Gastbeitrag: Future Talk – Die Mobilität der Zukunft

Future Talk

Was hat ein Hersteller von Autos zur Zukunft zu sagen? Geht es um grössere, schnellere oder ökologisch verbesserte, effizientere Autos? Schnell wurde es im Vorgespräch klar, dass es sich um viel weiter gehende Gedanken und einen grundsätzlicheren Dialog handeln würde.

Ein Zukunftsforscher, ein Philosoph, eine Expertin für Roboter und ein Architekt sollten zusammen mit den Verantwortlichen der Forschungs-, der Marketingabteilung und des Advanced Design von Daimler mit einer Gruppe von Journalisten über Ideen zur zukünftigen Mobilität diskutieren. Ausgangspunkt der Diskussion waren Szenarien, die bei einem Workshop von Daimler in Tokyo zum Thema, wie Fahrzeuge besser in Städte integriert werden könnten, entstanden waren.

Zukunft

Viele meinen, die Frage nach der Zukunft habe besonders in Zeiten der Krise Hochkonjunktur. Das erinnert an das bekannte Zitat von Helmut Schmidt aus dem Wahlkampf 1980: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Ich finde es sehr wichtig, dass große Konzerne sich neben der technischen Innovation auch mit den sich gerade vollziehenden Veränderungen beschäftigen und sich frühzeitig Gedanken über deren Auswirkungen auf die Gesellschaft und damit ihre Kunden machen. Trends und Zukunft geschehen nicht nur, sondern können gestaltet werden.

Unsere Gesellschaft befindet sich derzeit in einem umfassenden Wandel, nach Kontradieff befinden wir uns im sog. „Health Age“, gekennzeichnet durch das Streben nach einem gesunden Leben im Einklang mit der Natur.

Die klassischen Bedürfnisse des modernen Menschen, wie Nahrung, Mobilität, Kommunikation und nahezu grenzenlose Verfügbarkeit von Information und Konsumgütern wurden in den vergangenen Jahren des industriellen Zeitalter weitestgehend befriedigt und lassen als den letzten Antrieb die Suche nach Wissen, sowie Gesundheit von Geist, Körper und Umwelt übrig. Kreativität ist der Rohstoff unserer Gesellschaft. Gebäude können Kreativität durch die Steigerung des Wohlbefindens und der Stimulierung fördern. Ausdruck davon sind die Integration natürlicher und von Menschen gemachter (technischer) Erzeugnisse sowie der Einzug von Planzen (Natur) in die Städte.

Auch wenn wir in einer hochtechnisierten Umwelt leben, haben sich unsere Grundbedürfnisse nach einer Abschottung von privat und öffentlich sowie gemeinsam genutzten Räumen und Verbindungswegen nicht verändert. Schon Kurt Tucholsky hat diese unterschiedlichen Wünsche 1927 in seinem Gedicht „Das Ideal“ beschrieben:

„Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast du’s nicht weit.“

Genauso alt wie die Industrialisierung ist auch die Idee, Natur und Technik miteinander zu verbinden. Wurde früher die Natur erobert, indem Infrastruktur und Gebäude über sie hinweg gebaut wurden, werden heute Pflanzen und Grün zurück in die Stadt geholt.

Welche Auswirkung hat das alles auf unser Verhältnis zum Automobil?

Der Future Talk fand in einem neuen Format statt. Statt Frontalunterricht war die gemütliche und authentische Atmosphäre der Pan Am Lounge Ort einer Ausstellung und kurzer Präsentation als Auftakt zum Gespräch. Der Rahmen war klar gesteckt, die Ideen skizzenhaft grafisch ansprechend präsentiert. Fantastische Modelle von Karosserievisionen der Designer schlugen die Verbindung zu Mobilität und Dynamik.

Ausgehend vom Automobil haben die Designer von Advanced Design über Städtebau und Gebäude nachgedacht – jenseits der Vision der ‚autogerechten Stadt‘, wie sie in den sechziger Jahren üblich war. Heute geht es vielmehr um eine möglichst lebenswerte Stadt, in der alle Arten von Mobilität benötigt werden.

Allen Szenarien gemeinsam ist das Nachdenken über die sich wandelnden Mobilitätsbedürfnisse der Gesellschaft. Als Szenarien formulierte Utopien sollten die Entwicklungsziele testen und darstellen. Ausgangsort waren die schnellwachsenden Metropolregionen und ihren besonderen Anforderungen und das Verständnis, dass Autos ‚automobil‘ werden und sich je nach Situation selbst steuern.

Folgende Thesen wurden formuliert:

  • Das Auto ist ein hochtechnisches Produkt, das mit seinen Sensoren schwächeren Verkehrsteilnehmern helfen kann und Unfälle verhindern hilft (Szenario ‚Giving back to the city‘).
  • Eine sowohl private als auch gemeinsame (Taxi-)Nutzung von Autos hilft die Anzahl von Fahrzeugen zu reduzieren und eine bessere Auslastung zu erzielen. (Szenario ‚Double Purpose‘)
  • Stehende Autos werden zu Teilen der Wohnung. Als technisch installierte Zimmer können Sie als Home office oder als Lounge an die Wohnung oder das Haus angedockt werden und machen einen Teil der technischen Einrichtung zu Hause überflüssig. (Szenario ‚Carchitecture‘)
  • In Kombination mit Infrastruktursystemen entwickelte Fahrzeugtypen erlauben ein optimales Mobilitätsangebot und reduzieren den Verkehr. (Szenario ‚Loop‘)

Im Anschluss fanden Diskussionsrunden mit Journalisten unterschiedlicher Brachen, Lifestyle Magazine und Automobil Fachzeitschriften sowie Bloggern statt. Dabei wurden Fragen nach dem privaten Besitz von Autos, dem Fahrspass, der Ausschliesslichkeit von Systemen und dem damit gefühlten Verlust an Entscheidungsfreiheit intensiv erörtert. Sowohl die vorgetragenen Szenarien als auch die aufgeworfenen Fragen ergaben interessante Denkanstösse für alle Beteiligten.

„Zukunft braucht Herkunft“ war das Motto beim Bau des Mercedes-Benz Museums, an dem ich fünf Jahre gearbeitet habe. Sie braucht aber auch Visionen und Ingenieure, die sich damit beschäftigen und diese zur Diskussion stellen. Auf eine Fortsetzung darf man sich freuen!

 

Über den Autor:
Tobias Wallisser ist Professor für Architektur und Innovative Bau- und Raumkonzepte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. 2007 gründete Wallisser zusammen mit Chris Bosse und Alexander Rieck das Büro LAVA (Laboratory for Visionary Architecture).


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