Gastbeitrag: Auf Tour mit dem T-Modell – die Black Sea Circle Rallye

Schon immer haben wir davon geträumt, an entfernte Urlaubsziele mit dem Auto zu reisen und nicht einfach nur in Deutschland ins Flugzeug zu steigen und am Ziel nach ein paar Stunden wieder aus zusteigen. Es reizt uns, den Weg dahin als Reise zu verstehen, zu beobachten, wie sich Bevölkerung, Land und Wetter langsam verändern und man sich Tag für Tag mal mehr, mal weniger dem Ziel nähert. Kurzentschlossen suchten wir Gleichgesinnte für ein solches Abenteuer und relativ schnell war klar: Die Black Sea Circle Rallye muss es sein. Eine 16 tägige Old- und Youngtimer Rally von Berlin über Istanbul und Tiflis nach Odessa – einmal Rund ums Schwarze Meer.

Voraussetzung war ein Fahrzeug mit mindestens 20 Jahren auf dem Buckel, so sah es das Reglement der Rallye vor.Die erste große Frage war, welches Auto hält dies durch? Welches Auto war schon damals auf dem Niveau, dass es uns auch noch jetzt 20 Jahren später in nur 16 Tagen über 10.000 km ein treuer Begleiter sein kann? Ebenso war zu bedenken, dass man relativ schnell auch jenseits vom Bosporus Ersatzteile bekommen müsste. Und über ein wenig mehr Komfort würden wir uns bestimmt auch nicht beklagen. Ein qualitativ hochwertiges, robustes Fahrzeug muss es sein, das überall gefahren wird  – wir brauchten ein Mercedes, so viel war klar. Nur welcher sollte es sein, die Auswahl ist groß: eine E-Klasse  – die gibt es relativ günstig. Vielleicht eine G-Klasse – die kommt überall durch. Eine S-Klasse lässt uns mit höchstem Komfort reisen. Letztendlich fiel die Wahl auf einen Kombi, in dem wir auch die eine oder andere Nacht bei umgeklappter Rückbank schlafen könnten.

Der “Stylefaktor” und der Gedanke, dass dieses Auto überall auf der Welt herumfährt, brachten uns auf den W123 – exakt den S123. Nach langer Suche fanden wir einen 230TE von 1985 in schwarz mit Ledersitzen und wurden stolze Besitzer. Das Auto wurde mit Rallye-Streifen und Teamklebern ausgestattet, die Hi-Fi Anlage erhielt ein drei Wege System Upgrade, alle Flüssigkeiten und der Kühler wurden erneuert und wir bekamen den Teamnamen Los Mustachos. Es konnte losgehen! Anfang August starteten wir in Berlin und zügig ging es weiter über die Tschechei, durch Ungarn, Serbien, Mazedonien und Bulgarien nach Istanbul. Der Motor schnurrte wie ein Kätzchen und wir konnten uns auf die herein prasselnden Eindrücke konzentrieren. In Istanbul verweilten wir das erste Mal einen gesamten Tag. Beim Verlassen der Fähre  über den Bosporus nach Asien setzten wir auf. Ab jetzt röhrte das Auto, als wolle es sich den  Beinamen Cessna verdienen – eine Metallplatte hatte das angerostete Hosenrohr vom Motorblock abgerissen. Anfangs gefiel uns der Sound eines echten Rallye-Autos. Aber schnell war auch klar, so kommen wir nicht über mindestens acht weitere Grenzen. Also fuhren wir bei nächster Gelegenheit rechts ran und standen direkt beim Auspuffspezialisten. Der Mechaniker zeigte sich begeistert von unserem Auto, verstehen konnten wir aber nicht viel außer seiner begeisterten Bekundung in schwer verständlichem Englisch – “Good Mercedes”! Mit Hilfe immer wieder verbeikommender Kunden, die kurzerhand als Dolmetscher fungierten, erörterten wir das nötigste. Trotz aller Sprachbarrieren einigten wir uns mit Händen und Füßen auf einen Preis. Nach zwei Stunden fuhren wir weiter mit „neuen“ Hosenrohren und „altem“ Fahrgefühl.

