„Off Duty“: Rocky mit dem Klapprad

Unsere Mitarbeiter sind nicht nur während ihrer Arbeitszeit motiviert, sondern engagieren sich oft auch in ihrer Freizeit in anderen, teilweise außergewöhnlichen Projekten. Diese wollen wir in der Reihe “Off Duty” kurz vorstellen.

Klar, den Rocky kennt jeder. Das war doch der Boxer der niemals aufgegeben hat. „The Italian Stallion“, der italienische Hengst, dem die Damenwelt zu Füßen lag und den die Männer (zumindest im geheimen) bewundert haben. Doch den meine ich gar nicht. Ich habe zwar auch einen Rocky kennengelernt, aber einen ganz anderen. Und das kam so:


Neulich in der Firma, auf dem Rückweg von einer Besprechung, habe ich mich mit einem Kollegen unterhalten. Da unser Bremer Werk ziemlich groß ist, macht es durchaus Sinn, auch mal eines der vielen gelben Diensträder zu benutzen. Und da wir beide mit dem Rad zu diesem Meeting gefahren waren, war ein gemeinsames Thema schnell gefunden. Das Radfahren! Fahrradfahren ist mein Hobby und zwar schon so lange ich denken kann. Auf zwei Rädern fing als Kind meine Freiheit an. Ich war zum ersten Mal mobil und konnte als kleiner Steppke die Welt erkunden. Heute fahre ich immer noch sehr gerne und ab und zu auch mal mit dem Rad zur Arbeit. Da bilde ich mir richtig was drauf ein, weil es nämlich 30 Kilometer sind. Ein Weg. Rocky macht das nicht. Er fährt mit dem Zug zur Arbeit, allerdings hat er ein Klapprad dabei und fährt damit dann zurück. Und zwar jeden Tag. Aha, jeden Tag? Das ist ja interessant denke ich. Aber mit dem Klapprad? Ich bin skeptisch, da ich sofort so ein kleines oranges Mini Rad vor Augen habe, wie es die vor 30 Jahren mal gab. In der Mitte ein Gelenk und so eine große Schraube. Aber warum fährt jemand freiwillig mit so einem kleinen Drahtesel, wo es doch so viele schöne „richtige“ Räder gibt? Die Antwort ist einfach: Mein Kollege nimmt das Klapprad in der Bahn mit, weil es nichts kostet. Ein Klapprad gilt in der Bahnlogik als Gepäckstück. Für jedes andere Rad muss eine extra Gebühr entrichtet werden.

Ich bin neugierig geworden und so verabreden wir uns zu einer gemeinsamen Heimfahrt am nächsten Freitag. Wir haben erst mal dieselbe Richtung, wohnen dann allerdings gute 20 Kilometer voneinander entfernt. Aber wir können auf jeden Fall einen großen Teil des Weges gemeinsam fahren. Damit ich nicht von vorne herein benachteiligt bin, lasse ich mein Rad auf dem Hinweg von einem Kollegen im Kombi transportieren. Insgeheim denke ich natürlich, dass ich gegenüber Rocky einen riesen Vorteil habe. Mein altes Treckingrad, mit immerhin schon fast 35.000 Kilometer auf der Uhr, sollte mit dem kleinen Klapprad keine Probleme bekommen. Ich weiß gar nicht, wie der Typ das machen will, 40 Kilometer mit den lütten 20 Zoll Rädern. Aber da ich ja ein breites Kreuz habe, kann Rocky dann schön bei mir im Windschatten fahren. Der hat mir bestimmt einen tollen Bären aufgebunden. Jeden Tag 40 Kilometer mit dem Rad nach Hause. Ich bin mal gespannt.

