DTM: Zwischen Pferdestärken, Trucks und Reifen

Geboren in Südafrika, kam ich vor über zehn Jahren nach Deutschland. Ich habe zuerst für zwei Jahre in einem Pferdestall gearbeitet. Aber eigentlich interessierten mich „Pferdestärken“ viel mehr… Durch einen Zufall lernte ich Hans Werner Aufrecht, den Gründer und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden von HWA, kennen und erzählte ihm von meiner Leidenschaft für den Motorsport. Er schlug mir vor, als Lkw-Fahrer für HWA zu arbeiten.

Den für die Tätigkeit erforderlichen Führerschein hatte ich schon in Südafrika gemacht und weil dieser in Deutschland anerkannt wird, ging es dann ziemlich schnell los.

Im Dezember 2003 nahm ich meine Arbeit bei HWA auf und bereits Januar 2004 ging es im Actros-Truck zu den ersten DTM-Tests. Ich war vielleicht stolz! Seitdem ist es mein Job, die Rennautos von Mercedes-Benz zu den Rennstrecken inner- und außerhalb Europas zu transportieren sowie zu verladen. Dies schließt natürlich auch das Verladen der Reifen und Felgen mit ein. Zugleich faszinierte mich das Know-how meiner Kollegen der Reifen-Crew – sei es hinsichtlich der Funktionsweise eines Reifen, der Gummi-Mischungen oder auch der Wahl des richtigen Reifens bei entsprechenden Witterungsverhältnissen. In Folge dessen bot ich meine Hilfe an und kam dadurch letztendlich zu einem „Zweitjob“: Reifenmechaniker!

Ein typisches Rennwochenende verläuft für mich wie folgt: Zu allererst muss selbstverständlich der Lkw beladen werden. Die Abfahrtszeit variiert in Abhängigkeit der Distanz zwischen der Rennstrecke und dem HWA-Teamsitz. Manchmal fahren wir gleich nach dem Beladen los, aber oft auch erst am nächsten Morgen. Nach der Ankunft an der Rennstrecke werden die Fahrzeuge, die Ersatzteile- zu denen unter anderem Kohlefaserteile, Motorhauben, Heckdeckel und Seitenwände zählen – der Kommandostand und die Boxenstoppanlage erst einmal ausgeladen, auf die verschiedenen Garagen verteilt und anschließend das „Pit-Stopp-Lager“ aufgebaut. Obwohl es nicht zu meinen Hauptaufgabe gehört, helfe ich  auch bei der notwendigen Montage mit. Primär bin ich für die Reifen zuständig. Sobald der Lkw ausgeladen ist, baue ich meine „Ecke“ auf, indem ich die Reifen,  Heizdecken und alles weitere in diesem Zusammenhang benötigte Equipment an seinem angestammten Platz unterbringe.

Als nächstes gehe ich zu Hankook, dem Reifenpartner der DTM. Dort werden die Reifen nach dem Losprinzip an die Teams ausgegeben, damit keiner bevorzugt oder benachteiligt wird. Man kann dabei durchaus Pech haben: Zum Beispiel bei einem Stapel,  bei dem schon etwas ältere Räder vorhanden sind. Wenn die Verlosung vorbei ist, werden die Barcodes auf den zugeteilten Reifensätzen gescannt, um eine Liste mit den zugewiesenen Reifen anzufertigen. So wird dafür gesorgt, dass jedes Team nur seine ihm zugeteilten Reifen mitnimmt. Zu guter Letzt montiert Hankook die Reifen auf die Felgen, woraufhin ich für den „Feinschliff“ sorge: Luft aufpumpen, Radmuttern anschrauben, Felgennummern aufschreiben – dazu viele Kleinigkeiten, die noch erledigt werden müssen. Dazu gehört die Überprüfung der Barcodes, denn wenn ein Fahrer einen nicht für ihn vorgesehenen Reifensatz verwendet, wird das Team disqualifiziert…

