Wie bringe ich einem autonomen Automobil das menschliche Sittengesetz bei?

„Was das Thema ‚autonome Automobile‘ angeht – so hat es in den letzten Jahren im besten Sinne des Wortes Fahrt aufgenommen“, stellte Markus Maurer jüngst in Stuttgart fest. „Früher war es, salopp gesagt, doch eher etwas für die Technikecke. Jetzt hingegen bemerken wir, dass eine Mobilitäts-Revolution auf uns zurollt. Die Menschen lesen, hören und sehen es fast täglich in den Medien. Sie sind spürbar fasziniert von dieser Entwicklung und fragen sich: Welche Auswirkungen wird das alles auf mein Leben haben?“ Nicht zuletzt durch die Langstreckenfahrt eines Fahrzeugs der S-Klasse „Intelligent Drive“ auf den Spuren der legendären Fernfahrt von Bertha Benz wurde deutlich, wie fortgeschritten und ausgereift diese Technologie heute bereits ist. Autonome Fahrzeuge drehen eben nicht länger auf abgeschlossenen Teststrecken ihre Runden, sondern vermögen auf Autobahnen wie im fließenden Stadtverkehr zu navigieren.

270 Gäste, unter ihnen der ehemalige Ministerpräsident Erwin Teufel, erschienen am Dienstag, den 3. Dezember, im Mercedes-Benz Museum zum Vortrag „Autonome Automobile – Wer steuert das Fahrzeug der Zukunft?“. Der Referent Professor Dr. Markus Maurer forscht seit 20 Jahren über autonomes Fahren und Fahrerassistenzsysteme, seit 2007 hat er an der Technischen Universität Braunschweig einen Lehrstuhl für Elektronische Fahrzeugsysteme inne und leitet gemeinsam mit einem Kollegen das dortige Institut für Regelungstechnik. Er ist überdies Sprecher des Kernteams des Förderprojektes „Villa Ladenburg“ der Daimler und Benz Stiftung, das die gesellschaftlichen Auswirkungen des autonomen Fahrens untersucht und pro Jahr mit rund 1,5 Millionen Euro an Forschungsmitteln ausgestattet ist. Die Besucher wurden von Stephan Wolfsried, Leiter Fahrzeugfunktionen & Fahrwerk in der Mercedes-Benz Cars Entwicklung, als Hausherr sowie von Prof. Dr. Eckard Minx, Vorstandsvorsitzender der Daimler und Benz Stiftung, begrüßt. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Vortragsreihe „Dialog im Museum“ statt, die von der Daimler AG gemeinsam mit der Daimler und Benz Stiftung sowie dem Mercedes-Benz Museum organisiert wird.

Bereits die Frage, was „Autonomie“ bedeute, dürfe laut Maurer keineswegs vorschnell beantwortet werden, sondern müsse aus vielen Perspektiven bedacht werden. Das Besondere an der Erfindung des Autos sei zunächst gewesen, dass es die Kutsche ersetzte und Pferde nicht mehr gebraucht wurden. „Aber durch die neuen Handlungsmöglichkeiten, die sich dem Fahrer eröffneten, ging gleichzeitig auch etwas an ‚Autonomie‘ verloren. Die Pferde wussten z. B. immer den Weg nach Hause, auch wenn der Kutscher vielleicht einmal nicht mehr so richtig fahrtauglich war!“ Wissenschaftlich hilfreich sei die Definition des Philosophen Immanuel Kant, der zufolge Autonomie die Selbstbestimmung im Rahmen eines übergeordneten Sittengesetzes bedeute.

„Ich frage meine Studenten, ob sie sich wirklich bewusst sind, dass sie als Programmierer von autonomen Fahrzeugen auch Sittengesetze implementieren müssen. Die Einhaltung von Verkehrsregeln und insbesondere die Entscheidung in Dilemmasituationen sind sehr ernste und folgenreiche Rahmenbedingungen. Denn wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt – fahre ich einen Menschen an, steuere ich den Abhang hinunter oder doch besser gegen einen Lkw?“ Als vollständig autonom könne ein Fahrzeug eigentlich erst dann bezeichnet werden, wenn es keine menschliche Überwachung mehr benötige, so Maurer: „Sie sehen, die ethische Qualität von Verhaltensentscheidungen ist beim autonomem Fahren zentral!“

Nach einem Überblick, welche technische Entwicklung autonome Fahrzeuge in den letzten 20 Jahren nahmen, identifizierte Maurer als einen wesentlichen Motivator zur Einführung autonomer Fahrzeug die Verkehrssicherheit. Die Zahl der Verkehrstoten sank von 21.000 im Jahr 1970 auf rund 3.500 im Jahr 2012. Würden technisch fortschrittliche autonome Fahrzeuge zugelassen, würde sich diese Zahl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit noch einmal deutlich reduzieren lassen. „Doch zuvor müssen wir in eine öffentliche Diskussion eintreten und uns fragen: Wollen wir das als Gesellschaft überhaupt? Welche Restfehlerwahrscheinlichkeit sind wir bereit zu akzeptieren? Wer trägt die Verantwortung bei tödlichen Unfällen, die im Gegensatz zu heute dann nicht mehr durch den Fahrer, sondern einen ‚Roboter’ erzeugt werden? Wie könnten Übergabeszenarien aussehen, in denen sich menschliche Fahrer und autonome Fahrzeuge im Straßenverkehr begegnen – denn hier wird sicherlich nicht alles glatt laufen!“ Nach Maurer werden für die Einführung dieser Technik ganz neue Formen des Risikomanagements benötigt. „Es muss die Frage gestellt werden: Wie viel Verantwortung werden wir eines Tages bereit sein, an Maschinen und Computer abzugeben? Oder in die noch fernere Zukunft gedacht: Ist es ethisch vertretbar, den Menschen und nicht einen Computer Autos lenken zu lassen?

Die anschließende Diskussion verlief äußerst lebhaft. So fragte ein Besucher: „Macht nicht gerade die Freude an der Entscheidung auch die Freude am Auto aus? Möchte die Gesellschaft denn wirklich den perfekt dahinfließenden Schwarm, der das Individuum zu einer risikodefinierten Passivität verdammt?“ Maurer entgegnete, dass es bereits heute zunehmend maschinelle Verhaltensentscheidungen gebe, wie etwa das Beispiel der Luftfahrt oder der Börsenhandel zeige. Auch sie seinen von hoher gesellschaftlicher Relevanz. „Doch als Wissenschaftler kann ich Ihnen nicht sagen, wo im Einzelfall die ethische Grenze verläuft. Diese Frage müssen wir gemeinsam und zwar als mündige Bürger diskutieren.“

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