„Wings on Wheels“ – Hilfstransport für Syrien

Der erste Satz, heißt es oft, sei das Entscheidende an einem Buch. Oder an einem Artikel. Doch wo soll man beginnen, wenn einhundert Eindrücke und Gedanken im Kopf wirbeln und kaum Zeit ist, die vielen Impressionen zu sortieren? Vielleicht ist es am besten, chronologisch zu berichten.

Vor nicht einmal drei Wochen erreichte mich eine Anfrage der Nutzfahrzeug-Presseabteilung der Daimler AG, ob ich mir vorstellen könnte, einen „angedachten“ Hilfskonvoi an die türkisch-syrische Grenze medial zu begleiten. Selbstverständlich sagte ich zu, in der Hoffnung, die schon geplanten Termine und Jobs irgendwie verschieben oder an Kollegen delegieren zu können.
Die Selbstverständlichkeit erklärt sich aus einem Projekt, das mich im vergangenen Jahr beschäftigt hat und sicher weiterhin beschäftigen wird: Die Fotoserie „Zohre escaped.“, in der es um den Problemkreis Flucht, Vertreibung, Migration und Neuanfang geht.

Im Juli traf ich das Geschwisterpaar Ahmad und Hannadi, die seit fast eineinhalb Jahren in Deutschland leben. Bei einem Luftangriff auf ihr Dorf wurden die beiden Jugendlichen schwer verletzt, sie erlitten vor allem Verbrennungen. Bei Hannadi waren 85 Prozent der Haut verbrannt. Beide überlebten nur, weil sie dank mehrerer Zufälle rechtzeitig nach Deutschland gebracht wurden und dort intensivmedizinisch behandelt wurden. Und kurz bevor die Anfrage aus Stuttgart kam, veranstaltete ich im Rahmen einer Fotoausstellung einen Informationsabend zum Thema Syrien, bei dem einige Flüchtlinge aus dem geschundenen Land zu Gast waren und über ihre Erlebnisse berichteten.

Das Syrien-Drama

Als bereits feststand, dass der Hilfskonvoi am 19. September in Frankfurt starten würde, traf ich mich noch mit einem Syrer, der inzwischen nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland ist in seine Heimat zurückgekehrt ist. Auf dem Handy hatte er einige Bilder aus Syrien gespeichert. Höhlen, in denen Menschen unter unvorstellbaren Bedingungen vegetieren und nicht viel mehr versuchen, als über den nächsten Tag zu kommen. Auf dem Papier ist der Unterschied zwischen Höhle und Hölle ja gerade einmal ein Buchstabe. Er erzählte von den Folterungen, der Scham der Menschen, die hungern und versuchen, das selbst vor guten Freunden oder nahen Verwandten zu verstecken.

Von Babys, die sterben, weil die Eltern keine Möglichkeit haben, Nahrungsmittel zu besorgen. „Schließ’ deine Augen und denk’ einen Augenblick darüber nach, wie lange ein Mensch aushalten kann zu sehen, was wir in den letzten Monaten gesehen haben,“ sagte er schließlich. Müde, nervös und mit dem Gedanken daran, dass er seine Frau und die Kinder, die bei unserer Unterhaltung mit dabei waren, vielleicht nicht wieder sehen wird. Und wenn doch, dass er sein Leben lang an dem leiden wird, was in den vergangen Monaten um ihn herum passiert ist. Es ein seltsames, unwirkliches Gefühl ist das, sich von jemand zu verabschieden und zu wissen, dass die Chancen, sich wieder zusehen, nicht unbedingt gut stehen.

Das Thema Syrien beschäftigt mich schon einige Zeit – und fast ebenso lange die Frage, was die Syrer eigentlich angestellt haben, dass man ihnen in Europa größtenteils mit achselzuckender Gleichgültigkeit begegnet. Kurz vor unserer Abfahrt klassifiziert das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen das syrische Drama als eine der größten humanitären Katastrophen der letzten Jahrzehnte. Unvorstellbare sieben Millionen Menschen sind auf der Flucht, zwei Millionen davon fanden in den Nachbarländern Zuflucht, also vor allem in der Türkei, im Libanon und in Jordanien.

Folgt dieser Feststellung ein kollektiver Aufschrei, eine konzertierte Hilfsaktion, etwas, was sich mit der Hilfe für Rumänien vergleichen ließe, die half, dem Land nach dem Sturz des sozialistischen Regimes über die ersten Monate hinwegzukommen? Deutschland hat sich bereit erklärt, 5000 davon aufzunehmen – auf der Reise nach Frankfurt höre ich die Meldung, dass Chemikalien, die für die Herstellung von Giftgas verwendet werden können, vor Jahren aus Deutschland in den Nahoststaat geliefert wurden.

