Gastbeitrag: Im W126 einmal um die Ostsee

Es begann auf einem Wochenendtrip nach Moskau im Herbst 2012: Vier Freunde aus Hamburg und Berlin in der russischen Banja mit geräuchertem Fisch, einem Wodka und Filzhüten. Und eine spontane Diskussion: Rallye? Ostsee? 70 alte Autos? Ohne GPS, ohne Autobahnen? Wir sind dabei! Selbstüberschätzung oder Abenteuerlust? Schwer zu sagen – aber die Entscheidung zur Teilnahme am Baltic Sea Circle war gefallen. Eine Rallye für Young- und Oldtimer (Baujahr vor 1992) ohne Fokus auf Geschwindigkeit aber mit teilweise sehr herausfordernden Aufgaben entlang der Strecke.

© Robert Beddies

Die Auswahl des Autos fiel nicht schwer: Viel Platz sollte er bieten, komfortabel sein, sportlich und Stil haben: Vier Stimmen für den W126 – als Langversion und natürlich mit acht Zylindern! Nach relativ kurzen drei Monaten war das Fahrzeug gefunden, ein 1990er 420 SEL, Bornit metallic, schwarzes Leder – und bis auf ein paar Roststellen in traumhaften Zustand. Die Fahrtüchtigkeit wurde ausgiebig getestet, Beschleunigungs-, Verbrauchs- und andere Fahrwerte ermittelt. Die anderen Vorbereitungen kamen eher zu kurz, sodass zwei Wochen vor der Rallye weder ein Dachgepäckträger noch Zelte noch die obligatorische Rallye-Dekorierung noch irgendeine Packplanung existierte. Einige Nachtschichten und etwas sanften Druck auf den Kofferraumdeckel später ging es am 15. Juni in Hamburg an den Start. Zum ersten Mal die anderen teilnehmenden Autos sehen. Viele Artgenossen, der Favorit ist eindeutig das W124 T-Modell. Und direkt neben uns noch ein W126, ein 84er 280 SEL. Gute Gesellschaft.

Und dann geht es los, erste Etappe in Richtung Dänemark: „Finde einen Wikinger vor seiner Hütte“ – what…?! Der zweite Tag bringt eine lange Fahrt und eine unglückliches Zusammentreffen mit einem Reh. Ein neuer linker Scheinwerfer ist in Uppsala nicht aufzutreiben, also geht es mit Plexiglas und Gaffa-Tape weiter. Tag drei mit der ersten Übernachtung in freier Wildbahn, Tag vier führt uns dann über den Polarkreis in Richtung Kiruna. Tages-Aufgabe: offener Surstroemming im Auto – unbeschreibliches Leid!

Nachtlager am einsamen Waldsee bei strahlendem Sonnenschein, fünf zufällig getroffene Rallye-Teams, Lagerfeuer, Grill und wummernde Elektrobeats. Wir werden nicht mehr müde. Arctic Circle Rave. Tag fünf: Treffen aller Teams auf den Lofoten. Atemberaubende Natur, Mitternachtssonne und erster Austausch von Erlebnissen. Tag sechs und sieben führen uns entlang von kurvigen Fjord-Ufern und über schneebedeckte Gebirgsplateaus zum Nordkapp – dem nördlichsten Punkt Europas. Karge Felsen und endlose Weiten – wow! Wir fahren weiter nach Finnland, endlose Seen, unzählige Mücken und eine finnische Sauna an Tag acht. Und dann überqueren wir die russische Grenze und erreichen wir nach 200 Kilometern Buckelpiste Murmansk an Tag neun. Die Stoßdämpfer sind „durch“, aber dafür gibt es Atom-U-Boote und Valentin – einen redefreudigen und passionierten W140 Fahrer (S600!). Danach fahren wir hunderte Kilometer durch russischen Wald, über Kandalaksha und Petrosavodsk an Tag 11 bis nach St. Petersburg. 2 Stunden Stau bei 35 Grad, mit der Heizung kühlen wir den Motor. Und dann gibt es einen Willkommens-Vodka mit Natasha, die alle Teams erwartet.

Ausreise nach Estland an Tag 12: Blitzeinschlag und vier Stunden Wartezeit. Und der LKW-Fahrer, der glaubte, er passe an uns vorbei. – Naja, der Kotflügel war nicht mehr der beste und vielleicht zahlt die Versicherung ja was. Und dann wieder ein organisiertes Treffen: alle Rallye-Fahrzeuge in Tallin. Gelöste Stimmung und ein frühmorgendlicher Sprung in die Ostsee. Wir fahren weiter durchs Baltikum an Tag 13: Abendessen in Riga, Übernachtung auf Asphalt am Strassenrand kurz vor der Kurischen Nehrung mit 7 anderen Youngtimern. Kaliningrad ist am 14. Tag dann wieder eine Rückkehr in den wilden Osten. Es geht weiter nach Danzig, wo wir doch doch noch den Geiger finden, der auf unserem Dach spielen muss, damit wir alle Punkte für die Tages-Aufgabe erhalten. Und dann bricht nach zwei Wochen die letzte Etappe an. Rückkehr nach Deutschland, Zieleinfahrt nach 8523 Kilometern auf der ehemaligen Startbahn in Brand bei Berlin – Wiedersehen mit allen Teilnehmern, Freunden, Familie. Und plötzlich ist alles schon wieder vorbei.

Was nehmen wir mit? Schwedische Waldsee-Idyllen, norwegische Fjord-Landschaften, russische Wälder und baltische Ostsee-Strände. Unzählige Kaffeepausen, eingelegten Fisch und sehr viel Grillfleisch, Wodka und Bier. Das unbeschreibliche „On-the-road“-Gefühl, die gemeinsamen Erlebnisse mit den anderen Teilnehmern.

Und jetzt? Die nächste Rallye planen! Vielleicht um’s schwarze Meer? Bleibt nur die Frage nach dem richtigen Gefährt…oder ist sie vielleicht doch schon entschieden?

Über den Autor:
Wenn sich der gelernte Wirtschaftsingenieur Robert Beddies nicht auf Abenteuer mit seiner S-Klasse begibt, arbeitet er im Vertrieb / Customer Service der Lufthansa.

 


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