-Testing: Klassenfahrt ins „Bud-Spencer-Land“

    Herbert Jäger: Hallo, hoffe den EQC gibt es mit Anhängerkupplung, ...

  2. EQC Heißland-Testing: Klassenfahrt ins „Bud-Spencer-Land“

    Kevin Berger: Toller Bericht und tolle Bilder!! Die Tarnung ist auch sehr...

  3. EQC Heißland-Testing: Klassenfahrt ins „Bud-Spencer-Land“

    Andreas Glatz: Ich kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen. Auch ihr macht einen tollen...

  4. EQC Heißland-Testing: Klassenfahrt ins „Bud-Spencer-Land“

    Marc Christiansen: Sehr schöner Artikel Herr Scheible! Freue mich auf den EQ C.

  5. EQC Heißland-Testing: Klassenfahrt ins „Bud-Spencer-Land“

    Manuel: Hallo Karl, super geschriebener Bericht mit tollen Bildern. Und das alles...