Feierabend! Es ist Freitag, die Sonne scheint und der Wind weht aus östlicher Richtung. Das sind beste Bedingungen für eine Rückfahrt mit dem Fahrrad. Ich habe mich mit Rocky verabredet und alles sieht danach aus, als wenn ich ein paar Minuten zu spät zum Treffpunkt komme. Vor mir fährt eine junge Dame und spricht die ganze Zeit in Ihr Handy. Der Radweg ist hier ziemlich schmal und ich komme einfach nicht an ihr vorbei. Wild klingeln möchte ich nicht, nachher erschreckt sie sich und fährt sonst wo hin. Dann sind auch noch zwei Ampeln rot und ich muss warten. Aber dann sehe ich ihn. Lässig, sich an einem Verkehrsschild festhaltend sitzt er auf dem Klapprad. Als erstes fallen mir natürlich die kleinen Räder und die irre lange Sattelstütze auf. Genauso habe ich mir das Rad vorgestellt. Und damit will er 40 Kilometer machen? Damit würde ich nicht mal Brötchen holen fahren. Aber das sage ich ihm natürlich nicht. Das kann ja ne tolle Tour werden. Ich sehe mich schon vorweg fahren und mich ständig nach meinem Begleiter umsehen. Allerdings, so wie mein Kollege sich da an das Verkehrsschild lehnt, könnte ich mich auch täuschen: Der Rocky hat so eine Ausstrahlung, ja, seine Körpersprache verrät mir, dass er sich keineswegs so einfach geschlagen geben wird. Er wird kämpfen.

Wir begrüßen uns kurz und dann geht es auch schon los. Da ich sonst von der anderen Seite des Werkes starte, bin ich gespannt, wo es hier lang geht. Rocky fährt vor und ich habe das Gefühl, das hier irgendwas nicht stimmt. Habe ich gesagt er fährt los? Besser sollte es heißen: Er zieht ab wie eine Rakete. Ich komme kaum hinterher. Wie macht er das bloß? Ich bin sprachlos, habe aber keine Zeit weiter darüber nachzudenken. Ich muss sehen, dass ich an meinem Kollegen dran bleibe. Der fährt, als wenn er ein E-Bike hätte, aber ich kann keinen Motor entdecken. Einzig seine Waden geben mir einen Hinweis darauf, warum sich die kleinen 20 Zoll Räder so schnell drehen. Wir fahren durch Schwachhausen in Richtung Bürgerpark. Dann noch am Tierheim vorbei und schon sind wir in den Blockland Wiesen. An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich mich geschlagen gebe. Rocky ist aber so fair, nicht zu schnell zu fahren und sich immer wieder nach mir um zu drehen. Als wir uns dann auf eine Geschwindigkeit geeinigt haben, passt es. Rocky und ich ergänzen uns perfekt. Wir fahren und schnacken. So soll es sein. Natürlich hat jeder so seine Erinnerungen und deshalb zeigt er mir die Stelle, wo er mit seinem Klapprad einen total perplexen Fahrer einer Karbon-Rennmaschine versägt hat. Der arme Rennradfahrer konnte gar nicht glauben wie ihm geschah. Jetzt kann ich das nachvollziehen. Ich sage nie wieder etwas gegen Klappräder!!

Rocky auf dem WümmedeichDafür zeige ich Rocky die Kurve, in der mir an einem Vatertag eine lustige Gruppe junger Männer, auf ihrem bierseligen Fahrradausflug entgegen kam. Der letzte fuhr freihändig und hatte gerade eine Dose mit Bockwürsten in der Mache. Ich sehe noch sein Gesicht vor mir, das mich angrinste, bevor er geradeaus in den Graben fuhr und plötzlich nicht mehr zu sehen war.  Ich hielt damals natürlich sofort an, aber außer ein paar Wellen und Entengrütze war nichts zu sehen. Das erste was ich dann von dem wackeren Pedalritter wieder zu Gesicht bekam, war sein ausgestreckter Arm mit der Bockwurstdose (was mich irgendwie an Lady Liberty in New York erinnert hat). Dann kam der Rest. Pechschwarz von seinem unfreiwilligen Moorbad, entstieg der Held mit einiger Mühe dem Graben. Seine Kumpels hatten von dem Megastunt nichts mitbekommen und ich musste sie wieder zurückholen, damit sie sich um ihren Moorgeist kümmern konnten. Aber genug geredet, ich muss mich auf meine Atmung konzentrieren. Rocky fährt, als würde er es jeden Tag machen. Ach ja, richtig, macht er ja auch.

