Mehr als alte Autos

 

Weihnachten steht vor der Tür und vor dem Mercedes-Benz Museum eine Hütte: die Attraktion des diesjährigen Museumswinters. Mit Geweihen, einer festgenagelten Lederhose an der Wand und ihrem urigen Charme steht sie im Kontrast zu dem modernen Museum.

Seit Anfang November bin ich nun Praktikantin im Mercedes-Benz Museum und die erste große Veranstaltungsreihe für mich ist der Museumswinter 2013/2014 mit der „St. Cannstatter Hütte“. Für alle, die sie noch nicht gesehen haben: Das ist eine Almhütte vor dem Museum, die innerhalb von zwei Tagen „zusammengesteckt“ wurde, bis zu 85 Leute beherbergen kann, in der Kaiserschmarrn als Nachtisch gereicht wird und höchstwahrscheinlich die einzige weltweit ist, zu der frau problemlos mit Stöckelschuhen gelangen kann.

Da auch ich bei den Vorbereitungen für den Museumswinter dabei war, wartete ich gespannt auf das Ergebnis. Als ich morgens aus dem Bus stieg, sah ich zuerst eine knallrote Skigondel. Anfänglich wirkte sie etwas fehl am Platz. Doch sobald das Trio Hütte, Gondel, Curlingbahn fertig aufgebaut war, sah alles winterlich einladend aus. Am Abend probierten wir vom Museum gleich alles im Rahmen einer Weihnachtsfeier aus. Auf der Veranda der Hütte gab es Glühwein und drinnen ein süßes Ambiente mit karierten Tischdecken und Lammfellen auf den Holzbänken. Leider war die Ente aus, die meine Kollegin bestellt hatte. Die war neben Klößen und Geschnetzeltem einer der zünftigen Hauptgänge, die gut zum Charakter der Hütte passen.

Mein Chef und ein Kollege machten Stimmung und auch die Gespräche drehten sich nicht nur um die Arbeit. Die Hütte bot Platz für ein paar wichtige Dinge, die die Weihnachtszeit prägen: Essen, Trinken und  gemütliches Beisammensein. Der Arbeitsalltag blieb draußen vor der Tür.

Beim anschließenden Museum-Curling neben der Hütte, was Boccia oder Boule sehr ähnelt, waren alle lautstark und mit viel Spaß dabei. Curling ist ursprünglich eine Eissportart. Hier musste sich aber niemand aufs Eis wagen, sondern durfte vor der glatten Polymerbahn stehen bleiben und von dort den Curlingstein schlittern lassen. Per Los wurden wir alle in Gruppen aufgeteilt, die nach Ländern benannt wurden. Die Teams versuchten abwechselnd ihre Curlingsteine so nah wie möglich an den Mittelpunkt des Zielkreises zu werfen. An Engagement mangelte es niemandem. Geschätzt jeder zweite Wurf schoss über die Ziellinie hinaus und disqualifizierte sich dadurch. Der Freude am Spiel tat das jedoch keinen Abbruch. Am Ende ging das Team Russland als Sieger hervor. Passenderweise gab es als Preis Museumsschnapsgläser gefüllt mit Vodka.

Bevor ich hier angefangen habe, hätte ich nie erwartet, dass die Themen des Mercedes-Benz Museums so abwechslungsreich und vor allem aktuell sein können.

Umso mehr stieg meine Begeisterung als ich meinen Arbeitsplatz näher kennenlernte. In der Ausstellung steht zum Beispiel der ML aus dem Spielfilm Jurassic Park, den ich im Fernsehen bei wilden Verfolgungsjagden gesehen habe. Und was ich gar nicht erwartet hätte, ist die eindrucksvolle Darstellung der deutschen Geschichte, für die ich mich persönlich sehr interessiere. Es ist schwer zu beschreiben, warum ich so positiv überrascht bin von dem Museum, da ich eigentlich kein geborener Autofan bin. Aber immer wieder erwische ich mich dabei, bei einem vorbei fahrenden Mercedes nach dem Modell zuschauen. Eine der Anekdoten, die der Leiter des Besuchermanagements bei einer Führung erzählte,  finde ich hierzu sehr passend. Es ging um eine Frau, die alleine in der Eingangshalle auf dem Sofa saß. Als man sie ansprach  sagte sie, sie müsse auf ihren Mann und ihren Sohn warten, die in der Ausstellung seien. Für sie wäre das aber gar nichts. Man überredete sie, es doch wenigstens einmal zu probieren. Raten Sie mal wer am längsten in der Ausstellung verschwand? Und das lag gewiss nicht daran, dass sie sich verlaufen hatte.

Genauso wie ich von meinen Aufgaben im Museum überrascht wurde, hat es der Abend in der „St. Cannstatter Hütte“ geschafft, mir mit ungezwungener Stimmung Lust auf die Weihnachtszeit zu machen. Sicher spielte dabei auch der leckere Glühwein eine nicht ganz unwichtige Rolle. Sogar die Ente wurde letztendlich noch für meine Kollegin aufgetrieben.


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