Lohntütenball und Pferde

75 Jahre Werk Bremen und 35 Jahre Mercedes-Benz PKW aus Bremen. „Was willst du denn da noch schreiben? Jubiläum beim Daimler in Bremen? Da sind doch die Zeitungen und das Internet schon voll mit Artikeln. Da brauchen die bestimmt nicht auch noch so einen wie dich. Da ist doch schon längst alles gesagt“.

Meine Frau ist wie immer kritisch und kann auch, wie in diesem Fall, sehr direkt sein. Als Reaktion auf meine Antwort: „Dann schreibe ich eben was über Lohntütenball und Pferde“! tippt sie sich nur an die Stirn, geht aus dem Zimmer und lässt mich allein an meiner Tastatur zurück. Natürlich hat sie Recht.

Wahrscheinlich haben schon Legionen von Journalisten das Thema „75 Jahre Werk Bremen und 35 Jahre Mercedes-Benz PKW aus Bremen“ beackert. Was soll ich da noch schreiben? Aber es gibt (mindestens) einen kleinen Unterschied zwischen den Profischreibern und mir. Sie haben vielleicht den Draht zu den wichtigen Persönlichkeiten, aber ich kenne einige der Jungs, die schon über 30 Jahre in der Firma sind und die, wenn ich mal höflich frage, die alten Geschichten gerne wieder herauskramen. Die Kollegen kriegen dann immer so einen seltsamen Glanz in den Augen, wenn sie über die guten, teilweise aber doch auch recht abenteuerlichen Anfangszeiten sprechen. Dann werden sie wieder zu den jungen Männern, die der ganzen Welt und selbstverständlich besonders den schwäbischen Kollegen zeigen wollten, dass wir auch in Bremen richtige Mercedes bauen können.

Aber der Reihe nach. Ich bekomme also einen Anruf aus Stuttgart (da kennt mich ein Kollege, weil ich mal über „Mein Leben unter dem Stern“ geschrieben habe und anscheinend keine Beschwerden kamen), ob ich nicht Lust hätte über die anstehende Jubiläumsveranstaltung zu bloggen? Ich bin zwar etwas irritiert, da wir unser klasse Fest ja schon im Sommer mit unseren Familien und Freunden gefeiert hatten, sage aber gerne zu.

Ein Anzug für den Bürgermeister

Ich bin optimal vorbereitet. Mein schwarzer Anzug sitzt perfekt und der Verkäufer hatte mir seinerzeit versichert, dass ich damit auch zum Bürgermeister gehen könnte, welcher seiner Meinung nach, bestimmt auch keinen besseren hat. Da bin ich mir zwar nicht ganz so sicher, aber genau das habe ich vor. Ich will damit zum Bürgermeister. Zur großen Jubiläumsfeier sind sie nämlich alle eingeladen. Der Bürgermeister, unsere großen Chefs und über 350 weitere Gäste aus Politik und Wirtschaft. Der Boris, der mich früher als Kind beim Tennis immer vom Platz gefegt hat, ist diesmal nicht da.

Rodeo auf der Einfahrbahn

Die Party beginnt mit einem Empfang in unserem Bremer Kundencenter. Hier werden jeden Tag viele Menschen glücklich gemacht, wenn sie ihren neuen Mercedes selber abholen. Mein Praktikant würde diese, große, helle Halle aus Stahl und Glas, wahrscheinlich eine „Coole Location“ nennen. Ich bin einer der ersten und setze mich etwas abseits, um zu sehen, wer denn da so aufläuft. Wie gesagt, es ist eine geschlossene Gesellschaft und ich hoffe, dass mich niemand anspricht und fragt, was ich hier will. Wie ich denn da so rumsitze, kommt auch schon eine hübsche, junge Dame direkt auf mich zu. Klar, denke ich, die hat sofort erkannt, dass ich nicht dazu gehöre und will mich jetzt rausschmeißen. Einen Presseausweis habe ich sowieso nicht, aber wenn es eng werden sollte, hatte mir der Mann aus Stuttgart gesagt, könnte ich seinen Namen nennen und dann würde alles gut werden. In welchem Film habe ich das bloß schon mal gesehen?

