Wie der menschliche Geruchssinn verzaubert wird

Was ist es, das andere Menschen anziehend für uns macht? Oder uns selbst – für andere? Entscheidet nicht vor allen anderen Sinnen unsere Nase darüber, ob wir jemanden sympathisch finden oder wir uns gar im Gegenteil von ihm abgestoßen fühlen? Wie viel Wahrheit steckt hinter der Redewendung „Ich kann jemanden nicht riechen“? Dass Wohlgeruch eine emotional angenehme Atmosphäre zu erzeugen vermag, konnte man jedenfalls am Dienstagabend im Mercedes-Benz Museum erfahren. Mehrere Flacons waren im Großen Vortragssaal aufgereiht und verströmten sanft eigens für die neue S-Klasse entwickelte Düfte. Auch wenn damit ein bis dahin unbekanntes Fluidum den Raum durchströmte, so dürfte es doch das Thema des Vortrags „Wie der menschliche Geruchssinn verzaubert wird. Die Chemie des Parfüms“ von Prof. Dr. Lutz H. Gade gewesen sein, der rund 270 Besucher anlockte.

Begrüßt wurden sie von Dr. Uwe Ernstberger, Leiter Produktgruppe Large Cars der Daimler AG, sowie von Prof. Dr. Rainer Dietrich, Vorstandsmitglied der Daimler und Benz Stiftung. Der Vortrag fand im Rahmen der Reihe „Dialog im Museum“ statt, die von der Daimler und Benz Stiftung, der Daimler AG und dem Mercedes-Benz Museum gemeinsam veranstaltet wird. Gade ist Inhaber des Lehrstuhls für Anorganische Chemie an der Universität Heidelberg, promovierte an der Universität Cambridge und fungierte u. a. als Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Molekulare Katalyse“.

„Eine der interessantesten Innovationen unserer neuen S-Klasse“, so Uwe Ernstberger, „ist der gezielte Einsatz von Düften.“ Nach Form- und Sounddesign habe nun auch das Geruchsdesign Einzug in den Fahrzeugbau gehalten. „Ich darf Ihnen ganz offen gestehen: Zunächst stand ich als Techniker dieser Idee durchaus kritisch gegenüber. Aber ich wurde vom Gegenteil überzeugt. Die zurückhaltende Zerstäubung exquisiter Düfte, in Harmonie mit dem Grundgeruch von Leder, macht nun auch rein olfaktorisch den Fahrzeuginnenraum zu einer Oase des Wohlgefühls.“

„Der Geruchs- und Geschmackssinn spielen als stammesgeschichtlich älteste Sinne eine große Rolle. Bereits bei relativ primitiven Organismen sind sie ausgeprägt“, erläuterte Gade. „Aber irgendwie scheinen sie in unserer Wahrnehmung heute eine doch untergeordnete Rolle zu spielen. Dies liegt daran, dass wir andere Sinne entwickelt haben und die audiovisuelle Wahrnehmung für uns Menschen besonders wichtig geworden ist.“ Interessanterweise seien aber gerade jene uralten chemischen Sinne ausgesprochen komplex. Ihre wissenschaftliche Erforschung hinke hinter der des Sehens und Hörens hinterher. Selbst wenn Gerüche in unserem Alltag mitunter gar nicht das Bewusstsein erreichten, seien in ihnen doch sehr wichtige „Zeichen“ über unsere Umwelt codiert. Etwa für die räumliche Orientierung oder für unser Verhalten gegenüber anderen Lebewesen, gerade auch Tieren. „Als Menschen sind wir allerdings in der Lage, den menschlichen Geruchssinn zu manipulieren, indem wir Riechstoffe gezielt einsetzen.“

