Syrien: Viele Straßen führen zum Ziel

Straße der Hoffnung: Am Montagabend der Vorweihnachtwoche ist der zweite Daimler-Syrien-Hilfskonvoi „Wings on Wheels – Gegen die Kälte“ am Ziel, an der türkisch-syrischen Grenze eingetroffen.

In Partnerschaft mit der Hilfsorganisation „Luftfahrt-ohne-Grenzen e.V.“ wurden mit einer Spende der Belegschaft und einer Verdopplung durch die Daimler-Geschäftsführung auf 100.000 Euro, acht Actros-Lastzüge und zwei Vianos mit Hilfsgütern an den Türkischen Roten Halbmond zur Verteilung in den syrischen Bürgerkriegs-Flüchtlingen geschickt.

Straße des Entsetzens

Ich sitze in meinem Hotelzimmer in Gaziantep an der türkisch-syrischen Grenze, schreibe diese Zeilen und höre CNN-TV, die gerade aus Aleppo, unweit von hier, berichten. CNN berichtet, dass dutzende Kinder von einer neuersonnenen Billigst-Waffe getötet wurden, Ölfässern, die man aus Hubschraubern über Wohngebieten abwarf. Zudem erleidet der nahe Osten den schlimmsten Wintereinbruch seit 50 Jahren. Die Straße an meinem Hotel ist die Straße nach Kilis, der türkischen Grenzstadt, von der es weiter nach Aleppo geht. Aleppo ist nicht weiter als Straßburg zu Karlsruhe, wohin man sonntags zum Kaffeetrinken fährt.

Im Beitrag vom ersten Syrien-Hilfstransport hat Richard Kienberger die Leiden der Flüchtlinge beschrieben. Der syrische Kollege Moustafa Jamo beschrieb die Vorbereitungen für den zweiten Syrien-Hilfskonvoi.

Hilfskonvoi „Wings on Wheels – Gegen die Kälte“ an die t

Straßen von Krieg und Vertreibung

Im Abschlussbeitrag dieses Hilfskonvois will ich meine Gedanken zu den Straßen, die Stuttgart mit Syrien verbinden, beschreiben. Straßen haben seit Menschenbeginn Heerscharen zu ihren Kriegen geführt, und vertriebene Völker haben auf ihrer Flucht vor Hunger und Not über diese eine neue Heimat gefunden. Aber auf historischer Route rollte auch der zweite Daimler-Syrien-Hilfskonvoi: über Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien in die Süd-Türkei, folgten wir historischen Krieg- und Flucht-Magistralen. Über Harmalis an der bulgarisch-türkischen Grenze zogen die Völkerwanderungen über Ägypten nach Nordafrika, die Römer nach Palästina, Alexander der Große vom nahen Griechenland Richtung Buchara in Usbekistan, die Mongolen Richtung Europa.

Straße des Elends in Europa

Auf der Reise an die syrische Grenze durchfährt man schon innerhalb Europas Regionen, deren Menschen ebenfalls Hilfe benötigen. Schon in Ungarn haben die türkischen Truck-Stops unappetitliche Plumps-Klos. Die Hauptverbindungsstraße zwischen Europa und Asien rollt in Rumänien durch Dörfer. 24 Stunden am Tag dröhnt der Verkehr an den geduckten Bauernkaten vorbei, natürlich weit schneller als mit 50 km/h. An der innereuropäischen Grenze zwischen Ungarn und Rumänien, aber auch zwischen Bulgarien und der Türkei, stehen Lkw-Schlangen von 15 – 20 Kilometer Länge, das bedeutet eine mehrtägige Wartezeit für die Fahrer. Wir als Hilfs-Konvoi setzen die gelben Rundumleuchten auf unsere zwei Vianos, nehmen die gleichermaßen beschrifteten Actros-Sattelzüge in die Mitte und dürfen links an den wartenden Trucks vorbeiziehen. Die meisten Fahrer haben Verständnis und unterstützen den Hilfskonvoi durch ihr Vorbeilassen. Aber ohne die Kennzeichnung als Hilfskonvoi würden „normalen“ Lkws die Scheiben eingeworfen werden. In dieser Situation ist für mich vollkommen unverständlich, dass die Grenzbeamtem zwar korrekt, aber dann auch wieder sehr unfreundlich sein können. Drei unserer Actros-Trucks wurden von sogenannten „X-Ray-Zolltrucks“ geröntgt und kamen erst um Mitternacht aus dem Zollgelände.

