Mein Leben unter dem Stern

„Gerhardt & Buck: Türen ruck zuck“. Das war der Leitspruch in meiner Ausbildungsfirma. Anfang der 1980er Jahre bin ich mit einem Altgesellen nach Bremen gefahren. Wir hatten auf dem gelben Mercedes-Transporter einen Stapel Stahltüren und sollten diese in dem neuen Daimler-Benz Werk einbauen.

Das haben wir damals auch getan und noch heute, mehr als 30 Jahre später, gehe ich manchmal durch eine dieser Türen, die ich als kleiner Lehrjunge mit eingebaut habe. Dass ich eines Tages hier im Werk arbeiten würde, konnte ich natürlich derzeit noch nicht ahnen.

Aber 1985 fing ich, mit einem Zeitvertrag ausgestattet, in der Montage der Halle 9 an. Wir bauten gerade die ersten 190er. Für mich war das eine riesige Umstellung, vom kleinen Stahlbauunternehmen hin zur großen Fabrik.

Mit der Arbeit am Montageband bin ich zunächst nur sehr schwer klar gekommen und hätte mich anfangs auch nicht beschwert, wenn ich nach den 6 Monaten nicht übernommen worden wäre. Allerdings war mein alter Chef, ob meines Arbeitgeberwechsels, nicht mehr gut auf mich zu sprechen und so war ich dann doch heilfroh, als ich unbefristet übernommen wurde. Auch wenn das jetzt ein bisschen dicke klingt, aber ich kann sagen: „Beim Daimler anzufangen war eine der wichtigsten und besten Entscheidungen in meinem Leben“.

Mein nächstes Ziel war der Meisterbrief und eine entsprechende Stelle. Von einigen Kollegen kamen gute Ratschläge: „Bist du bescheuert, jetzt noch mal zur Schule zu gehen? Hier werden doch auf Jahre hinaus keine Meister mehr ernannt“! Aber man muss nicht immer auf andere hören und so bin ich dann trotzdem schichtbegleitend zur Meisterschule gegangen. Beim Anlauf des W202 (die erste C-Klasse) war es dann fast soweit. Kommissarisch eingesetzt, bekam ich meine erste Stelle als Gruppenmeister. Allerdings nicht zu lange. Im Werk wurde umstrukturiert und ich wurde nicht ernannt.

Ich lag förmlich am Boden, als mich ein Traumauftrag erreichte: Anlauf W202 in den USA unterstützen!
Also flog ich 1993 nach Los Angeles in unser dortiges VPC (Vehicle Preparation Center). Hier werden unsere über Bremerhaven verschifften Fahrzeuge noch einmal überprüft, bevor sie an die Dealer der Westküste ausgeliefert werden. Es war November und in Deutschland hatten wir entsprechendes Wetter. In LA saß ich nach Feierabend noch draußen im Hotelpool um mich abzukühlen! Das war eben California. Ich hatte sogar meinen eigenen „Dienstwagen“ einen 190E 2.6 mit 6 Zylindern. Damit konnte ich am Wochenende nach San Francisco oder Las Vegas fahren. Das war schon was. Die Zeit ging natürlich viel zu schnell vorbei und nach drei Wochen war ich wieder zuhause bei Frau und Kind.

Meine nächste Station hieß Schulungszentrum. Die Zeiten hatten sich geändert und die Modellpalette unserer Fahrzeuge ebenfalls. Jetzt gab es nicht nur eine C-Klasse Limousine, nein, hinzu kamen Kombi, Coupé und Cabrio. Und natürlich bauten wir in Bremen auch den SL und den SLK. Plötzlich hatten wir im Werk viele neue Modelle und fast jedes Jahr kam ein Neuanlauf hinzu. Somit war die Entscheidung ein Schulungszentrum aufzubauen, mehr als sinnvoll. Ich wurde also ein „Schuler“. Zusammen mit einigen Kollegen sollten wir dabei helfen, die neuen Modelle in die Montagen zu bringen und die Mitarbeiter entsprechend zu schulen. Diese Zeit war äußert interessant und mit vielen Reisen nach Sindelfingen verbunden.

