Mission „Pathfinder“: Die Zukunft kann kommen

Nein, für einen Vorstandsposten bei Daimler stehe er nicht zur Verfügung. Trotz Diversity. Trotz Karriereende als Rennfahrer. Trotz der engen Verbundenheit mit Mercedes-Benz. Michael Schumacher war sich seiner Antwort auf diese eher amüsante Frage sicher. Dabei hatte Schumacher soeben gezeigt, dass er Daimler auch auf ganz anderem Wege helfen kann. Der Führungsnachwuchs von Daimler und anderen Konzernen sollte von ihm auf die Zukunft vorbereitet werden und von ihm lernen: von seinem Perfektionsanspruch, seiner Leistungsbereitschaft, seinen Leidensfähigkeiten – kurzum von seinen deutschen Tugenden.

Schumacher war einer von 7 Referenten, die im Auftrag und in der Gegenwart von 7 Vorstandsvorsitzenden deutscher Großkonzerne zu sieben Zukunftsthemen am „Pathfinder“-Kongress des Handelsblatt sprachen – der „Tag der Arbeit“ wurde für die anwesenden 700 Führungsnachwuchskräfte zum „Tag des Nachdenkens“.

Alles drehte sich um die Zukunft – wie sie sein wird, worauf es ankommen wird, warum besonders Führungskräfte gefordert sein werden. „LISTEN“, das Thema der Allianz AG, also einfach „Zuhören“, scheint zumindest auf den ersten Blick zu den machbaren Erfolgsrezepten zu gehören. In ihrem sehr persönlichen Beitrag warnte Verena Bentele, blinder Paralympics-Sportstar im Biathlon, vor Ignoranz: „Nicht zuhören heisst Strafrunde“. Dies gilt auch gegenüber Markt und Kunden, so z.B. in den Call-Centern der Allianz, in der täglich 105.000 Kundenanrufe entgegen genommen werden. Dr. Markus Riess, CEO der Allianz AG, relativierte jedoch das eigene Thema: Fortschritt und Innovation kann nur gelingen, wenn nach dem Zuhören eine echte Transformationsarbeit geleistet wird, die sich auch nicht delegieren lässt.

„INNOVATION“, das Thema der Bayer AG, ist für die Welt von morgen von existentieller Bedeutung. Dr. Marijn Dekkers, CEO von Bayer, zeigte auf, dass einerseits die Lebenserwartung eines heute in Deutschland geborenen Mädchens bei annährend 100 Jahren liegt, gleichzeitig aber die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung durch die zahlreichen bereits ausgereizten Flächen nur durch Innovationen der Pharmabranche sichergestellt werden kann. Den 700 Zuhörern im Hangar 2 des Tempelhofer Flughafens bot er mit Dr. Frank Misselwitz, kürzlich geehrt mit dem Deutschen Zukunftspreis, als Referenten einen erfolgreichen Pharmapionier. Mit seinen extrem fachspezifischen Ausführungen zur Bekämpfung von Herz-Kreislaufproblemen verfehlte er seine heutige Pathfinder-Mission leider reichlich.

Mit „ENABLING TALENTS“, dem Thema der Deutschen Bank AG, fokussierte CEO Jürgen Fitschen nicht nur auf ein greifbareres Gestaltungsfeld, sondern schickte mit dem Gehirnforscher Prof. Gerald Hüther einen überzeugenden Verfechter einer neuen Führungskultur auf die Bühne. Die Kultur der Zukunft räumt der Andersartigkeit, dem Lernen, dem Öffnen zu gegenseitiger Inspiration eine echte Chance ein. Nur so können sich Talente entfalten und für einen globalen Erfolg notwendige Potenziale bei den Mitarbeitern gehoben werden.

