Gastbeitrag: DTM am Norisring – mit Kondensstreifen durch den Hinterhof

Am vergangenen Samstag war ich das erste Mal live bei der DTM. Bis dato kannte ich aus dem Bereich Tourenwagen als jahrelanger Besucher nur das 24h-Rennen auf dem Nürburgring. Der Norisring ist hinsichtlich Standort und Streckenverlauf das Gegenteil der Nordschleife – und genau das macht ihn ebenfalls reizvoll. Komplett öffentliche Straße, wechselnde Beläge, so groß wie ein Bolzplatz, innerhalb des Stadtgebietes angelegt und rundherum Publikum wie in einem Fußballstadion. Dazu an allen der insgesamt drei Kurven Platz für Überholmanöver,

wobei Grundig Kehre und Dutzendteich Kehre auch mehre unterschiedliche Fahrlinien erlauben – abgesehen von der Fahrlinie geradeaus in die Reifenstapel.

Die Anlage erlaubt den Zuschauern entsprechend einzigartige Einsichten. Wir saßen in der oberste Reihe auf der Tribüne „Grundig Kehre“. Nur die Ausfahrt aus dem Schöller-S sowie die Einfahrt in die Kehre am anderen Ende konnten wir nicht direkt einsehen. Doch die uns gegenüber neu positionierte Videowand hielt uns auf dem Laufenden. Von der Ausfahrt Dutzendteich bis zur Einfahrt ins Schöller-S hatten wir wiederum alles bestens im Bick. Die „Grundig Kehre“ ist so etwas wie der „Schießplatz“ auf dem Norisring. Traditionell werden bei vielen Fans vor dem Start Wetten abgeschlossen, wie viele Wagen sich hier in Runde 1 gegenseitig abschießen.

Dauerfeuer aus den Lautsprechern

Der Streckenmoderator spaltete mit seiner Begeisterung die Zuschauer. Einige waren offensichtlich ziemlich genervt, wie er sich beispielsweise bei Sean Edwards überhaupt nicht mehr einkriegen konnte. Der Brite fuhr im Porsche Carrera Cup mit dem Messer zwischen den Zähnen von Startplatz 31 am Ende auf Position 3. Ich gehöre allerdings zu denen, die das nicht stört. Im Gegenteil! Entgegen aller TV-üblichen Policy ließ der Kollege (Name entfallen) überhaupt keinen Zweifel an seiner Begeisterung für die in der Tat spektakuläre Fahrweise des Briten. Absolut klasse! Ich kenne keinen Motorsportmoderator im Deutschen Fernsehen, der von dieser Performance nicht noch etwas lernen könnte.

Natürlich durfte bei der Streckenmoderation auch nicht das übliche launige Renn-Latein des Norisrings fehlen. Die links knickende Ausfahrt des „Schöller-S“ ist an der rechten Seite von einer Mauer begrenzt. Ähnlich wie bei der „Wall of Fame“ am Circuit Villeneuve in Kanada oder der Schwimmbad-Passage in Monaco gehört es hier zum guten Ton, den Göttern der Geschwindigkeit bei jeder Durchfahrt ein wenig Lack zu opfern. Und natürlich gäbe es Kamerabilder, die beweisen, dass an manchen Rennwagen nur die Aufkleber abgeschrammt, der darunter liegende Lack jedoch unbeschädigt seien. … Also, ich habe ja in alten Überlieferungen sogar von einem Sponsor-Sticker gemunkelt gehört, bei dem durch das zärtliche Küsschen mit der Mauer sogar nur ein Rechtschreibfehler auf dem Aufkleber korrigiert worden ist! Ja, ja, alles Künstler!

Beim DTM-Lauf die Übersicht verloren und nicht vermisst

Gesessen habe ich dann beim DTM-Lauf allerdings überhaupt nicht mehr. Aufrecht mit mittlerweile im kräftigen Rot leuchtendem Schädel stand ich wie ein Leuchtturm in der prallen Sonne. Aber die Sicht über die Begrenzungszäune hinweg war dadurch noch etwas besser. So erwartete also der mit Fotoapparat und Merchandising mehrfach ausgestattete große Junge die Gladiatoren zum Start des DTM-Laufes.