Straße der Lieder

Der schnelle Ritt durch das winterliche und meist nächtliche Europa erinnert an einen Flug in einer Raumkapsel. Dörfer und Städte fliegen vorbei. Sonntag starten wir in der Metropole Istanbul auf asiatischer Seite und fahren bis Aksaray, dem Standort unseres türkischen LKW-Werkes. Im Hotel treffen wir Lkw-Kollegen, die drei Jahren dort gearbeitet haben und jetzt nach Deutschland zurückversetzt werden. Sie haben aus dem Daimler-Intranet vom zweiten Hilfskonvoi und den Spenden aus der Belegschaft gehört. Es wurde ein unvergesslicher Abend. Ein mitreisender Kollege entpuppt sich in der Hotellobby als genialer Klavierspieler und Sänger, unterstützt vom Konvoiarzt, einem erfahrenen DTM-Arzt. Wir singen Klassik und Frank Sinatra – Momente der Freude sind auch in ernster Mission erlaubt.

Straße des Hilfe

Von Akasaray geht es über Adana nach Gaziantep. Von Stuttgart aus gingen sechs Mercedes-Benz Actros Lkw mit dringend benötigten Hilfsgütern wie Medikamenten und Winterkleidung auf die Reise. Am letzten Fahrtag gesellen sich noch zwei weitere Actros zum Konvoi. In Adana haben diese Flüchtlingszelte und Decken geladen, die in der Türkei von syrischen Flüchtlingen hergestellt wurden, die wiederum mit diesem Verdienst ihre syrischen Familien unterstützen. In Gaziantep befindet sich nahe der syrischen Grenze das Verteilzentrum für humanitäre Hilfe an die Flüchtlings-Camps. Die Hilfsgüter werden dort an den Türkischen Roten Halbmond (Kizilay) und an das International Medical Corps übergeben, die die weitere Verteilung übernehmen. Es ist dunkel, morgen wird entzollt.

Straße der Verzweiflung und des Aufbruchs

Beim ersten Daimler-Syrien-Konvoi haben wir in Kilis die wilden Flüchtlingscamps im von Flüchtlingen besetzten Stadtpark gesehen. Die Bilder der verzweifelten Menschen des ersten Beitrags von Richard Kienberger wurden entlang der Grenzstraße aufgenommen. Jetzt ist nichts mehr davon zu sehen. Die Türkei versucht die gewaltige Herausforderung zu bestehen, jedem Flüchtling einen Platz in den Camps zu geben. Dort stehen u.a. die Zelte, die von den Spenden der Mitarbeiter gekauft wurden. Das Leben im Lager ist beschreibbar fürchterlich, aber immer noch besser, als außerhalb  auf sich alleine gestellt im Schlamm zu vegetieren. Deswegen sind die Flüchtlingslager auch ein Zeichen der Hoffnung, ein Signal dafür, dass es nach Ende der unsinnigen Kampfhandlungen in Syrien wieder zu einem friedlichen Wiederaufbau kommt.

Straße der direkten Hilfe durch Mitarbeiter-Spenden

Am Dienstag fährt das kleine Daimler-Team zu den Kizelay-Lagerhallen. Wir sehen zu, wie der Zoll die deutschen Trucks freigibt. Mit den zwei türkischen Trucks, die logischerweise nicht verzollt werden müssen fahren wir nach Kilis. In einer Lagerhalle werden die 250 Zelte, die einem Wert von € 125.000 darstellen und die wärmenden Decken entladen.

Die drei Ambulanzwagen die der Daimler-Syrien-Hilfskonvoi für die LOG e.V. an die syrische Grenze transportiert hat, werden an das International Medical Corps übergeben. Mitarbeiter des Corps werden ab jetzt im Dauereinsatz sein. Denn zur Jahreswende wird der einmillionste syrische Flüchtling in den türkischen Lagern erwartet. Und mehr als 7 Millionen warten noch auf der syrischen Seite auf den Sprung in ein besseres Leben.

Hilfskonvoi „Wings on Wheels – Gegen die Kälte“

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Daimler AG haben sich mit ihren Spenden effektiv an diesem Hilfskonvoi beteiligt. Ein Mitarbeiter der Spendenabteilung, Alpay Keskin, fuhr diese Strecke mit, um für die ordentliche Übergabe der Hilfsgüter zu bestätigen.

Vom Kilis fahren wir auf Nebenstrassen an der syrisch-türkischen Grenze Richtung Gaziantep. Im abgelegenen Dorf Caybeyi werden wir von den Dorfbewohnern zum Tee eingeladen. Mit dem Blick über das syrische Grenzland, berichten sie von Ausflügen dorthin in friedlicheren Seiten. Möge es auch durch unsere Hilfe dazu kommen, dass man auf Straßen des Friedens wieder den syrischen Nachbarn besuchen kann.

Weitere Eindrücke zum Hilfskonvoi auf unserem tumblr-Blog: „Wings on wheels-Hilfe für Syrien“


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