ANTI FRAGILITY“, das Thema von EADS (dem einzigen Nicht-Dax-Konzern), zielt laut CEO Dr. Thomas Enders auf eine höhere Planungsstabilität ab. Mit den Entwicklungskosten in Höhe von 12-15 Mrd. Euro setzt EADS bei jedem neuen Flugzeug die Unternehmensexistenz aufs Spiel. Der emeritierte INSEAD-Professor Spyros Makridakis und der Philosoph Nasim Nicholas Taleb stellten klar, dass Unternehmen künftig nur überlebensfähig sind, wenn unvorhersehbare Ereignisse und die vielfach fehlende Prognostizierbarkeit künftiger Verhältnisse ein fester Bestandteil der Planung sind. Wer mit den Ungewissheiten der Zukunft pragmatisch umzugehen lernt, könne sein Schicksal besser managen und böse Überraschungen vermeiden. „Optionality“ wird zu einem zentralen Zukunftsparameter.

Diametralen Widerspruch gab es hierzu von Zukunftsforscher Matthias Horx, der für E.ON über das Thema „TRANSFORMATIONS“ sprach. Entscheidend für den Erfolg von Transformationen seien ausreichende Energieressourcen, Vernetzungen und die „Resilience“, d.h. die Anpassungsfähigkeit und Variabilität. Nur so könne der Umbruch als Dauerzustand erfolgreich akzeptiert werden. Aktuell unter Beweis stellen muss dies der CEO von E.ON, Dr. Johannes Teyssen, der von Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart mit den Worten „mit Ihnen will man auch nicht tauschen“ anmoderiert wurde.

Harmonischer ging es zwischen Dr. Heinrich Hiesinger  und seinem Referenten Thomas Tuchel zu. Den CEO von ThyssenKrupp und den Trainer der ersten Fußballmannschaft des FSV Mainz 05 verbindet eine vergleichbare Situation zum Zeitpunkt ihres jeweiligen Jobantritts: kaum jemand traute ihnen ihre neue Aufgabe zu. „LEADERSHIP“ ist für beide der Schlüssel zum Erfolg. Tuchel entwickelte mit seiner Mannschaft klare Regeln (z.B. 40 Minuten Mindestdauer gemeinsamer Mittagessen, Begrüßung per Handschlag) und vereinbart verbindliche Leistungsziele (z.B. Top 6 Platzierung bei Sprints im letzten Spielfelddrittel). Hiesinger setzt auf eine klare Ansprache bei Mitarbeitern und eine gewisse Distanz zum Tagesgeschäft, um seine Mission als „Pathfinder“ im Unternehmen optimal wahrnehmen zu können.

„PERFECTION“ schliesslich war gleich am Vormittag das Thema von Daimler. CEO Dr. Dieter Zetsche sieht im Streben nach einer perfekten Beschaffenheit einen Dauerzustand, warnte jedoch auch: „Streben Sie nach Perfektion, aber tappen Sie nicht in die Perfektionsfalle“. Der 7-fache Formel-I Weltmeister Michael Schumacher misst Leidenschaft, Freude und Disziplin („harte Arbeit ist durch nichts zu ersetzen“) eine viel höhere Bedeutung bei als Talent und Glück. Schade nur, dass es ausgerechnet mit den eher „unperfekten“ Italienern auf Ferrari gelungen ist, Meistertitel einzufahren, und nicht mit Mercedes-Benz.

Die Zukunft bleibt offen, die Herausforderungen sind vielfältig. Die 700 anwesenden Nachwuchsführungskräfte, die von den 7 Konzernen aus den eigenen Reihen für eine Teilnahme an der Tagung ausgewählt wurden, haben einen Vorteil: statt eines Feiertages haben sie sich einen ganzen Tag lang Zeit genommen, mit hochkarätigen Referenten und herausragenden Konzernlenkern der deutschen Wirtschaft über die Zukunft nachzudenken und Antworten auf die zentralen Fragen zu finden. Es liegt nun in ihrer Hand, aus den vielfältigen Erkenntnissen des Tages die richtigen Weichenstellungen für die Zukunft vorzunehmen.


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