Egal, ich nehme noch einen letzten Schluck aus meinem Glas und warte darauf was passiert. Die junge Dame lächelt mich an und fragt, ob ich nicht Lust hätte, sie nach draußen zu einem Rodeo zu begleiten. Mein letzter Schluck Cola weigert sich plötzlich den Naturgesetzen zu folgen und bleibt mir förmlich im Halse stecken. Die Dame lächelt weiter und bittet mich, ihr Angebot nicht falsch zu verstehen. Nein, natürlich nicht, was sollte ich denn an der Frage auch missverstehen? Außerdem werde ich fast täglich von schönen Frauen angesprochen, die mich zu einem Rodeo einladen.

Meine Mama hat früher immer gesagt: „Die Gedanken sind frei“, womit sie natürlich absolut recht hatte, blöd nur, wenn die eigene Gesichtsfarbe mehr als deutlich zu erkennen gibt, in welche Richtung die Gedanken gerade gehen.  Wenn sie also im Bremer Kundencenter so ein Angebot bekommen, sollten sie auf jeden Fall zugreifen. Es ist in keinster Weise anzüglich, oder verwerflich gemeint. Ganz im Gegenteil. Sie haben dann nämlich die einmalige Chance, mit einem professionellen Fahrer über unsere werkseigene Einfahrbahn zu brausen. Natürlich in einem schönen Mercedes. Ich nehme das Angebot an. Draußen stehen drei neue S-Klassen samt Fahrer und ich wähle selbstverständlich die schwarze. Wir fahren auf die Steilkurve zu und dann wird mir klar, warum das hier „Rodeo“ genannt wird.

Die Kräfte, die jetzt bei nur Tempo 80 auf mich einwirken, sind total irre. Ich werde in den Sitz gepresst, mein Kopf weigert sich meinen Befehlen zu folgen und meine Gesichtszüge scheinen sich zu verabschieden. Der Fahrer neben mir lächelt nur, er macht das hier jeden Tag. Wir drehen ein paar tolle Runden auf dem „Stier“ und dann schwanke ich zurück zur Party.

Nein, nicht zur Party, das war doch nur der Empfang. Mit Bussen geht es jetzt zum Gebäude 66, unserer Werkzeugschmiede. Während der Fahrt wird mir noch einmal bewusst, wie riesig unser Werk doch ist. Die Halle 66 in der sonst die Kollegen drehen, fräsen, schweißen und bohren, ist nicht wieder zu erkennen. Überall stehen unsere Autos aus den letzten 35 Jahren und die tolle Beleuchtung tut ein Übriges. Und dann der Geruch, wer mit Stahl und Metall groß geworden ist, weiß was ich meine. Ich habe meine Berufsausbildung als Schlosser begonnen und wie von unsichtbaren Kräften angezogen, gehe ich auf eine der Werkbänke zu. An so einer habe ich damals als jünger Hüpfer, mal angefangen. Wahnsinn!

Der Festakt

Vor der großen Bühne sind die Stühle aufgebaut und die Herrschaften nehmen Platz. Ich halte mich wieder etwas im Hintergrund, aber dann hat mich doch jemand entdeckt, unser Abteilungsleiter. „Hey HDW, was machst Du denn hier? Ich habe dich eben schon im Kundencenter gesehen“. Er weiß natürlich, dass hier nur die oberen Führungskräfte und die bereits erwähnten Gäste eingeladen sind und ist entsprechend neugierig warum ich hier rumlaufe. Ich antworte fast wahrheitsgemäß: „Ich habe mir einfach einen schwarzen Anzug angezogen und bin hier rein marschiert. Es hat mich niemand aufgehalten“. Mit dem Humor ist es so eine Sache und meiner scheint eher etwas trocken zu sein. Jedenfalls ernte ich nur erstaunte Blicke. Deshalb gebe ich mich als Blogger für das Daimler-Blog zu erkennen. Ach so! Aber der Spruch mit dem Anzug wird an diesem Abend mein Running Gag, denn ich sollte noch öfter angesprochen werden.

