Von IFA zum Stern: Ein Leben in Ludwigsfelde

Aus dem schönen Spreewald hat es mich 1979 nach Ludwigsfelde verschlagen, um dort im IFA Automobilwerk eine Lehre als Karosseriebaufacharbeiter zu beginnen. Warum gerade hier hin? Als Junge haben mich Lkw schon immer fasziniert und das war meine Chance, die Produktion des Lkw W50 mitzuerleben. Schweißen, Schneiden, Bohren, Schleifen, Blechnern und auch Feilen war der Inhalt meiner zwei Ausbildungsjahre, aber auch die Theorie musste bewältigt werden. Doch das Größte für mich war der praktische Einsatz in der Produktion des Lkw W50.

Es war erstaunlich mit welchem Aufwand der W50 zusammengebaut wurde. Während der Ausbildung entdeckte ich meine Vorliebe zum Schweißen, so landete ich in der Achsschweißerei Halle 3, wo ich 1981 nach dem Abschluss meiner Lehre auch blieb. Allmählich wurde Ludwigsfelde zu meiner neuen Heimat. Hier lernte ich meine Freundin Kerstin, heute meine liebe Frau, kennen. Kerstin absolvierte damals ihre Ausbildung bei der INTERFLUG in Berlin-Schönefeld. Für mich sollte die Halle 3 für die nächsten sechs Jahre meine Heimat bleiben. In dieser Zeit machte ich auf der Abendschule meinen Meister für Maschinenbau, den ich 1985 erfolgreich abschloss. Auch die Beziehung zu Kerstin verfestigte sich und wir wurden ein Paar. Beide hatten wir in Ludwigsfelde eine 1 Raumwohnung, bloß gut. So konnten wir in der Wohnungsnot der DDR unsere Wohnungen gegen eine 2 Raum Wohnung tauschen und zusammen ziehen. Im Mai 1985 übernahm ich als Meister meine eigene Schicht, was als 22-jähriger nicht einfach war. Kerstin hat ihre Lehre in dieser Zeit beendet und arbeitete bei der INTERFLUG an der Abfertigung. Im August 1987 gab es einen schönen Tag für uns, wir heirateten.

Ende 1987 „klopfte“ die NVA (Nationale Volksarmee) der DDR an meine Haustür und ich musste für 18 Monate meinen Dienst leisten. Aber ich hatte Glück. Man steckte mich in die LKW-Werkstatt der Funkereinheit des Standortes Prenzlau, hier sah ich unseren W50 im Feld wieder. Im Mai 1988 wurde meine Tochter Sandy geboren und ich sah meine kleine Familie nur 1 bis 2 mal im Monat. Im Juni 1989 wiederkommend von der Armee wurde mir im IFA Werk die Stelle eines Kostenstellenmeisters angeboten. Ich nahm an, hier koordinierte und lenkte ich die Produktion der Achsfertigung W50, später den Nachfolger L60, in einer 3-Schicht-Produktion.

Nun holte mich der Alltag ein, Trabbi kaufen, Meisterfunktion wahrnehmen und nach einer größeren Wohnung umschauen (was uns gelang – Umzug in eine 2,5 Raum Wohnung). Bis uns 1990 die Wende erreichte, das war was! Alle Grenzen offen, Reisefreiheit und, und, und! Auch das IFA Automobilwerk ereilte die Wende. Nun ging es Schlag auf Schlag. Montag und Freitag „Kurzarbeit“, der W50 bzw. der L60 waren auf einmal nicht mehr gefragt. Auch meine Frau wurde arbeitslos und ich musste mir etwas anderes suchen, um meine Familie zu ernähren. Mein neuer Job sollte trotz alledem mit Lkw zu tun haben. So bewarb ich mich in Berlin. Ich blieb der Branche treu und wechselte die Firma. Erst als Werker und später als Schichtleiter im 3-Schicht-System verbrachte ich in diesem Unternehmen die nächsten 16 Jahre meines Arbeitslebens. Auch meine Frau fand nach einer Umschulung wieder Arbeit und es ging uns gut und wir waren glücklich. 1996 wurde unsere zweite Tochter Nadine geboren. Was haben wir seit der Wende alles gesehen, einfach toll. 1999 zogen wir in Ludwigsfelde am Stadtrand in unser Haus ein. Ein Traum ging in Erfüllung. Trotz meiner festen Arbeit  hatte ich immer ein Ohr am Autowerk Ludwigsfelde, verfolgte alle Beiträge in Presse, Funk und Fernsehen. Der Vario und der Sprinter kamen nach Ludwigsfelde, die Vaneo Produktion wurde aufgestellt. Gerne wäre ich nach Ludwigsfelde zurückgekommen. Deshalb bewarb ich mich im Werk, aber es sollten erst einmal die eigenen Mitarbeiter untergebracht werden. Die Arbeit in Berlin war akzeptabel, aber ich war unzufrieden.

Ein toller Moment, an dem ich teilhatte: Das 500.000 Fahrzeug aus dem Werk Ludwigsfelde!

2006 war es dann soweit! Über eine Leiharbeitsfirma suchte Mercedes Ludwigsfelde fachliche Aushilfskräfte für die Produktion des Sprinters für 1 Jahr. Das war meine Chance. Der Familienrat kam zusammen und wir entschieden –  „mach das, vielleicht gelingt der feste Einstieg bei Mercedes über eine Leihfirma“. Ich ging das Risiko ein und bewarb mich. Im September 2006 fand ich mich im Rohbau Sprinter an der Anbaulinie 25 wieder. Das war meine Welt, an der Karosserie schweißen, Anbauteile anbringen (Kotflügel, Motorhaube, Sitzkasten…). Das Team 25 hat mich vom ersten Tag an menschlich voll akzeptiert. Ich fühlte mich so, als ob ich nie aus dem Werk weggegangen wäre. Die Arbeit machte mir Spaß und ich ging jeden Tag gern zur Arbeit. Mein persönliches Engagement blieb nicht ungesehen, im April 2007 erhielt ich einen Festvertrag von Mercedes-Benz Ludwigsfelde, ich war glücklich und fühlte mich angekommen. Kerstin war ebenfalls begeistert. Zur Feier des Tages waren wir zum gemeinsamen Essen bei unserem Italiener. Auch bei Kerstin`s Arbeitgeber MTU lief alles bestens.

Als Teamsprecher hatte ich das Ziel Meister bei Mercedes zu werden. Der Weg sollte nicht leicht sein. Überzeugt von meinen Leistungen, schickte mich der E4 Leiter des Rohbau  2008 zum Meister AC, was ich bestand. Infolge war ich stellvertretender Meister der Linie 25. Hier lernte ich viel über das Meistergeschäft bei Mercedes. Mein Ziel zum Meister sollte trotzdem noch auf sich warten lassen. 2011 wurde ich zum MEP (Meisterentwicklungsprogramm) in unserem Werk geschickt. Nach erfolgreichem  Abschluss des MEP-Programms  Anfang 2012 bewarb ich mich für eine offene Meisterstelle in der Montage Innenausbau NCV3. Nach einigen Tagen des Bangens hatte ich die Zusage für die Stelle. Ich freute mich riesig und war am Ziel angekommen. Heute 2013 arbeite ich immer noch mit Freude und gerne in meiner Meisterposition. Die Kinder sind groß, Sandy ist aus dem Haus, Nadine ist auch schon 17 Jahre. Und meine Frau und ich hatten im vergangenen Jahr Silberhochzeit.

Im Rückblick kann ich sagen, alles richtig gemacht!

Meine berufliche Heimat: Außenansicht Werk Ludwigsfelde.


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