Der Hilfskonvoi

Es ist eine private Hilfsaktion, die am Tag vor dem Weltkindertag Akzente setzt und den bislang größten Hilfskonvoi aus Europa in Richtung Nahost in Bewegung setzt. „In nur sechs Sekunden“ habe Daimler entschieden, das Projekt der Hilfsorganisation Luftfahrt ohne Grenzen zu unterstützen, erklärt deren Präsident Frank Franke heute vor der Abfahrt in Frankfurt. Elf Sattelzüge voll beladen mit Hilfsmaterial werden unter dem Motto „Convoy of Hope – Wings on Wheels“ in Richtung Gaziantep geschickt, in die Großstadt unweit der türkisch-syrischen Grenze. Unter anderem dabei:

  • Babynahrung für eine Million Kinder
  • Decken, Zelte die einigen Flüchtlingen helfen werden, den Winter zu überstehen,
  • Rollstühle,
  • zwei voll ausgestattete Mercedes-Benz Sprinter-Krankentransporter,
  • sieben mobile Krankenstationen
  • Medikamente  für 70.000 Menschen, für drei Monate
  • Impfstoffe für 50.000 Kinder
  • Winterbekleidung für 40.000 Menschen

In der Türkei werden zwei weitere Trucks zum Konvoi stoßen auf denen unter anderem Nahrungsmittel wie Zucker und Mehr geladen sind. LOG-Präsident Franke: „Es hat ja wenig Sinne, etwas in die Türkei zu fahren, was wir ebenso gut dort kaufen können.“

Der Konvoi startet auf dem Frankfurter Messeglände, die Polizei sorgt mit einem Großaufgebot an Beamten und professioneller Routine dafür, dass die Trucks und ihre Begleitfahrzeuge in geschlossener Formation vom IAA-Messegelände auf die Autobahn gelangen – und dann sind wir unterwegs in Richtung Syrien. Die Fahrer der Lastwagen sind erfahrene Profis, sie kommen vom türkischen Logistikdienstleister Ekol. Die Trucks stellte Mercedes-Benz Charter Way.

Elf moderne Mercedes-Benz Actros Sattelzugmaschinen in Euro VI-Ausführung mit 421 PS. Die Route – ein Déjà-vu: Die Strecke über Passau, Wien und Budapest bildete fast auf den Tag genau vor genau zehn Jahren die ersten Etappen des großen Daimler-Konvois „Karawane der Hoffnung“, mit dem tonnenweise Hilfsgüter nach Afghanistan gebracht wurden. Nochmal einige Jahre davor fuhren wir auf den gleichen Straßen etliche Male nach Rumänien, ebenfalls voll beladen mit Hilfsgütern für die leidenden Menschen, die in den Jahren der Diktatur beispielsweise mit manipulierten Wetterberichten dazu gebracht werden sollten, in der kalten Jahreszeit weniger zu frieren. Die erste Nacht verbringen wir in Nickelsdorf, am Grenzübergang von Österreich nach Ungarn.

Am Sonntag spätestens wollen die türkischen Trucker in Istanbul sein, sie kennen die Strecke ja mehr oder weniger auswendig. Dann folgen die letzten tausend Kilometer bis nach Gaziantep. Auf diesem Abschnitt werden wir am Ufer eines unwirklich schönen Salzsees entlang fahren, schroffe Gebirge queren, Minarette und Schäfer und sehen: Im vergangen Jahr bin ich die Strecke gefahren, um das Transportunternehmen Tören Gida in Gaziantep zu besuchen, das kurz zuvor mehr als 200 Mercedes-Benz Actros Sattelzugmaschinen gekauft hatte. Die Eindrücke diesmal werden wohl weniger unbeschwert sein. Auch wenn wir das Drama nur aus sicherer Entfernung beobachten können: Am Tag unserer Abfahrt werden heftige Scharmützel aus der Grenzregion gemeldet. Die Frau des Syrers erzählt am Telefon, inzwischen seien auf beiden Seiten zahlreiche ausländische Kämpfer zugange, man wisse nicht mehr, wer wo gegen wen kämpft.

Das Team

Hier geht’s zur Fortsetzung.

Anmerkung der Redaktion: Weitere Eindrücke zum Hilfskonvoi auf unseremFotoblog: “Wings on wheels-Hilfe für Syrien”

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Über den Autor:

Richard Kienberger beschäftigt sich als freiberuflicher Journalist vor allem mit Themen aus der Transportbranche. Seine Reportagen, für die er weltweit unterwegs ist, werden regelmäßig von zahlreichen Fachzeitschriften sowie Corporate-Publishing-Medien in ganz Europa publiziert. Darüber hinaus arbeitet er für renommierte Unternehmen aus der Nutzfahrzeugbranche. In Kooperation mit der Daimler AG porträtierte der Fotograf und Textautor 2012 in dem Buch „Horn Please – Bitte hupen“ deren neu gegründete indische Nutzfahrzeugtochter DICV und beschäftigte sich mit der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Indien sowie den Besonderheiten des dortigen Transportmarkts. 2005 veröffentlichte Kienberger den Reportageband „Hammermenschen“, in dem sich ebenfalls seine langjährige Leidenschaft für den indischen Subkontinent spiegelt. In dem Buch geht es um indische Männer und Frauen, die ihren Lebensunterhalt vorwiegend mit einem Hammer verdienen. Sein aktuelles Buch- und Ausstellungsprojekt beleuchtet unter dem Titel „Zohre escaped.“ den Themenkreis Flucht, Migration, Vertreibung, Migration und Neuanfang. Weitere Informationen unter www.richard-kienberger.de


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