Dies sollte unser einziger unfreiwilliger Boxenstopp auf den gesamten 10.000 km bleiben. Weiter ging es durch den Süden der Türkei über Ankara und Kappadokien immer Richtung Osten. Genächtigt wurde meistens wild, im Zelt. Manchmal allein, oder aber mit anderen Teams, auf die man immer wieder traf. So kam es, dass wir eines Morgens von Schafen geweckt wurden. Ein anatolischer Schäfer war auf die Fahrzeuge aufmerksam geworden, er wollte unbedingt einen Blick unter die Motorhaube werfen. Diese Zeremonie trafen wir regelmäßig an. Der türkische Kenner musste sich über den Zustand des Motors und insbesondere über den Hubraum ein Bild verschaffen. Meist endete diese Zeremonie mit einem anerkennenden Nicken und dem obligatorischem – “Good Mercedes”! Nachdem das Fahrzeug taxiert war, bot er freundlich sein “Fahrzeug” zu einer Testfahrt an, so kamen wir zu einem unverhofft frühmorgendlichen Ausritt auf einem Esel.

An der Iranischen Grenze drehten wir nach Norden weiter nach Georgien Richtung Tiflis. Hier wartete die nächste große technische Herausforderung auf die Teams und Fahrzeuge. Vor uns lag der Kaukasus mit 5.000 Meter hohen Bergen und seiner wilden Geschichte. Unsere Route ging über die alte russische Heeresstraße von Tiflis nach Norden Richtung Vladikavkaz. Das Auswärtige Amt zeigt sich von dieser Idee alles andere als begeistert, was auch uns ein mulmiges Gefühl für die vor uns liegende Strecke gab. Also vollgetankt und durch! Die Passstraßen sind unerwartet gut und wir genießen das unglaubliche Panorama. Kurz vor der russischen Grenze hört jedoch der Asphalt auf und die Straße erinnert mehr und mehr an eine buckelige Skipiste als an irgendein Weg für Straßenfahrzeuge. So ging es dann über den Kamm 200km weiter. Aber auch diese Herausforderung überstand das Auto ohne Probleme. Von Vladikavkaz, ging es nach Krasnodar und ab dann nur noch nach Westen wieder Richtung Heimat und Ziel in Odessa. Im Ziel angekommen waren wir müde, aber stolz auf uns und das Auto, dass wir es geschafft haben. Hinter uns lagen mehr als 8.000 Kilometer in 16 Tagen – vor uns immerhin noch 2.000 Kilometer bis nach Hause. Aber erst einmal genossen wir die Zielparty und tauschten uns mit den anderen Teams über die gemeinsamen Erlebnisse auf der Strecke aus. Die Momente, der zufällige Austausch mit Menschen, sowie die unglaubliche Landschaft, die an uns vorbeizog, machten diesen Road Trip zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Am Ende haben wir unseren S123 behalten, eigentlich war geplant ihn direkt nach der Rallye wieder zu verkaufen. Letztlich haben aber die Freude über die Zuverlässigkeit und die Erlebnisse die wir mit dem Wagen hatten dazu geführt, dass wir uns vorerst nicht trennen konnten. Somit können wir nur sagen: “Abwarten wo uns der S123 als nächstes hinträgt“……

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Über den Autor: Hartmut Kunz Abenteurer und Weltenbummler ist in Ulm aufgewachsen und hat in Dresden und Lyon Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Während seines Studiums war er als Praktikant in Sindelfingen bei der Daimler AG. Heute lebt und arbeitet er in München als Restrukturierungsberater. Neben Rallys interessiert er sich für Abenteuerreisen, Bergsport und Innenarchitektur.


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