Damals waren wir in Sifi in der „Entwicklung“ (heute: EVZ ). Hier standen Autos, die die Welt erst in einigen Jahren sehen würde und dort sah ich ihn zum ersten Mal, live und in Farbe: Den ersten SLK R170! Ich habe mich damals sofort in ihn verliebt und heute steht einer, von den 311.222 in Bremen gebauten, auf unserer Einfahrt. Klasse.
Aber auch die Kollegen, die in der Entwicklung arbeiteten waren klasse. Was hatten die für Geschichten über ihre Sonderaufträge zu erzählen! Hier wurden S-Klassen für den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Pfeifenhalter, oder aber für die GSG 9 umgerüstet. Aber auch Trittbretter, für die Leibgarde eines Königs, die automatisch unter dem Auto hervorkamen, wurden hier konstruiert und montiert. Das war natürlich im Gegensatz zu unserem Bremer Montagewerk, eine komplett andere Welt. Ich habe die Zeit in Sindelfingen immer sehr genossen.
Aber dann las ich eine Stellenausschreibung und mein Arbeitsleben wurde erneut komplett auf den Kopf gestellt. Die Halle 9, Montage der C-Klasse, sollte erstmals auf drei Schichten gehen und es wurden Meister gesucht. Wieder gab es gute Ratschläge: „Bist du besch…?“ Aber für mich war das keine Frage, schließlich war es immer mein Ziel als Meister zu arbeiten und so bewarb ich mich. Ich bekam eine Stelle in der Cockpitvormontage. Es war eine spannende und sehr lehrreiche Zeit für mich. Der Wechsel von der Normal- in die 3-Schicht, war allerdings alles andere als lustig und nach einigen Jahren habe ich mich erneut innerbetrieblich beworben.

Ich wurde Prozessbegleiter in der Lackierung. Wir waren ein kleines neues Team und wurden in der großen Frührunde vorgestellt. „Willkommen bei uns in Halle 8“. Allerdings bin ich mir heute nicht mehr ganz sicher, ob er uns der damalige E3 tatsächlich begrüßte, oder ob er nicht gleich folgendes sagte: „Durch sie kostet mich jetzt jede Karosse 50 Pfennig mehr. Sehen sie zu, dass sie das Geld wieder reinholen“. Das war wenigstens mal eine klare Ansage. Der Abteilungsleiter ist später zusammen mit der D-Mark in den Ruhesstand gegangen. Ich bin allerdings immer noch in der Halle 8. Jetzt im Q-Team.

Während meinen bisherigen 28 Jahren beim Daimler, gab es natürlich eine ganze Menge Highlights. Aber auch nicht so schöne Tage: Es ist in der Firma halt wie im richtigen Leben. Es scheint nicht jeden Tag die Sonne. Rückblickend kann ich jedoch sagen: Die positiven Dinge überwiegen allemal und ich bin mehr als froh, den Weg zum Stern damals eingeschlagen zu haben. Ich bin immer noch Mercedes Fan und wenn ich meinem Hobby nachgehe und in den USA Bundesstaaten sammle, freue ich mich über jeden Daimler, den ich sehe.

Und manchmal, wenn ich mal wieder durch eine der Stahltüren im Werk gehe, denke ich zurück an meine Zeit als Lehrling in der kleinen Stahlbaufirma und an „meinen“ ersten Mercedes: Mein Chef hatte sich damals ein Bein gebrochen und brauchte einen Fahrer. Ich hatte gerade erst meinen Führerschein gemacht, war nur ein Azubi ohne erwähnenswerten Stundenlohn, und stieg von einem Tag auf den anderen zu seinem Chauffeur auf. Als kleiner Junge habe ich schon von einem 280 SL geträumt und plötzlich fuhr ich einen 450 SLC.
Ja, ich glaube so hat das alles mal angefangen…


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