Auf ganz bestimmte Gerüche zeige jeder Mensch weltweit die gleichen physiologischen Reaktionen. So stoßen uns Ammoniak oder Schwefelwasserstoff heftig ab. Die Mehrzahl unserer Reaktionen auf Gerüche sei jedoch im Laufe des Lebens erworben und stark individuell geprägt. Nicht alle Gerüche würden in verschiedenen Kulturen gleichermaßen als angenehm oder unangenehm wahrgenommen. Während der Geschmackssinn nur fünf Geschmacksnoten (süß, sauer, salzig, bitter, umami) unterscheiden könne, sei der Geruchssinn ausgesprochen differenziert. So könne ein Mensch theoretisch etwa 10.000 verschiedene Gerüche unterscheiden. „Das Ganze funktioniert mit rund 400 olfaktorischen Rezeptor-Zelltypen. Das heißt, ein Geruchsstoff wird immer mit mehreren Rezeptoren zugleich, aber unterschiedlich intensiv wahrgenommen. Ein Geruchserlebnis gleicht damit immer einer Art von ‚Akkord‘, der in unserer Wahrnehmung angeschlagen wird“, hielt Gade fest.

Heute unterscheiden Unternehmen, die sich mit Riechstoffen beschäftigen, meist folgendes olfaktorisches Spektrum: Moschus, fruchtig, grün, marin, blumig, holzig, Ambra. Ein klassisches Parfüm besteht aus einer Kopfnote, das heißt denjenigen flüchtigsten Substanzen, die zu riechen sind, wenn ein Käufer die Flasche öffnet. Am stärksten wird es aber durch die sogenannte Herznote charakterisiert, die in der Regel floral und würzig riecht und nicht selten eine Anmutung von Sandelholz besitzt. Die Basisnote besteht aus Geruchsstoffen wie Ambra oder Moschus, die noch auf der Haut verbleiben, wenn die anderen Düfte bereits verflogen sind.

Während bereits in der Antike bereits Weihrauch und anderes Räucherwerk verbrannt wurden, so entwickelten sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte immer raffiniertere Methoden, wie etwa die Wasserdampfdestillation, um Pflanzen oder Pflanzenteilen die gewünschten Aromen zu entziehen. Sofern Geruchsstoffe, wie etwa jene in Rosenblättern, temperaturempfindlich waren, so wurden sie in geruchsloses Tierfett eingebettet, angereichert und schließlich mit Alkohol extrahiert. „Heute kann man solche chemische Verbindungen synthetisieren, kennt aber auch viele chemische Verbindungen, die schlicht zu ähnlichen Geruchseindrücken führen“, so Gade. Seit rund hundert Jahren gehe der Trend allerdings dahin, nicht mehr natürliche Duftquellen, wie etwa Moschus, chemisch zu imitieren. Vielmehr bestimmten neuartige synthesechemische Entwicklungen selbst den Trend in der Parfümerie. Das sei etwa seit dem Jahr 1850 technisch möglich.

1884 kam das wegweisende Parfüm „Fougère Royale“ auf den Markt, das den künstlich hergestellten Naturstoff Kumarin enthielt und nach einer Mischung aus Marzipan und frischem Heu roch. Damals bevorzugte die Mehrheit der Kunden schwere und süße Parfüms. Eine deutliche Trendwende setzte nach dem Ersten Weltkrieg ein, als 1921 das Parfüm „Chanel No 5“ kreiert wurde und die Nasen in aller Welt zu erobern begann. Es enthielt eine metallisch-zitrusartige Kopfnote, die Millionen von Menschen begeisterte und als ein Meilenstein in der Parfümerie gelten kann.

Mit einem exzellenten Bogen durch die Geschichte der Parfümerie, der Literatur und Chemie sowie seinen Exkursen über die physiologischen Grundlagen des menschlichen Geruchssinnes gelang es Gade, seine Zuhörer in den Bann zu ziehen. Im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Parfümerie stellte Gade fest: „Eine wichtige aktuelle Tendenz ist es heute, dass die Forschung auf dem Gebiet der Geruchsstoffe versucht, völlig neue Geruchserlebnisse zu erschaffen. Also Düfte, die wir in der Natur bislang noch nicht gerochen haben.“

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