Von der Skizze zum Sitz

Ich arbeite für Daimler im Bereich Sitzentwicklung, wir entwerfen und entwickeln alle Sitze aus dem Pkw Bereich, also auch inklusive smart. In unserem Bereich arbeiten 110 Kolleginnen und Kollegen, mit angeschlossener Versuchssitzwerkstatt. Wir haben einen eigenen Versuchsbereich, der für uns die Prototypen der Sitze aufbaut, was sehr wichtig für uns ist. Zuerst bekommen wir eine Designvorgabe, meistens als gefrästes Ton-Modell. Wir beginnen dann zusammen mit den Kollegen aus Versuchswerkstatt, daraus die ersten Prototypen zu fertigen und daran weiterzuentwickeln, bis wir letztendlich über mehrere Jahre Entwicklungszeitraum zu dem Sitz kommen, wie wir ihn heute zum Beispiel in der neuen S-Klasse sehen.

Ein Sitz durchläuft komplett die gleichen Entwicklungszyklen wie ein Fahrzeug auch. Von der ersten Skizze im Design, über das erste hart gefräste Modell aus Ton. Dieses wird z. B. mit Leder überzogen (andere Fahrzeugklassen arbeiten auch mit Stoff, aber bei der S-Klasse wird hauptsächlich in Leder gearbeitet). Der Sitz wird anschließend beurteilt, zum Beispiel: Kann dieses Design mit einer bestimmten Lage der Ledernähte genauso in Serie hergestellt werden? – All diese Dinge fließen schon von Anfang an in unsere Überlegungen mit ein, bis wir die ersten Sitze aus gefrästem Schaum haben. In dieser Zeit werden auch schon die Anforderungen des Schaums sowie der Sitzstruktur mitberücksichtigt.

Nicht nur schön, sondern auch bequem

Die Designvorgaben sind meistens im ersten Schritt etwas offener gestaltet. Es gibt auf Designebene einen eigenen Ergonomie-Bereich, der unsere Arbeit parallel begleitet. Es wird also schon in der Designphase darauf geachtet, dass ein Sitz nicht nur schön, sondern natürlich auch bequem wird. Aber auch die konstruktiven Belange, zum Beispiel, dass der Sitz in der Montage bei der Produktion bestens ins Auto passt, müssen berücksichtigt werden. Ein kompletter Fahrersitz muss ja durch die Tür gebracht und eingebaut werden können. Dazu müssen die Größe der Kopfstütze, die Größe der Lehne, des Kissens, all die Dimensionen eines Sitzes, Länge, Breite, Höhe, mit berücksichtigt werden. Das wird zu Anfang virtuell gemacht, in einem „digital mock-up“, dort wird das Fahrzeug digital aufbaut und die Bauteile eingepasst.

Der Rohbau des Sitzes ist dabei der Vorläufer, dieser ist in unserem Terminablaufplan immer dem gesamten Interieur zeitversetzt vorgeschaltet. Wenn wir dann so weit sind, ist der Rohbau für das zukünftige Fahrzeug  schon weiter im Reifegrad und wir haben die Möglichkeit, unsere Teile in der digitalen Welt in das Fahrzeug „hineinzuhalten“ und zu checken, ob die Sitzkomponenten sich optimal montieren lassen. Parallel dazu kann man mit diesen digitalen Modellen auch Ergonomie- Untersuchungen machen. Es gibt virtuelle Dummies, die mit den entsprechenden Proportionen der Menschen versehen sind, ganz Große, ganz Kleine, ganz Mächtige oder eher „Leichtgewichte“. Sie alle  kann man in einem virtuellen Modell platzieren und anhand dieses Modells können wir  herausfinden, wie Derjenige zum Beispiel ins Lenkrad greifen kann, wie er (oder sie) sitzt und wie die Lehne stehen muss.

Ein typischer Mercedes Sitz

Einen typischen Mercedes-Sitz macht aus, dass ich einen extrem hohen Langzeitfahrkomfort habe. Unser Bestreben ist es, nicht nur 10 Minuten damit bequem zum Einkaufen zu fahren, sondern dass ich damit 500-1000km fahren kann, danach entspannt aussteige und nichts hat gedrückt.Das Ziel für uns ist, mit der neuen S-Klasse W 222 ganz klar Benchmark im Bereich der Sitze zu sein. Ich denke, das es uns gelungen ist. Das Nahtbild ist sehr aufwendig, weil beim Sitz-Design sehr viele Teile zusammen fließen und zusammen passen müssen. Es gibt zwei wichtige Punkte, die den Kunden überzeugen (oder auch nicht):. Es muss sich zum Einen beim Hineinsetzen ins Fahrzeug sofort das Gefühl von Komfort einstellen. Das passiert innerhalb eines Bruchteils einer Sekunden. Es ist nur die erste Berührung mit dem Material, aber es muss „passen“. Zum anderen der Langzeitkomfort, alles, was nach diesem ersten Moment kommt: Nichts darf anfangen, zu drücken, man darf nicht zu sehr im Sitz einsinken, so dass sich die Ergonomie im Fahrzeug durch das Sitzen über eine längere Fahrzeit nicht zu sehr verändert. Natürlich sinkt man immer ein bisschen ein, man verändert sich ja auch bei der Körperhaltung über den Tag ein wenig: Wenn man morgens zur Arbeit fährt und den Rückspiegel einstellt und abends wieder zurückfährt, hat man einen anderen Blickwinkel in den Rückspiegel. Und natürlich verändert sich ein Sitz auch über 500km Fahrtstrecke, wir verarbeiten ja nicht nur Schaum, sondern in der Lehne z.B. auch Gummihaar, das sich ebenfalls durchs Körpergewicht, durch Körperwärme, durch verschiedene andere Dinge verändert. Wir wollen, dass der Kunde über diesen langen Zeitraum einfach einen bequemen Sitz hat, und das über viele Jahre.

