Sprinter-Design – mehr als nur ein Kasten

Ich kann mir in der Freizeit keine Fahrzeuge „einfach so“ ansehen. Wenn irgendjemand über ein Auto „das ist aber schön“ sagt, dann sticht mir oft irgendetwas in die Augen und ich denke „ach nö, das stört mich jetzt“.

Vielleicht bin ich in punkto Design pingelig. Mit meinem Team habe ich den neuen Mercedes-Benz Sprinter designt. „Ein Transporter“ werden Sie denken. Was gibt es denn an einem „Kasten“ optisch zu entwerfen? Jede Menge! Unser Motto bei den Transportern ist „born to run“. Also muss ich als Designer die Zuverlässigkeit, die Qualität und den Charakter eines Tools, eines Werkzeuges ‚rüberbringen. Anders als beim Pkw-Kauf gibt es bei den Kunden vielleicht nicht diese Begeisterung, das „Poah“, der Käufer, die das aufregendste Auto haben wollen. Ich vergleiche es aber gern mit dem Kauf im Baumarkt: Als begeisterter Heimwerker möchte ich die qualitativ beste und robusteste Schlagbohrmaschine kaufen, die es gibt. Und freue mich dann, wenn ich sie gefunden habe. Genau diese Emotion möchte ich sichtbar machen, wenn ich ein Nutzfahrzeug designe. Man darf nicht unterschätzen, dass die Sprinter-Fahrer auch eine emotionale Verbindung zu dem Produkt haben: Das Gefühl, dass sie ein Produkt haben, dass ihnen auf den Leib geschneidert ist, das passt. Und von außen verkörpert es Qualität und Kompetenz.

Beruflich begann ich als Ingenieur. Aber eigentlich hatte ich schon immer die Leidenschaft, zu zeichnen und zu gestalten. Ich habe meine Arbeit als Klimaanlagenkonstrukteur an den Nagel gehängt, als ich an einer Designschule angenommen wurde. Ich durfte nach Italien! Bei Pininfarina und Bertone habe ich an Pkw und Nutzfahrzeugen für Fiat, Alfa Romeo und Lancia gearbeitet. Eine Traumausbildung für mich. Danach zog es mich zu Mercedes-Benz. Im Jahr 2006 hatte ich die Möglichkeit, Chefdesigner von Freightliner in den USA zu werden. Das war für mich der Sprung zum Nutzfahrzeugdesign. Es begann die Liebe zu den Nutzfahrzeugen, auch zu den ganz großen. Ich habe den Lkw-Führerschein gemacht und war in den USA auf den Truck Stops unterwegs. Ich habe mich häufig mit Fahrern unterhalten und habe deren starke Art der emotionalen Bindung zu ihrem Truck kennen gelernt. Eine tolle Zeit! Im Jahr 2009 bin ich nach Sindelfingen zurückgekommen und habe dann dort die Verantwortung für das Design der Nutzfahrzeuge, Vans und Trucks übernommen.

Zurück zum Design des neuen Sprinter: Ganz am Anfang des kreativen Prozesses schränkt zu viel Wissen ein. Das Team zeichnet einfach drauf los, wie es den Sprinter der nächsten Generation sieht. Diese ersten entstandenen Skizzen diskutieren wir gemeinsam. Sie werden alle nebeneinander aufgehängt und dabei kristallisiert sich dann so langsam raus, was wir wollen. Danach kommt der Input von der Managementseite: „Welche Qualitäten des neuen Fahrzeugs müssen wir mit dem Design rüberbringen? Wo waren wir in der Gestaltung einen Hauch zu aggressiv oder zu freundlich? Wo waren wir „zu dicht dran, oder „zu weit weg“? Aus etwa hundert Skizzen werden zehn Entwürfe. Daraus wählen wir drei Maßstabmodelle und aus diesen machen wir zwei Modelle im Maßstab 1:1 („full scale“). Die Top zwei werden dann vom Vorstand und natürlich von Gorden Wagener (Chefdesigner Mercedes-Benz) ausgewählt. Mit dem Sieger-Design geht es dann in die Produktion des neuen Fahrzeugs.