Dann geht es los. Es kommen die Ansprachen aller wichtigen Persönlichkeiten und Herr Dr. Zetsche berichtet unter anderem, dass er seinen Bart verwettet hat. Ich habe nicht genau verstanden um was es ging, aber sollte er plötzlich ab sein, werden wir es bestimmt mitbekommen. Das hat dann auf jeden Fall was mit Bremen zu tun. Dann folgt eine kleine Sensation: Herr Borgward (natürlich von einem Schauspieler gedoubelt), kommt in der legendären Borgward Isabella auf die Bühne gefahren. Seine Assistentin wird von der Kollegin Karin gespielt. Das Publikum ist begeistert. Vor 75 Jahren hat er mit den „Carl F.W. Borgward Automobil- und Motorenwerken“ hier den Anfang unseres Werkes begründet. Die alten Hallen stehen heute unter Denkmalschutz und bringen aktuell Autos wie den SL und den SLK hervor.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, am meisten freue ich mich über die Anwesenheit vom ehemaligen Bremer Bürgermeister Hans Koschnik. Er war es vor über 35 Jahren, nach dem Zusammenbruch von Borgward, der die Weichen zur Ansiedlung von Mercedes-Benz und zum Ausbau des Bremer Werkes gestellt hat. Übrigens gegen den Widerstand und entgegen den negativen Prognosen vieler Leute in der damaligen Zeit. Ohne ihn, hätte es diese Feier heute wohl nicht gegeben.

Die Bühne wird umgebaut und die Bremer Philharmoniker nehmen Platz. Zu klassischer Musik läuft ein Film über die riesige Leinwand. Und bei mir laufen die letzten 28 Jahre meines Arbeitslebens vorbei. Da sind sie alle wieder. Die ganzen Modelle die wir hier in Bremen bauen und in den letzten 35 Jahren gebaut haben. Limousinen, Kombis, Coupés, Cabrios, GLK, Roadster. Über 6 Millionen Fahrzeuge haben wir hier schon gefertigt. Kann sich das einer vorstellen? Ich werde ganz sentimental. Das tolle Orchester tut sein Übriges. Abwechselnd bekomme ich eine Gänsehaut und mir wird heiß. Zum Glück ist es nicht zu hell und keiner sieht, wie meine Augen glasig werden. Mann, sind das Emotionen, aber ich kann mir vorstellen, dass es nicht nur mir so geht. Dann kommen einige Kollegen und halten Kotflügel, Motorhaube und andere Blechteile in den Händen. Andere trommeln darauf herum. Ist das jetzt eine Art Demo? Nein, das sind die „Groove Onkels“, unterstützt von einigen Kollegen, mit ihrer Percussion-Show.

Die Party

Dann geht es zum gemütlichen Teil über: Die Party beginnt. Der DJ hat sein Equipment in einer riesigen Presse aufgebaut und sorgt für eine entspannte Atmosphäre. Ich suche mir einen netten Platz neben einem der vielen ausgestellten Autos und genieße einfach nur. Nun denke ich an die vielen Geschichten die mir die Kollegen in den letzten Tagen erzählt haben. Also, was war das denn jetzt mit dem Lohntütenball und den Pferden? Wie gesagt, die Anfänge im Werk waren teilweise schon ein wenig abenteuerlich. Es war eben eine andere Zeit. Der Lohn wurde noch wöchentlich ausbezahlt und den Arbeiterinnen und Arbeitern in der berühmten Lohntüte mitgegeben. Onlinebanking? Hä? Nein, so was gab es früher natürlich nicht. Nur Bares war Wahres.