Jetzt haben wir den schönsten Teil der Strecke erreicht. Entlang der Wümme geht es durch das Blockland in Richtung Bremen Nord. Wir fahren zwischen 27 und 30 Km/h pro Stunde. Zugegeben, wir haben Rückenwind und es ist eine geteerte, gerade Straße. Aber wie lange will Rocky das noch durchhalten mit seinem blöden Klapprad, mit den kleinen 20 Zoll Rädern, hä?  Ich hoffe auf eine menschliche Regung von ihm, irgendwas so nach dem Motto. „Puh, ganz schön schnell“! Aber Rocky sagt nichts in der Richtung. Ich sage sowieso nichts mehr, weil ich meine Puste brauche. Doch dann ist es endlich soweit, jetzt wird er zugeben, dass wir toll unterwegs sind, aber es langsam Zeit wird einen Gang herunter zu schalten und die ganze Sache etwas gemächlicher anzugehen. Rocky blickt zu mir herüber und ich freue mich innerlich schon darauf, dass er endlich zugibt, dass er auch müde wird. Aber er  sagt: „ Läuft echt klasse, jetzt bin ich tiefenentspannt“! Ich glaube ich spinne, tiefenentspannt!? Ich halte mich noch gerade so über Wasser und er tritt mit seinem Klapprad, als wenn nichts wäre. Ja, und dann sagt Rocky noch: „Manchmal, in der Vorbereitung zum Marathon, laufe ich die Strecke auch. Allerdings erst ab dem Hauptbahnhof. Dann bleibt das Rad natürlich zuhause“. Aha. Danke für die Ergänzung, ich dachte schon er würde das Rad auch noch Huckepack tragen. Da bin ich echt beruhigt. Was soll ich dazu auch noch sagen. Dann kommen wir an die Hauptstraße und eigentlich könnte ich jetzt in Richtung Ritterhude abbiegen. Das wäre der kürzeste Weg nach Hause. Aber nun will ich es wissen. Ich fahre weiter mit Rocky durch die schöne Landschaft. Wird er doch noch irgendwann mal anhalten?

Und ja tatsächlich, schließlich ist es soweit. Er lässt durchblicken, dass wir bald an eine Stelle kommen, wo er normalerweise eine Pause  macht. Und was soll ich sagen? Er hält wirklich an und sagt: „Trinkpause“. Mein Herz macht einen Sprung, aber ich sage nichts und denke nur: „Endlich“! Ich stelle mein Rad auf den Ständer, nehme den Helm ab und will es mir gemütlich machen. Aber irgendwas stimmt an dieser Trinkpause nicht. Rocky bleibt auf dem Sattel sitzen und greift nur kurz in seinen Rucksack um seine Trinkflasche heraus zu holen. Ein kurzer Schluck und schon will er weiter. Ich breche fast zusammen. Das soll eine Pause sein? Einmal kurz anhalten und das war´s? Oh Mann! Die letzten 10 gemeinsamen Kilometer fahren wir an der Lesum, über St. Magnus und durch Leuchtenburg. Dann trennen sich unsere Wege. Hier muss ich jetzt rum, wenn ich nicht noch einen großen Kreis fahren will. Ein kurzes Abklatschen und jeder fährt seiner Wege. Mit letzter Kraft komme ich nach 40 Kilometern zuhause an. Obwohl es mit meiner Geschwindigkeit immer weiter bergab ging, konnte ich noch einen 23er Schnitt retten. Geschafft aber glücklich, lege ich mich erst mal auf die Liege in meinen Garten. Das war echt ne irre Tour. Da habe ich mich anfangs doch total verschätzt. Tja, so kann´s kommen. Ja, das war also die Geschichte von Rocky und dem Klapprad.
Andreas, vielen Dank für die kleine Lehrstunde.

Warum ich das ganze schreibe? Etwa weil ich sonst nichts zu tun habe, oder weil meine Frau nicht mehr mit mir spricht? Falsch, meine bessere Hälfte war gerade da und hat mich gefragt, was ich denn jetzt schon wieder schreibe? Nein, das Schreiben macht mir einfach Spaß. Ist eben ein Hobby und wenn ich mir vorstelle, dass ich damit eventuell den Einen, oder die Andere zum Nachdenken bewegen kann, das wäre ja nicht zu schlecht. Ich weiß, dass es viele Menschen bei uns in der Firma gibt, die ähnliche Touren fahren oder laufen. Aber es muss ja nicht jeder ein Rocky sein und 40 Kilometer mit dem Rad fahren. Warum fängt man nicht mit 4 Kilometern an. Jeder wie er es meint. Einfach mal was für sich tun. Nicht lange überlegen und Argumente sammeln warum es nicht geht! Das wäre doch was, oder?

Die Räder und Admiral Brommy an der Lesum


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