Geheimnisvolle Gene: Sind sie unser Schicksal?

Raubt uns die Genetik nicht die letzten Illusionen von menschlicher Freiheit? Können wir wirklich nur das werden, was wir eigentlich schon sind? Hatte nicht die Aufklärung jene Vorstellung eines von Gottes Hand gelenkten Schicksals, eines vom ersten Atemzug an unausweichlichen Karmas längst außer Kraft gesetzt? Diese Fragen stellten sich wohl einige der 230 Besucher, die am Donnerstagabend in den Großen Vortragssaal des Mercedes Benz-Museums, kamen, um sich den Vortrag „Lenken die Gene unser Schicksal?“ anzuhören. „Wir sind nicht alle gleich – und das ist wunderbar! Wären wir es, so würde sich die Partnersuche wohl äußerst langweilig gestalten“, so der Psychologe und Neurowissenschaftler Martin Reuter, Professor für Differentielle und Biologische Psychologie an der Universität Bonn zum Auftakt seiner unterhaltsamen, aber gleichzeitig sehr wissenschaftlichen und für manchen Zuhörer erkennbar bis zur Schmerzgrenze gehenden mehr als einstündigen Vortrag.

Doch in der facettenreichen Realität der nicht identischen Menschen erweist gerade die Partnerwahl ihre Tücken: „Es gibt Extro- und Introvertierte. Und man fragt sich vielleicht: Warum bin nicht so locker und draufgängerisch wie mein Kumpel? Er flirtet wild drauf los – und ich stehe stocksteif in der Ecke!“ Gerade in der Pubertät kann dies laut Reuter zu einer durchaus existenziellen Frage werden.

Für bestimmte Verhaltensweisen können sowohl die Gene als auch Lern- und Umwelterfahrungen eine maßgebliche Rolle spielen. Als ein Königsweg der Forschung gelte hier nach wie vor die Zwillingsforschung, so Reuter. Für bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, etwa Ängstlichkeit, gehe man heute von einem Anteil des genetischen Einflusses von 40 bis 50 % aus. Was psychische Erkrankungen wie Schizophrenie oder Autismus angehe, würde der Einfluss der Gene auf bis zu 70 % veranschlagt. Doch auch Tierexperimente seien aufschlussreich. Werden etwa Mäuse zehn Tage lang mit einem aggressiven Artgenossen zusammen gehalten, zeigen drei Viertel von ihnen später Verhaltensauffälligkeiten: Sie vermeiden den Kontakt mit ihnen unbekannten Mäusen. Ein Viertel hingegen scheint ein robusteres Nervenkostüm zu besitzen und interagiert zutraulich wie zuvor, sie erweisen sich als ‚resilient‘, das heißt widerstandsfähig.

„Wichtig werden solche Modelle, wenn wir nach den Ursachen von Krankheiten wie Burn-out oder Depression forschen, die gegenwärtig von großer Brisanz sind“, erläuterte Reuter. Rund neun Millionen Deutsche sind von einer psychischen Erkrankung betroffen, so eine Schätzung der deutschen Betriebskrankenkassen. Der daraus resultierende volkswirtschaftliche Schaden wird auf 7,1 Milliarden Euro pro Jahr beziffert.

Stark unterschiedliche Reaktionen auf Stress könne man auch bei Menschen beobachten. Während viele bereits einen halben Arbeitstag als erhebliche Belastung wahrnähmen, wirke etwa die Bundeskanzlerin nach einem 12-Stunden-Tag immer noch frisch und gut gelaunt. „Wir möchten Umweltfaktoren, aber auch biologische Marker identifizieren, die uns entweder widerstandsfähig oder verletzlich gegen Burn-out machen.“ Insbesondere die noch relativ junge Forschungsrichtung der Epigenetik geht der Frage nach, wie genau Umwelt und Gene miteinander agieren. „Zwar bleibt unsere genetische Grundausstattung ein Leben lang die gleiche“, erläuterte Reuter, „aber Umwelteinflüsse verändern die Ablesbarkeit von Genen und diese Veränderung kann sogar vererbt werden!“ Derzeit sammelt Reuters Forschungsteam von mehreren Dutzend Unternehmen in Deutschland Blutproben gesunder Mitarbeiter ein und untersucht im Vergleich in Kliniken Menschen, die an einem Burn-out-Syndrom leiden. Ziel dieser von der Daimler und Benz Stiftung geförderten Forschungsarbeit ist es, anhand einer weltweit einmaligen Datenbasis völlig neue Therapieformen zu entwickeln, die medizinische wie auch psychologische Behandlungsansätze ganzheitlich integrieren sollen.

Begrüßt wurden die Zuhörer von Erich Klemm, Vorsitzendem des Gesamtbetriebsrats der Daimler AG, sowie von Prof. Dr. Rainer Dietrich, Mitglied des Vorstands der Daimler und Benz Stiftung. Der Vortrag fand im Rahmen der Reihe „Dialog im Museum“ statt, die gemeinsam von der Daimler AG, der Daimler und Benz Stiftung sowie dem Mercedes-Benz Museum organisiert wird. Unter den Gästen waren neben einer Vielzahl von Mitarbeitern der Daimler AG auch Ferdinand Kirchhof, Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, sowie der Generalbundesanwalt Harald Range. Beide Juristen erläuterten im anschließenden persönlichen Gespräch, dass insbesondere die Rechtsprechung sehr stark die wissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich der genetischen Grundlagen von menschlichen Verhaltensweisen im Blick habe. Denn sollte sich herausstellen, dass der freie Wille des Menschen gar nicht existiere, hätte das gravierende Auswirkungen auf unser Rechtssystem.

Einmal mehr zeigte sich der einzigartige Charakter dieser Vortragsreihe: In der anschließenden Diskussion artikulierten mehrere Zuhörer sowohl fachliche Fragen, als auch ihre Befürchtungen im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Erklärung menschlicher Verhaltensweisen. Es antwortete ihnen ein Wissenschaftler zum Anfassen, der den Fragen nicht auswich. Reuter betonte, dass der Gesetzgeber gefordert sei, sodass die sich aus der Grundlagenforschung ableitbare Befunde – etwa in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen – nicht zu falschen Zwecken missbrauchen lassen.

Audio-Video-Podcast zur Veranstaltung „Geheimnisvolle Gene: Sind sie unser Schicksal?“


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