100 Jahre Gießerei – ich bin seit 23 Jahren ein Teil davon

Im Jahr 2013 feierte unsere Gießerei in Mettingen 100-jähriges Bestehen. In diesem Zeitraum hat sich hier einiges getan- und ich glaube, so viele Umwälzungen wie in den letzten 20 Jahren gab es vorher nicht. Ich stamme aus den neuen Bundesländern, aus Thüringen und habe dort Kfz-Mechaniker gelernt. Zu meinem damaligen Chef habe ich immer gesagt „eines Tages werde ich auch Mercedes-Benz reparieren“.

Nachdem dann 1989 die Mauer gefallen war, fuhren wir nach Stuttgart und ich sagte zu meiner Frau: „Ich frage mal bei Mercedes-Benz nach, ob es für mich dort Arbeit gibt“. Ich fragte am Tor nach und wurde gleich ins Personalbüro geschickt.

Und was soll ich sagen (schreiben): Nach einem Monat konnte ich in der Gießerei als Gießereihelfer anfangen. Es war nicht ganz das Erwünschte (ich wollte ja KFZ-Mechaniker werden), aber ich dachte mir, „dann schaust du dich nach einer Weile um, ob es eine Stelle als Kfz-Mechaniker gibt und wechselst dort hin.“ Zumal mancher in der Gießerei zu mir sagte: „Was willst Du hier? Die Gießerei, die wird bald zugemacht“. Aber falsch gedacht! Die Gießerei, die vielseitige Arbeit und die dort herrschende Kameradschaft haben mich zu einem Gießer mit Leib und Seele gemacht!

Ich habe mich dort in den 23 Jahren vom Gießereihelfer in der Gattierung (Materialzusammenstellung) über den Schmelzer am Elektroschmelzofen zum Schmelzer am Kupolofen hochgearbeitet. Von 2000 bis 2002 besuchte ich die Meisterschule und habe diese als Gießereimeister abgeschlossen. 2005 bekam ich dann eine Stelle als Meister im Schmelzbetrieb der Gießerei. Die Entwicklung der Gießerei über diese 23 Jahre war ebenso spannend und Interessant wie meine Entwicklung.

1990, im Jahr meiner Einstellung, gossen wir in der damaligen Grauguss-Gießerei Kurbelgehäuse und Bremsscheiben. Die Stückzahlen entwickelten sich Anfang der 90er Jahre stetig weiter. Nach der Umstellung der Kurbelgehäuse in Aluminium übernahmen wir die komplette Bremsscheibenproduktion in Mettingen. Durch die Steigerung der Produktion und durch die Weiterentwicklung der Schmelztechnik, des Schmelzverfahrens und des Feuerfestmaterials stieg die Schmelzleistung (gemessen in Tonnen pro Tag) noch einmal unglaublich stark an. Nebenher entwickelten wir in unserer Versuchsgießerei in Zusammenarbeit mit der Forschung unsere neue Zukunft. Diese neue Zukunft heißt „Stahlguss und Niederdruckgießverfahren“ für das Turbinengehäuse der Turbolader für unsere Benzinmotoren. Uns ist es gelungen, als einzige Gießerei weltweit das Niederdruckgießen mit dünnwandigem Stahlguss serienreif zu entwickeln.

Am 21.12.2012 war es dann soweit, der letzte Abguss der Bremsscheibe stand bevor, die Zukunft  „Stahlguss und Turbinengehäuse“  war eingeläutet. Somit gingen eine völlig neue Eisensorte und ein völlig neues Schmelz-und Gießverfahren in Mettingen an den Start! Wenn ich zurückblicke, dann sehe ich heute eine enorme Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Gießerei. An vielen Arbeitsplätzen war damals Handarbeit angesagt: Grate abflexen, oder mit dem Hammer Überstände abschlagen.  Am Kupolofen und im Bereich Schmelzerei waren Umgebungstemperaturen von 40 bis 50 Grad keine Seltenheit.

Die Ofenreparaturen waren keine leichte Arbeit und immer mit großer Hitze verbunden. 1990 wurde der Ofen alle 6 Wochen mit einer feuerfesten Masse von innen neu beschichtet. Durch die von uns entwickelte Fahrweise des Kupolofens und durch die Einführung von feuerfesten Betonen konnten die Reparatur-Intervalle schließlich von sechs Wochen auf sechs Monate erweitert werden, was uns die Arbeit sehr erleichterte. Seit Ende letzten Jahres steht nun der Kupolofen still und wird Schritt für Schritt entsorgt. Wir schmelzen jetzt mit zwei Elektroöfen unseren Stahlguss für die Turbinengehäuse. Durch den Wegfall des Gießverfahrens der Bremsscheiben haben sich die Arbeitsbedingungen sehr verbessert. Die Halle ist hell und sauber und wir müssen im Winter sogar heizen. Seit Beginn der Turbinengehäuseproduktion hat sich schon sehr viel getan und die Schmelzleistung steigt auch hier schon stark an.

Wenn ich nachdenke, was in den 23 Jahren alles passiert ist…die Entwicklung und der Umschwung hat mit Sicherheit unserer Gießerei und den Mitarbeitern viel Know-How gebracht und gezeigt, wozu wir im Stande sind und dass wir uns gegenüber der Konkurrenz behaupten können. Dass die Gießerei nach den 23 Jahren immer noch besteht, ist der Arbeit und der Weiterentwicklung in unserem Hause zu verdanken. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich als Gießereimeister in Rente gehen werde. Und ich glaube daran, dass mein Sohn, der zur Zeit in der Meisterschule ist und seinen Gießereimeister macht, ebenfalls die Gießerei weiterentwickelt und vorantreibt, so dass er in der Gießerei auch noch eine Zukunft hat!


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