Gastbeitrag: Die Verwandlung – Von Karl-Otto Völker zu Gottlieb Daimler

Als Schorndorfer hat mich Gottlieb Daimler mein Leben lang begleitet: In der Schule, die seinen Namen trägt, bin ich jeden Morgen an seinem Charakterkopf vorbeigekommen. Im „Daimler-Stüble“, einer echt schwäbischen Wirtschaft in seinem Geburtshaus, habe ich mit meinen Eltern den besten Kartoffelsalat der Welt genossen. Aber auch sonst kommt in Schorndorf niemand an Daimler vorbei: Daimler-Straße, Daimler-Apotheke, Daimler-Denkmal und Daimler-Saal.

Seit dem Automobilsommer 2011 beschäftige ich mich intensiv mit dem berühmtesten Sohn unserer Stadt. Das war schließlich auch notwendig, um mich bei meinen Stadtführungen „Auf den Spuren eines genialen Erfinders: Gottlieb Daimler und seine Heimatstadt Schorndorf“ mit Gehrock, Melone und Stock in Gottlieb Daimler zu verwandeln. In der Zwischenzeit bin ich fester Bestandteil des Stadtbildes geworden. Wenn ich mit Gruppen in der historischen Altstadt unterwegs bin, werde ich häufig mit „Grüß Gott, Herr Daimler“ gegrüßt. Viele die mich zum ersten Mal sehen, schauen mich an, als sei ich aus der Zeit gefallen. Stimmt ja auch. Erstaunt bin ich immer wieder, wenn Besucher nicht wissen, dass der geniale Erfinder und Bäckersohn in der Schorndorfer Höllgasse das Licht der Welt erblickt hat.

So war es auch, als ich am Schorndorfer Bahnhof eine Gruppe von Burschenschaftler aus der Schweiz abgeholt habe. Die wollten es erst gar nicht glauben, dass ich der Gottlieb Daimler bin. Dann sind sie mir aber fasziniert auf seinen Spuren gefolgt: Vom Geburtshaus mit der Gedenkstätte, zum Daimler-Denkmal hinter dem Rathaus, bis zur Stadtkirche, in der Daimler getauft und konfirmiert wurde und zur  Lateinschule, die Daimler besuchte.  Nicht vergessen werde ich eine Seniorengruppe aus dem schwäbischen Herrenberg. Eine Teilnehmerin war so bibelfest, dass sie mir exakt die Fundstelle seines Konfirmandenspruches in der Bibel sagen konnte. Überhaupt ist es unheimlich spannend mit den Teilnehmern der Führungen ins Gespräch zu kommen und auch darüber zu diskutieren, wer jetzt eigentlich der Erfinder des Automobils ist: Gottlieb Daimler oder Carl Benz?

Bei meinen Führungen in Schorndorf oder auch in Bad Cannstatt ist mir immer wichtig, das Leben Gottlieb Daimlers in den Kontext der Zeitgeschichte zu stellen. Gottlieb Daimler kam am 17. März 1834 zur Welt. Er wurde in eine Welt geboren, die von Elend und Hungersnöten geprägt war. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird das junge württembergische Königreich von zwei großen Hunger- und Wirtschaftskrisen heimgesucht, die auch die Schorndorfer Bevölkerung schwer treffen. Kein Wunder, dass damals viele nach Amerika auswanderten. Der Schorndorfer Stadtpfarrer schrieb 1850 in einem Bericht: „Die Hälfte der Schorndorfer Bevölkerung ist verarmt, die meisten davon total“. Der Vater von Gottlieb Daimler konnte mit seiner Bäckerei und der angeschlossenen Weinstube die sechsköpfige Familie nur schwer über Wasser halten.

In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zeichnete sich aber auch schon der Beginn der Industriealisierung am Horizont ab. Für den jungen Gottlieb begann 1848 der Ernst des Lebens. Im Nachbargebäude absolvierte er mit Erfolg eine vierjährige Lehre zum Büchsenmacher. Beim Büchsenmachermeister Wilke eignet sich Daimler alle Fähigkeiten an, die die Präzisionsmechanik verlangt und die auch später bei der Konstruktion der Motoren entscheidend sein wird. Schon in der Büchsenmacherwerkstatt beschäftigt er sich mit jenem technischen Grundprinzip, das ihn sein Leben lang begleiten wird: der Kraft und Wirkungsweise einer Explosion in einem zylinderförmigen Gehäuse. Mit 18 Jahren verlässt Daimler seine Heimatstadt zunächst in Richtung Stuttgart. Ein bewegtes Leben nimmt seinen Lauf. An seinem Ende wird eine Erfindung stehen, die die Welt verändert. Den Siegeszug der Automobilmarke mit dem Stern hat Gottlieb Daimler nicht mehr erlebt. Der Erfinder stirbt am 6. März 1900. Bei meiner Verwandlung von Karl-Otto Völker zu Gottlieb Daimler habe ich so viel Wissen über das Leben von Daimler angehäuft, dass daraus ein ganzes Buch geworden ist: „Gottlieb Daimler – Ein bewegtes Leben“, erschienen im Silberburg-Verlag, Tübingen.


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