In der Anfangsphase schienen die meisten Zuschauer auf den Trainingsschnellsten Robert Wickens (Mercedes) und den Zweiten Bruno Spengler (BMW) konzentriert. Beeindruckend, wie der junge Kanadier seinen Landsmann Runde um Runde hinter sich halten konnte. Allerdings brachte die erste Serie der Boxenstopps die Reihenfolge für den Betrachter ohne TV-Grafik ziemlich durcheinander. Das Schöne daran: bei Rundenzeiten bis runter auf 51 Sekunden sorgen die ersten Boxenstopps dafür, dass auf dem Norisring Dauerverkehr ist. Ob Platztausch oder Überrundung ließ sich nach den ersten 15 Runden allerdings nicht mehr wirklich ausmachen.

Ekström ließ einige Gegner gekonnt verhungern

Auf diesem Mini-Stadtkurs war ich fast durchgehend nur auf die „Grundig Kehre“ zu meinen Füßen geeicht. Man konnte schon vorher ahnen, wann Fahrer ihren Bremspunkt verpassten und wann Überholversuche bereits auf Höhe Start/Ziel eingeleitet wurden. Besonders alte Hasen wie Mattias Ekström (Audi) und Gary Paffet (Mercedes) zelebrierten das „Verhungern lassen“ in Perfektion. Dabei hält der Vorausfahrende die Innenlinie vor der Kehre, was auf den ersten Blick unklug scheint. Denn damit bringt er sich um Kurvengeschwindigkeit und der außen zum Überholen ansetzende Fahrer dahinter könnte früher bremsen, um bereits vor dem Scheitelpunkt so früh wieder auf dem Gas zu stehen, dass er den ersten Fahrer beim Kurvenausgang ausbeschleunigen kann.

Beim „Verhungern lassen“ jedoch lässt der Fahrer auf der inneren Linie den Verfolger durch leichtes Anbremsen nur bis auf seine Höhe heranfahren. Dann lockert er die Bremse etwas, bleibt neben dem Kontrahenten und drängt ihn so immer weiter aus der Kurve raus. Schließlich muss der ebenfalls vom Gas. Und genau an diesem Punkt beschleunigt der innere Fahrer wieder und gewinnt dadurch im optimalen Fall beim Rausbeschleunigen wieder Abstand zum Verfolger.

N-Ring oder N-Ring?

Rennszenen wie diese machen für mich den Reiz des Motorsports aus. Gemessen an den bescheidenen Erfolgen von Fahrern, die von der Formel 1 in den letzten Jahren in die DTM wechselten, darf man annehmen, dass es sich hier mit um die besten Rundstreckenfahrer der Welt handelt. Auf der Nordschleife trifft diese Klasse bei Langstrecke und 24h-Rennen auf den motorsportlichen Breitensport.

So wenig, wie sich die Veranstaltungen vergleichen lassen, so sehr ergänzen sie sich nahezu vollständig. Allerdings bietet das 24h-Rennen für mich noch mehr „Drumherum“. Man ist als Zuschauer näher dran an den Aktiven. Beim völlig überlaufenen Pitwalk in Nürnberg konnte ich in Persona nur Gary Paffet ausmachen. Andere Fahrer legten zum Teil nur bedruckte Autogrammkarten auf einen Tisch. Aber gut: Die einen so, die anderen so. Ich komme garantiert wieder, das steht fest!

Ergebnis-Nachschlag

Das Jugend-Konzept von Mercedes zeigte in Nürnberg sein Potenzial. Robert Wickens als Sieger und Christian Vietoris als Zweiter überzeugten trotz mehrerer Safetycar-Phasen und dem eigentümlichen Hick-Hack um einige BMW-Fahrer und Blaue Flaggen mit Speed und Coolness. Gary Paffet zeigte große Fighter-Qualitäten – bevor er kurz vor Rennende mit Eduardo Mortara (Audi) gemeinsam in der Mauer strandete. Mattias Ekström verlor seinen Sieg aufgrund des DTM-Reglements, weil ihn sein Vater mit Wasser zur Kühlung übergoss und somit sein Gewicht nach dem Rennen nicht mehr festgestellt werden konnte. Er ist seit Jahren ein Leistungs- und Sympathieträger und auch ich habe ihn vor 9 Jahren im Interview als unglaublich freundlichen Profi kennenlernen dürfen. Für BMW war’s ein schwarzer Renntag. Die Saison bleibt aber spannend, das steht fest!

Über den Autor:
Norbert Diedrich (Twitter: @Nordbergh) ist ehem. Werbetexter, Motorsportredakteur und Kabarettist; seit 2008 ist er als Kommunikationsberater bei pr://ip – Primus Inter Pares tätig.


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