Ich arbeite gerne im Rennsport, weil man viel herum kommt. Natürlich sieht man manchmal nicht viel, außer der Rennstrecke selbst. Aber das Schöne ist, dass man ab und zu doch ein paar Stunden frei hat. In Barcelona zum Beispiel waren wir am Hafen, und in Valencia konnten wir das Zentrum etwas näher kennenlernen. Solche Gelegenheiten finde ich dann sehr schön. Außerdem ist es ein sehr abwechslungsreicher Job, denn man arbeitet nicht tagein, tagaus nach Schema F. Als Lkw-Fahrer und Reifenmann in Personalunion gibt es immer wieder viele kleinere Aufgaben, die gemacht werden müssen. Ich kann mir meine Aufgaben selber einteilen und somit meinen Tag mehr oder weniger frei gestalten.

In den vergangenen zehn Jahren habe ich mit vier Fahrern zusammengearbeitet. Ganz am Anfang mit Gary Paffett, anschließend mit Mika Häkkinen und hinterher mit Bruno Spengler. Aktuell arbeite ich wieder mit Gary, mit dem ich mich sehr gut verstehe. Das Verhältnis zu unseren Konkurrenten und deren Mechanikern ist ebenfalls gut. In der Regel trifft man sich bei Hankook, wenn alle zur Verlosung kommen. Jeden kann man natürlich nicht kennen, aber gerade in meinem Bereich kommt man schon gut miteinander aus.

Während des Rennens verfolge ich das Geschehen auf der Strecke von der Box aus und komme zum Einsatz, sobald Gary mit seinem EURONICS Mercedes AMG C-Coupé zum Reifenwechsel heranrauscht. Hierbei bin ich für das Rad hinten rechts zuständig. Zusätzlich muss ich während des Stopps den Reifendruck prüfen, damit wir die Reifen für den zweiten Stopp angleichen können. Im Mittelpunkt dieser Maßnahme steht die Bewerkstelligung eines konstanten Drucks, wobei sich das „richtige“ Maß in Abhängigkeit des Asphalts sowie der Kurvenanzahl von Strecke zu Strecke unterscheidet.

Ein Pit-Stop dauert ungefähr drei Sekunden, eine Grenze nach unten gibt es nicht. Technische Defekte, die natürlich auftreten können, sorgen für eine längere Abfertigung. Wenn wir trainieren, dann wird die Zeit pro Rad aufgezeichnet. Unser Rekord liegt bei unter 3 Sekunden, allerdings bezieht sich dieser nur auf ein Rad und nicht die komplette Boxenstopp-Prozedur. Das Auto ist natürlich erst fertig, wenn alle Räder gewechselt sind. Da müssen alle zusammen schnell sein. Mir ist es persönlich zum Glück noch nie passiert, dass das Auto schon losgefahren ist, bevor ich fertig war! Aber ganz am Anfang, in meinem ersten Jahr, ist Gary mir mal über den Fuß gefahren…. Glücklicherweise ist nichts Schlimmeres passiert.

Wir üben die Boxenstopps oft im Team und trainieren zudem zwei Mal die Woche im Fitnessstudio. Kraft hat man allein schon durch das ständige Hin- und Hertragen der Räder. So grob geschätzt, nehme ich jedes Rad (und wir haben ja insgesamt zehn Sätze je Fahrer) ungefähr 15 Mal in die Hand. Und so ein Rad wiegt 22 Kilo! Darüber hinaus ist es wichtig locker zu bleiben und nicht zu verkrampfen.

Wenn ich nicht auf der Rennstrecke bin, kümmere ich mich um meine Familie, die mir sehr wichtig ist. Ich habe eine knapp 2 Jahre alte Tochter und das zweite Kind ist bereits unterwegs. Ob sie eines Tages eine Karriere im Motorsport verfolgen werden, weiß ich noch nicht….Es ist, insbesondere für Einsteiger, nicht gerade der günstigste Sport. Aber es gibt ja auch andere Wege, um „mittendrin“ zu sein….


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