Natürlich geht es bei einem neuen Design darum, auch die neue Technik passend zu verpacken, Gestaltungsideen in Einklang mit der Technik zu bringen. Die Proportionen sind wichtig: Wo sitzt die Kühlerbrücke, wie lang ist der Überhang, wie ist die Pfeilung, also die „Zuspitzung“ der Front mit dem typischen Mercedes-Grill? Weil wir wissen, dass Transport-Gewerbe und Fahrer vor einigen Jahren eine Art „Rowdy-Image“ hatten, sollte der neue Sprinter optisch auch nicht gerade daherkommen wie eine Maske von Darth Vader. Die Kompetenz des Fahrzeugs sollte in den Vordergrund gestellt werden, ohne aber auch auf der anderen Seite zu neutral, sprich langweilig, zu werden. Wir haben in der Mannschaft auch nicht nur Designer, sondern auch Ingenieure, um für den Kunden innovative, funktionale Ideen einzubringen: Halteösen, Dachträger, Aufbauten, Einstiegshilfen und so weiter. Und schließlich muss der neue Sprinter auch zur Mercedes-Benz Familie passen: Unser Team arbeitet deshalb an Pkw Projekten mit und die Pkw-Designer arbeiten auch an unseren Projekten mit: Wie wird die nächste S-Klasse, oder die neue A-Klasse, der nächste Actros? Mit dem Austausch gewährleisten wir, dass es ein Familiengefühl über alle Fahrzeuge gibt.

Der Sprinter war optisch schon immer sehr scharf geschnitten, hat schöne volle, kraftvolle Flächen. Und mit der jetzt noch geschärften Front wirkt es für mich so, als wäre das die noch natürlichere Gestaltung für den Sprinter als die ursprüngliche Front. Das ist bei einer Modellüberarbeitung selten, dass man den Eindruck hat: „Donnerwetter, das sieht so aus, wie es von Anfang an hätte sein müssen!“ Dieses Gefühl mag ich bei dem neuen Sprinter am meisten.

Das Fahrzeug liegt (in den meisten Konfigurationen) um 30mm tiefer. Damit sitzt es optisch natürlich deutlich besser auf der Straße, damit sind wir Designer sehr glücklich. Ein weiterer Aspekt war aber die Aerodynamik, wenn weniger Luft zwischen Boden und Straße ist, ist man aerodynamisch effektiver unterwegs. Und mit dem etwas härter abgestimmten Fahrwerk ist das Auto auch noch mal ein bisschen dynamischer unterwegs. So haben wir also mit einer einzigen Maßnahme der Aerodynamik, dem Design und dem Fahrverhalten einen Gefallen getan. Aerodynamik ist eine Wissenschaft – am meisten spielt sich dabei am Heck ab:  Am Heck gibt es einen „Absprungwinkel“ des Luftstroms und wenn man diesen einhält, dann hat man schon mal das Wichtigste zur Senkung von Verbrauch und Emissionen getan. Und auch wenn die Form des neuen Sprinter dynamischer wirkt, und durch den Kühler vorne sogar ein wenig steiler geworden ist, so hat die Aerodynamik nicht darunter gelitten. Ich glaube zwar nicht, dass Kunden sagen werden „Mensch, der Sprinter sieht jetzt aber toller aus, als meine E-Klasse, die ich privat fahre“, aber: Käufer werden merken, dass das Auto noch stimmiger wirkt.

Wenn ich persönlich überhaupt keine Design-Vorgaben hätte… dann wäre meine Vision bei Nutzfahrzeugen eine freie Skulptur. Ich würde einfach mal „drauflos“ arbeiten. Mein Hobby ist das abstrakte Malen, eine abstrakte Form zu generieren. Ich denke, dass sich über die Hybridisierung der Fahrzeuge in Zukunft technische Komponenten viel leichter irgendwo hinstecken lassen. Zum Beispiel Elektromotoren, die an der Achse oder Mitte verbaut sind. Ich würde an etwas denken, wie die Architektur von Zaha Hadid oder Frank Gehry, das Guggenheim Museum in Bilbao. Wenn ich an eine freie Skulptur denke, dann meine ich damit, einfach Formen zu kreieren. Mit ganz anderen formalen Freiheiten, etwas noch nie Dagewesenes zu schaffen. Ich würde mich an der Architektur orientieren. Mal sehen, was die Zukunft des Nutzfahrzeug-Designs bringt… ich bin sehr gespannt!


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