Ein QR-Code für den Notfall

Wie kommt man auf die Idee, Rettungskräfteinformationen in Form eines QR-Codes ans Fahrzeug zu kleben? Wenn man wie ich vom Projektleiter Entwicklung die Aufgabe bekommt, die sogenannten Rettungsdatenblätter für unsere neuen Hybridvarianten inhaltlich zu begleiten und zu prüfen.

Bei meiner Tätigkeit im Team „Powertrain- und Hybridintegration S-Klasse“ koordiniere ich mit meinen Kollegen die Einführung der Hybrid-Antriebstränge. Dazu gehören auch die (Crash-)Sicherheit des Hochvoltsystems, sowie die Dokumentationsthemen wie im Fall der Rettungsdatenblätter.

Die erste Frage in unserer Runde war: Was ist überhaupt dieses Rettungsdatenblatt? Wer im Internet sucht, wird besonders beim ADAC fündig, der vorschlägt, immer eine Rettungskarte im Fahrzeug mitzuführen. Das DIN A4-große Papier enthält alle wichtigen Infos für Rettungskräfte, wenn sie verletzte Insassen schnell und sicher aus einem verunfallten Fahrzeug retten müssen und dabei vor allem ihre eigene Sicherheit gewährleisten müssen. Fragen wie,“ Wo sind die Airbags und deren Gaspatronen verbaut? Wo kann man eine Rettungsschere ansetzen? Wo liegen die Tankkomponenten und die 12V-Batterie?“ werden hier beantwortet. Was bei unseren alternativen Antrieben noch hinzu kommt: Wo sind Hochvolt-Komponenten und -Leitungen verbaut?

Das sind Infos, die wertvolle Zeit sparen, wenn es um die Rettung geht. Die meisten Hersteller bieten Rettungsdatenblätter zu ihren Fahrzeugen zum Download auf ihrer Homepage an. Bei jedem Blick auf das Stück Papier kam aber auch die Frage, ob das tatsächlich praxistauglich ist. Nicht in jedem Fahrzeug ist eine Rettungskarte hinterlegt und sie kann auch verloren gehen. Dann müssen Rettungskräfte ja zwangsweise alle über 1500 (!!) existenten Rettungskarten selbst dabei haben und vor Ort den zerbeulten Wagen auch noch identifizieren… das kann zu Fehlern und Zeitverlust führen! Es wäre doch viel besser, die Infos schon ab Werk unverlierbar im Fahrzeug zu hinterlegen, noch dazu an der immer gleichen Stelle.

Einige Wochen später „fiel dann der Groschen“, als ich einen QR-Code auf einer Verpackung sah, der auf eine Website zum Produkt führt. Man könnte doch auch auf unseren Produkten schon ab Werk einen QR-Code anbringen, der zu einer Internetseite mit den zugehörigen Rettungskräfteinformationen führt. Damit wären alle Schwachpunkte der Papierlösung beseitigt: Die Rettungskräfte müssen die modellspezifischen Infos nicht erst im Auto suchen und die Identifizierung des Fahrzeugs wäre auch überflüssig.

Die Internet-Recherche über den QR-Code ergab, dass die schwarz-weißen Muster frei nutzbar sind und für die Dekodierung jede Menge kostenlose Smartphone-Apps angeboten werden. Das sind beste Voraussetzungen für eine breite Nutzung!

Als nächstes tauschte ich meine Idee mit den Kollegen von der Daimler Patentabteilung aus. Auf ihre Empfehlung hin reichte ich eine Erfindungsmeldung ein. Das Interessante daran: Ziel war nicht, einen Wettbewerbsvorteil durch die alleinige Nutzung sicherzustellen, sondern dafür zu sorgen, dass niemand die Idee oder eine mögliche Weiterentwicklung als Patent anmeldet und uns dadurch die Anwendung einschränken könnte.

In den nächsten Monaten wurden intensive Gespräche mit der Unfallforschung und dem Bereich passive Sicherheit geführt. Dort erfuhr ich u.a. dass vom VDA ein ganz ähnlicher Gedanke verfolgt wird, bei dem die Rettungsleitstellen die Möglichkeit erhalten, durch eine Kennzeichenabfrage beim KBA eine genauere Identifizierung und damit Zuordnung des richtigen Rettungsdatenblatts durchzuführen. Dieses System wird auch von Mercedes-Benz unterstützt; mit dem QR-Code sehen wir aber dafür eine sinnvolle Ergänzung, die eine noch breitere Anwendbarkeit im Rettungsfall gewährleisten kann.

In den Diskussionen mit den Kollegen der passiven Sicherheit, die mich hier sehr toll unterstützten und weiteren diversen Fachabteilungen, entstand eine Sammlung von Kriterien und Fragen, die bei der konkreten Umsetzung wichtig sind: Wo und wie bringt man die QR-Codes am besten an? Wie sieht eine kostengünstige Lösung aus, die auch von anderen OEMs übernommen werden kann? Und wie kann die Zugänglichkeit auch nach einem Unfall gewährleistet werden?

Ein Beispiel: Aus Design-Gründen ist eine direkt sichtbare Positionierung am Fahrzeug zu vermeiden. Für Rettungskräfte soll die Stelle aber schnell auffindbar und möglichst von außen zugänglich sein. Die Lösung in dem Fall: Die Tankklappe – Auf der Innenseite angebracht ist der QR-Code nicht direkt sichtbar, aber leicht auffindbar und einfach zugänglich.

Die Zugänglichkeit nach einem Unfall ist der Grund, einen zweiten QR-Code anzubringen: Die Wahl fiel auf die gegenüberliegende Fahrzeugseite, die B-Säule, und zwar die Fläche, die nach vorne zeigt und bei geöffneter Tür sichtbar ist, weil Front und Heck bei einem Unfall häufig deformiert werden.

Durch die tolle Unterstützung meiner Kollegen Thomas Weber von „Global Service & Parts“ (hier werden die Rettungskarten und das Download-Angebot verantwortlich betreut) und Klaus Braun vom Labelmanagement (Er sorgt u.a. weltweit dafür, dass immer der richtige Aufkleber ans richtige Fahrzeug kommt- und zwar in der richtigen Sprache!) wurden schließlich alle weiteren Fragen zur Umsetzung inkl. Kosten und Aufwände geklärt und so konnten  wir Anfang 2013 dem Baureihen-übergreifenden Technikausschuss von Mercedes-Benz Forschung & Entwicklung die Innovation und unsere Empfehlung zur Umsetzung vorstellen. Das Ergebnis ist seit dem 23.05.2013 auf der Daimler Media Site veröffentlicht und inzwischen weltweit bekannt.

Von der ersten vagen Idee im September 2011 bis jetzt, brauchte es zeitweise schon einen langen Atem – aber es hat sich gelohnt!


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