Zusätzlich hatten wir bei der Entwicklung der Sitze für den W 222 die Aufgabe, das Gewicht der Sitze zu reduzieren. Denn auch ein schwerer Sitz hat Folgen für den Kraftstoff-Verbrauch und den CO2-Ausstoß eines Autos. Das Hauptgewicht ergibt sich durch die Strukturteile des Sitzgestells. Durch den Einsatz von Sandwichbauteilen, die eine höhere Steifigkeit haben, konnten wir Gewicht einsparen: Pro Teil etwas über ein Kilo. In Summe wiegt eine komplette Sitzanlage (mit Rücksitzen) eines modernen Autos ungefähr 80-100kg, je nach Ausstattungspaket.

Seitenhalt vs. Komfort?

Für Diskussionen innerhalb des Teams sorgte auch die Frage, wie viel Seitenhalt ein Sitz braucht:  Maximaler Seitenhalt, aber bei maximalem Komfort. Bei zu viel Seitenhalt kann ein Fahrer in seinen Bewegungen auch sehr eingeschränkt sein. Man muss berücksichtigen, dass nicht alle unsere Kunden, die gleiche Figur haben. Es ist dann aber die Stärke wirklich guter Sitze, dass jeder seine Sitzposition findet. Es gibt zwischen Mann und Frau beim Sitzen im Auto eigentlich keine großen Unterschiede. Eine Ausnahme bildet der Gurtverlauf, also wie der Gurt über der Schulter bis hin zum Schloss und um die Hüfte sitzt: Dies ist zum Beispiel für eher kleine Frauen problematischer als für eher große Männer.

Eine weitere Herausforderung ist es, die Kunden nicht durch zu viele Funktionen der Sitze zu überfordern. Wir haben die S-Klasse mit einer Direktwahltaste für die Sitzfunktionen ausgestattet, die sich vorne in der Mittelkonsole befindet. Über das „Head Unit“- Display und den Druck-/Drehsteller kann man ebenfalls sich durch die einzelnen Menüs wählen. Über die Visualisierung der einzelnen Module auf dem Bildschirm lässt sich genau erkennen, was ich beim Sitz einstellen kann, zum Beispiel die Massagefunktion. Die klassischen Sitzeinstellungen steuert man weiterhin über den Sitzverstellschalter in den Türen.

Handarbeit und Hightech

Wir arbeiten während der gesamten Entwicklungszeit mit dem Customer Research Center zusammen. Es ist nicht so, dass zu Beginn der Entwicklungsphase endgültig festgelegt wird, wie der Sitz aussehen soll. Wir suchen immer weiter nach Verbesserungen und können bis zum „letzten Tag“ fast alle Neuerungen einbringen. Denn wir haben Materialien, an denen man auch kurzfristig noch etwas ändern und optimieren kann. Für Sitzbezüge, die genäht werden müssen, brauchen wir natürlich eine Vorlaufzeit von einigen Wochen. Aber es geht dabei immer auch um Prozessoptimierung. Wir arbeiten viel mit flexiblen Materialien, Schaum ist weich, gibt in alle Richtungen nach, Leder ist ebenfalls ein elastisches Naturmaterial. Nähen hat enorme Toleranzen. Es steckt viel handwerkliches Können dahinter, einen Sitz genau so zu gestalten, wie es die Designer sich vorstellen, so dass der Charakter dieses speziellen Sitzes auch erscheint. Man muss sich dem Thema mit sehr viel Geduld nähern: Einen Bezug auf einen „Schäumling“  aufzuziehen oder auf eine Gummihaarauflage (auch ein Naturmaterial), ist immer Toleranzen unterworfen. Genau diese Handarbeit kann man den Sitzen ansehen. Und darauf sind wir auch ein bisschen stolz: Auf „Handarbeit im Hightech-Zeitalter“!

Ein Blick in die Ahnengalerie: Historische Mercedes-Benz-Sitze


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