Allerdings gab es auch damals, genau wie im Wilden Westen, schon Kneipen. Und genau gegenüber dem Werkstor lag die legendäre Kneipe von Müller. Der Kneipier war sehr geschäftstüchtig und manche  Kollegen waren sehr durstig. Sobald nach Feierabend die Sirene hupte und sich die Schranke am Tor öffnete, strömten die Jungs zu Müller. Auf der großen Theke standen bereits die Biere und Schnäpse für den ersten Ansturm. Und der kam garantiert. Der Wirt brauchte nur noch Striche machen und natürlich nachschenken. Tja, und wie das im Leben so ist, hatte manch einer mehr Striche auf seinem Deckel gehabt, als am Wochenende Geld in der Lohntüte steckte.

Und damit nicht alles Geld, dass die Familie zum Leben brauchte, gleich bei Müller über den Tresen wanderte, warteten eben einige Ehefrauen am Tor, wenn es wieder hieß: „Heute ist Lohntütenball. Ab zu Müller.“ Den armen Männern wurde dann von der Ehefrau die Tüte mit dem Geld abgenommen und mit gesenktem Haupt ging es nach Hause, anstatt mit den Kollegen in die Kneipe. Am nächsten Wochenende haben dann die ganz schlauen einen anderen Ausgang genommen und sind auf einem Umweg zur Kneipe gelangt. Dann standen die Frauen vor dem Tor aber der durstige Ehemann tauchte nicht auf. Was sich vielleicht ganz lustig anhört, war für die betroffenen Familien schon sehr tragisch. Denn Miete und Brot gab es selbstverständlich auch damals nicht umsonst. Irgendwann schloss der Müller seine Kneipe und nicht nur die Ehefrauen waren froh darüber.

Noch eine Geschichte

Auf der Arbeit gab es damals einige Originale, deren Ruf über die eigene Halle und Schicht hinausgingen. Da war mal ein Meister, der bei unangenehmen Fragen seiner Mitarbeiter, immer folgenden Spruch parat hatte: „ Das Pferd habe ich euch gegeben, reiten müsst ihr alleine“. Das ging dann solange gut, bis ein pfiffiger Kollege antwortete: „Meister, ich glaube du solltest aber trotzdem mal herkommen, das Pferd scheint krank zu sein.“ Da war der Meister mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Ob der Spruch: „ Man muss kein Pferd gewesen sein, um ein guter Jockey zu werden“, auch von diesem Meister stammt, ist nicht überliefert.

Es gibt natürlich tausende Geschichten, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Vielleicht schreibe ich mal ein Buch drüber. Die Zeit vergeht und  aus den Lautsprechern kommt von Matt Bianco „Half a Minute“. Ich blicke zur Isabella die neben mir steht und denke, dass mein Vater damals bei Borgward vielleicht genau an diesem Auto die Kotflügel geschliffen hat. Wer weiß? Nicht eine halbe Minute, nein, fast ein halbes Leben liegt dazwischen. Ich werde wieder sentimental und es wird Zeit nach Hause zu fahren. Als ich draußen vor der Halle auf den Shuttle Bus warte, der mich auf die andere Seite des Werkes zu meinem Auto bringen soll, kommt ein Mann auf mich zu und begrüßt mich. Er fragt nicht was ich hier mache, aber beim Klang seiner Stimme fällt mir wieder ein, was er vor fast 30 Jahren, bei meiner Einstellung zu mir und den anderen neuen Kollegen gesagt hat: „Meine Herren, und das schreiben sie sich gefälligst hinter die Ohren: Sie sind hier jetzt bei Mercedes. Hier wird Qualität gebaut und zwar jeden Tag. Verstanden?“ Und wie im Chor haben wir geantwortet: „Jawohl Chef!“


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