Sind unsere Gedanken wirklich frei? Die Hirnscanner kommen.

Ist es mittels moderner Technologie möglich, einem Menschen unmittelbar ins Gehirn zu blicken? Können wir allein anhand der beobachteten Gehirnaktivität feststellen, was er denkt, was er fühlt? Oder welche geheimen Pläne und gar perfiden Absichten er hegt? Der Hirnforscher und Psychologe John-Dylan Haynes beschäftigt sich seit Jahren mit den Grundlagen bewusster sowie unbewusster Informationsverarbeitung und gilt international als einer der Pioniere auf diesem Forschungsgebiet. „Tatsächlich ist jeder geistige Inhalt auch 1:1 durch die Gehirnaktivität codiert“, stellte Haynes fest. „Es handelt sich nicht um zwei getrennte Sphären. Die mentale und die neuronale, also die körperliche Aktivität sind eine Einheit. Im Prinzip dürfen wir uns dies vorstellen wie bei einer CD, bei der die Musik durch eine Spur codiert wird.“ Wäre es also möglich, diesen Gehirncode zu knacken, so ließen sich die Daten aus einem menschlichen Gehirn genauso klar und präzise auslesen wie ein Musikstück aus seinem Tonträger.

270 Besucher hörten am 23. Juli im Mercedes-Benz Museum seinen Vortrag „Gedankenlesen. Wie uns Spuren im Gehirn verraten“. Begrüßt wurden sie von Dr. Claus Ehlers, Centerleitung Fahrzeugkonzepte und Zukunftstrends der Daimler AG, und Prof. Dr. Rainer Dietrich, Mitglied des Vorstands der Daimler und Benz Stiftung. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe „Dialog im Museum“ statt, die gemeinsam von der Daimler und Benz Stiftung, der Daimler AG und dem Mercedes-Benz Museum veranstaltet wird. John-Dylan Haynes ist Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging und hat seit 2006 eine Professur am Bernstein Center der Charité in Berlin inne. Zuvor leitete er die Forschungsgruppe „Aufmerksamkeit und Bewusstsein“ am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

Eine einfache Form des Gedankenlesen betreiben wir ganz alltäglich, indem wir unsere Mitmenschen beobachten: „Einen ersten Eindruck, was unser Gegenüber fühlt und denkt, vermitteln uns seine Mimik und seine Körpersprache“, so Haynes. Doch komplexe Vorstellungen oder verborgene Absichten ließen sich auf diese Weise nicht ermitteln. Diesen versucht der Berliner Wissenschaftler mithilfe der Technik auf die Spur zu kommen. Lösen Versuchspersonen in einem Magnetresonanz-Tomografen bestimmte Aufgaben, so reagiert ihr Gehirn mit spezifischen Aktivitätsmustern. Tatsächlich gelingt es mittlerweile, diese Muster zu interpretieren – das heißt ihnen Inhalte zuzuordnen. So vermag Haynes’ Team anhand der beobachteten Gehirnaktivität recht genau vorherzusagen, ob ihre Testperson an ein Gesicht, ein Haus, einen Stuhl oder einen Schuh denkt. „Die methodischen Grundlagen sind die dabei gleichen, wie sie bereits im Zweiten Weltkrieg mit der Verschlüsselungsmaschine ENIGMA zum Einsatz kamen. Wir trainieren den Computer mittels bestimmter Algorithmen darauf, Muster zu erkennen und zu interpretieren. Dieses Verfahren der Mustererkennung wird bereits bei der Identifizierung von Fingerabdrücken eingesetzt und lässt sich mit gutem Erfolg übertragen.“ In Japan gelang es Wissenschaftlern sogar, Traumbilder zu decodieren und dabei eine Aussage zu treffen, ob der Trauminhalt ein Tier oder ein Werkzeug darstellte.

Auch vermögen die Forscher oft schon Sekunden früher eine Entscheidung vorherzusagen, bevor der Proband sich selbst bewusst ist, welche Entscheidung er treffen wird. Bei einem Experiment, bei dem die Versuchsperson frei entscheiden sollte, ob sie zwei Zahlen addieren oder subtrahieren wird, konnte Haynes’ Team mit 70%-iger Wahrscheinlichkeit vorhersagen, welche Entscheidung getroffen wird. „Das Gehirn hat bereits eine Entscheidung angebahnt, ohne dass wir davon wüssten. Wir sind von ihm bereits in eine Bahn gelenkt, und das Bewusstsein von dieser Entscheidung folgt ihr oft erst Sekunden später hinterher.“

Zwar gebe es derzeit bereits viele erstaunliche Resultate, aber die Hürden für eine Anwendung in der Praxis blieben noch hoch. So können komplexe gedankliche Inhalte nicht isoliert von der Situation, in der sie entstehen, betrachtet werden. Auch zeigen Gehirnmuster individuell stark unterschiedliche Strukturen, sodass es lange dauere, sie dem Computer ‚anzutrainieren‘. Kritisch steht Haynes deshalb auch kommerziellen Angeboten von Neuromarketing oder der Lügendetektion mittels Gehirnscannern gegenüber. Ein Beweis ihrer Tauglichkeit stehe aus, einer wissenschaftlichen Überprüfung vermögen sie kaum standzuhalten.

„Ein universelles Gedankenlesegerät existiert derzeit noch nicht, und das ist eine erfreuliche Tatsache“, lautete sein Resümee. „Die mentale Privatsphäre gilt es zu beschützen, denn sie ist es, was uns als Menschen ausmacht. Unsere geheimsten Gedanken müssen auch in Zukunft uns ganz allein gehören. Das gläserne Gehirn, ein gläserner Mensch, das wünsche ich mir auf keinen Fall!“

Den Podcast zum Vortrag von Prof. Haynes finden Sie auf der Seite der Daimler und Benz Stiftung. Einen weiteren Beitrag der Reihe „Dialog im Museum“ gibt es auf dem Daimler-Blog.

Fotos Copyright: Wölffing/ Daimler und Benz Stiftung


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