Gastbeitrag: Meine himmlische Reise mit der S-Klasse

Ich werde wohl nie wieder ein DHL-Paket entgegen nehmen können, ohne mich darauf zu besinnen, welche spannenden Abenteuer es erlebt haben mag, bis es an seinem Ziel ist. Der Autor weiß wovon er schreibt, denn er war jüngst selbst ein solches Paket, und zwar am Tag der Weltpremiere der neuen S-Klasse in Hamburg-Finkenwerder.

Insgesamt drei solcher Postsendungen mussten an jenem 15. Mai im Luftfrachtzentrum Stuttgart in einen Airbus A300-600 der DHL verladen werden. Zur am wenigsten sperrigen Fracht gehörte zweifellos Fernsehmoderator Steven Gätjen, der als eine Art lebende Sendungsverfolgung mit an Bord war. Größtes und wertvollstes Paket: ein bildschöner S 500 L der Baureihe 222 mit nur noch lasziv-leichter Tarnfolie, der später zum VIP-Taxi für Alicia Keys werden sollte. Und damit das ganze Unterfangen von Beginn an unter einem guten Stern stehen würde, durfte noch der Baureihenbotschafter der bis dato erfolgreichsten S-Klasse aller Zeiten mit an Bord: ich. Gemeinsam mit Marc Christiansen schreibe und bebildere ich das Webzine fünfkommasechs.de, das in seinem Kern ganz der legendären Baureihe 126 gewidmet ist, deren Spitzenmodell eben jene namensgebenden 5,6 Liter Hubraum hat.

Daß der „Triple Two“ das Zeug dazu hat, den 126er als erfolgreichstes Oberklassefahrzeug der Welt und aller Zeiten von seinem Thron zu stoßen, davon sind wir S-Klassikerfahrer überzeugt. Angesichts der sich rasant verschlechternden Wetterlage an unserer Destination konnte man sogar den Eindruck gewinnen, daß auch die Konkurrenz alles übermenschliche tat, um die erfolgreiche Markteinführung der neuen S-Klasse doch noch zu verhindern. Über Finkenwerder braute sich nämlich eine mächtige Gewitterzelle zusammen, während wir im sonnigen Stuttgart noch die letzten Startvorbereitungen trafen.

Für DHL-Kapitän Jochen Timm reine Routine, auch wenn die Airbuswerft nicht unbedingt zu den häufigsten seiner Anflugziele gehören dürfte. Aber wer sonst als der Chief Flight Instructor und sein Copilot Thorsten Spitzlei wären besser geeignet, eine ungewöhnliche Destination bei widrigen Bedingungen und unter höchstem Erwartungsdruck anzufliegen? Das ist alltägliches Geschäft der Frachtflieger, die auch schon mal lebendige Stachelrochen oder etwa einen Tiger zu transportieren hatten, wie ich von der Crew erfuhr. Nun also war deren Maschine für eine Stunde zur Air Force One der Daimler AG geworden, und ich durfte sie begleiten.

Unser großer Star war schon längst fest vertäut und schlief in einem grauen Autopyjama in seiner äußerst geräumigen Garage hoch über den Wolken. Der Frachtraum der A300 ist nur durch ein Fangnetz vom Bereich direkt hinter dem Cockpit abgeteilt, in dem wir „Fluggäste“ uns auf einer sehr komfortablen Sitzreihe mit Blick achtern befinden. Welch ein Platzangebot! Da genieße ich nun zusammen mit „Schlag den Raab“-Moderator Gätjen und der DHL-Crew die überwältigende Beinfreiheit und überführe ganz nebenbei das neue beste Auto der Welt zu seiner Willkommensparty mit 750 geladenen Gästen in einer teils eigens dafür gebauten Location inmitten der Airbus-Werft Finkenwerder, wo Alicia Keys schon darauf wartet, in exakt diesem 500er aus unserem Gepäckabteil unter einem atemberaubenden Spektakel auf die Bühne chauffiert zu werden, wo Dr. Z. höchstselbst ihr die Fondtür öffnen wird.

Angesichts dieser überwältigenden Vorstellung ist es ein Stück willkommene Normalität, daß gerade jetzt das Essen serviert wird. Moment… Essen? Erst jetzt fällt mir auf, welch große Freude die Jungs von DHL daran haben, Herrn Gätjen und mich wie richtige Flugpassagiere zu bewirten – in ihrer Cargomaschine. Nico Tenius, Manager Ground Operations & Fuel, hatte vorhin noch zur allgemeinen Erheiterung mit Falsettstimme den Satz „Cabin crew ready for takeoff“ per Sprechanlage ans Cockpit weitergegeben. Von dort meldet sich nun Flugkapitän Timm und heißt uns herzlich willkommen auf unserem „Flug nach Mallorca“. Und wir Passagiere dürfen dabei die Beine hochlegen wie in der First Class und ein wirklich gutes Bordmenü genießen, während der Lademeister den Zwei-Tonnen-Fluggast in der Business Class besucht, um nach dem rechten zu sehen. Der aber hatte nichtmal Bedarf nach einem Tomatensaft, sondern schlummerte weiterhin selig seiner eigenen Weltpremiere entgegen.

Das änderte sich auch nicht, als wir uns längst fest angeschnallt im Sinkflug auf Hamburg befanden und einige erste Ausläufer der Gewitterböen zu spüren bekamen. „Wenn es heftiger wird, setzen wir uns einfach in die S-Klasse“, schlug ich vor. „die kann doch jetzt ‚Magic Carpet Ride’“

Das aber konnten unsere Airbus-Piloten schon lange: das Aufsetzen war butterweich, die „Mallorca“-Fluggäste an Bord klatschten enthusiastisch, der 222 schlief noch immer und unsere „Air Force One“ rollte unter einer Mischung aus Blitzlichtgewitter und gottseidank noch weit entfernten Gewitterblitzen souverän zu ihrer Parkposition neben einer unlackierten A380. Der Rest des Tages ist Automobilgeschichte und wird noch einige Zeit unser Blog mit Berichten, Bildern und Videos füllen.

Über den Autor:
Johannes Schlörb ist verantwortlich für Redaktion, Visuelles & Design beim Blog fünfkommasechs, der sich hauptsächlich mit der S-Klasse der 80er Jahre, dem W126, befasst.


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