„Gelbsucht“ Teil 3: Ein Benz von 1902 wird restauriert

Als Projektleiter im Mercedes-Benz Classic-Center in Fellbach kümmere ich mich seit vielen Jahren um die Reparatur und  Restaurierung von Klassikern.
In diesem Blog berichte ich über mein derzeitiges Projekt, einen Benz Phaeton, genauer – „Spider“ – so die zeitgenössische Schreibweise um die Jahrhundertwende. Der Phaeton americain war eine besonders luftige Angelegenheit, wie der Spider auch.Jedoch saßen die vier Passagiere beim Phaeton auf zwei Sitzbänken in Fahrtrichtung. Ein graziles Dach schützte vor schlechtem Wetter. Unser Benz Spider ist ein dagegen ein echtes „Männerauto“ ohne Dach und nur ein Zweisitzer. Es ist wie eine Zeitreise 111 Jahre zurück in der Geschichte des Automobils…

Was bisher geschah: Teil 1 und Teil 2

Jedermann weiß: Oldtimer zu erhalten braucht Zeit. Zeitvorgaben wie sie mittlerweile in Werkstätten üblich sind werden hier außer Kraft gesetzt. Was aber braucht noch mehr Zeit als eine Oldtimer-Restaurierung? Einen Benz Spider wieder instand zu setzen! Neugier und Tatendrang werden stark gebremst, auch durch den Leinöllack. Das beginnt schon beim Auftragen: zweifach wird der Lack mit dem Pinsel aufgetragen, Strich für Strich kommen 120 Arbeitsstunden zusammen. Dann fehlt noch die feine Kantenlinierung, hier kommen noch einmal 18 Stunden Handarbeit auf das Stundenkonto. Dann dürfen die Karosserieteile ruhen, tagelang, wochenlang um zu oxidieren und aushärten zu können. An diesem Prozeß hat sich in über hundert Jahren nichts geändert, damals hatten die Kutschen- und Karosseriebauer riesige Hallen, in denen sie ihre frisch lackierten Wagen wochenlang trocknen ließen.

Für den nächsten Schritt am Fahrzeug widmen wir uns wieder der Technik, der Motor wird fertig montiert. Dafür werden die originalen Benz Gusskolben mit neuen speziell gefertigten Kolbenringen bestückt, die Pleuel haben bereits neu gefertigte Bronzelager, sie werden mit handgefrästen Schmiernuten versehen und jetzt zusammengebaut. Die Zündanalage ist eine  Summerzündung, auch sie wird überprüft. Ein sehr interessantes Detail: es ist die erste perfekt funktionierende elektrische Zündung für Automobile. Bereits um ca. 1870 erfunden vom Mechaniker und Erfinder Heinrich Daniel Rühmkorff (1803-1877). Den Rühmkorff’schen Funkeninduktor verwendete Carl Benz zur Erzeugung von Hochspannungszündstrom zusammen mit den Zündkerzen, die er speziell für seine Motoren erfunden hatte. Bereits im ersten Motor des Benz-Patentmotorwagens, dem Benz Dreirad, kam diese damals hochmoderne Technik zum Einsatz.

Mit Spannung erwarte ich nun den nächsten Schritt: Wenn wir den Motor in Betrieb nehmen. Hoffentlich springt der Funke über -und der Motor an. Ich freue mich auf den Sound…


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